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Warum es so wenig Frauen im Sportjournalismus gibt

Welche Berufsziele verfolgen Sportjournalistinnen? Warum haben sie diesen Job gewählt? Wie zufrieden sind sie mit der Berufswahl? Um solche Fragen zu beantworten, wurde an der TU München die Studie „Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus“ durchgeführt. Ausgewählte Ergebnisse fasst der Leiter des Arbeitsbereichs für Medien und Kommunikation der Sportfakultät, Michael Schaffrath, zusammen.

„Solange es uns gelingt, die Frauen im Sportjournalismus noch namentlich aufzuzählen, wissen wir, dass hier etwas falsch läuft.“ Dieses gut zehn Jahre alte Statement der WDR-Hörfunk-Sportchefin Sabine Töpperwien (2007, S. 103) muss heutzutage sicher relativiert werden. Aber die Frauenquote stagniert immer noch auf eher niedrigem Niveau, auch wenn sie gestiegen ist. Betrug der Anteil an Sportjournalistinnen 1993 rund 7,3 Prozent (vgl. Görner 1995, S. 133), so stieg er bis 2004 auf 11,3 Prozent (vgl. Ehl/Fey 2004, S. 41) und dann bis 2010 nochmals leicht auf 11,5 Prozent (vgl. Helm 2013, S. 158). Nach aktuellen Angaben des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) liegt der Frauenanteil aktuell „zwischen 10 und 11 Prozent“ (vgl. Maag 2019).

Im Vergleich zu anderen Fachressorts sind Frauen im Sportjournalismus deutlich unterrepräsentiert: Der Durchschnittswert von Journalistinnen allgemein wird auf rund 37 Prozent (Weischenberg/Malik/Scholl 2006a, S. 45) bis 40 Prozent (vgl. Zörner 2019) taxiert. Aber die vergleichsweise wenigen Sportjournalistinnen machen ihren Job, motiviert durch ein hohes Interesse am Sport, gern und verfolgen dabei klare Ziele, wie die Auswertungen zum Rollenselbstverständnis belegen.

Rollenselbstverständnis

Unter dem Rollenselbstverständnis werden jene „kommunikativen Ziele und Absichten verstanden, mit denen Journalisten ihren Beruf ausüben“ (Weischenberg/Malik/Scholl 2006b, S. 355). Im Kern geht es dabei um die Frage: „Was wollen Journalisten?“ (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006a, S. 97). Das Rollenselbstverständnis kann „Ausdruck oder Voraussetzung für das berufliche Handeln sein. Es beschreibt den selbst gesteckten Rahmen des Handelns“ (Weischenberg/Malik/Scholl 2006b, S. 355) und kann „in konkreten Situationen handlungsleitende Bedeutung erfahren“ (Esser/Weßler 2002, S. 188).

Selbst wenn es theoretisch wie methodisch „unzulässig“ ist, kausal vom Rollenselbstverständnis der Journalisten auf den Einfluss im Journalismus zu schließen (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006b, S. 355), so bleibt die Wissenschaft „herausgefordert, die Kommunikationsziele oder Kommunikationsabsichten von Journalisten zu erforschen, zu rekonstruieren, zu analysieren“ (Weischenberg/Malik/Scholl 2006a, S. 99 f.).

Ein richtiger Anspruch, der jedoch für die Gruppe der Sportjournalistinnen bislang noch nie eingelöst worden ist. Diese Forschungslücke wird mit der Studie „Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus“ reduziert.

Untersuchungsdesign

Als Methode wurde eine Online-Befragung durchgeführt. Die Namen, Kontaktdaten und E-Mail-Adressen der Sportjournalistinnen wurden auf den Homepages von Verlagen und Sendern sowie zusätzlich durch Telefonrecherchen bei 142 Sportredaktionen ermittelt. Insgesamt konnten 233 Sportjournalistinnen ausfindig gemacht und dann persönlich angeschrieben werden.

Der Fragebogen umfasste 33 Fragen. Die Feldzeit lag zwischen dem 1. Juni und dem 30. September 2018. 154 Frauen nahmen an der Umfrage teil. Die Rücklaufquote lag bei 66,1 Prozent. 143 Sportjournalistinnen beendeten die Umfrage komplett. Die Studie ist damit die größte Umfrage unter Sportjournalistinnen in Deutschland überhaupt.

Berufsmotive

Als Hauptgrund für ihre Berufswahl nennen knapp zwei Drittel aller Befragten ihr „generelles Interesse am Sport“. Gut ein Drittel aller Sportjournalistinnen gibt außerdem an, diesen „Berufswunsch bereits von Kindheit an“ gehabt zu haben. Für knapp ein Drittel war die hohe „Übereinstimmung zwischen dem Jobprofil und den eigenen Fähigkeiten“ ausschlaggebend, Sportjournalistin geworden zu sein. Und rund ein Viertel wollte das „eigene Hobby zum Beruf machen“ (Tab. 1).

Berufszufriedenheit

Da Spitzensport oft am Wochenende oder an Abenden stattfindet, ist es schwierig, den Sportjournalisten-Beruf mit Ehe und Familie zu vereinbaren. Darin sehen auch zwei Drittel der Befragten die Hauptursache, warum die Frauenquote in den Redaktionen auf dem geschilderten geringen Niveau stagniert.

Trotz der familienunfreundlichen Arbeitszeiten ist die Berufszufriedenheit auffallend hoch. 83 Prozent der Befragten sind „sehr“ oder „eher“ zufrieden, 79,5 Prozent würden den Beruf erneut wählen, wenn sie sich nochmals entscheiden müssten. 14,6 Prozent sind hier eher unentschieden und nur 5,9 Prozent würden sich einen anderen Job suchen (Tab. 2).

Berufsziele: normativ, ökonomisch und persönlich

„Informieren“ ist das wichtigste Berufsziel im Journalismus generell. Das belegen sämtliche Kommunikatorstudien seit Jahrzehnten. Und dies gilt unabhängig vom Fachressort und losgelöst vom Geschlecht.

Dementsprechend gehört auch für Sportjournalistinnen der Informationsanspruch mit Abstand zu den wichtigsten normativen Zielen (Tab. 3): Fast 93 Prozent der Befragten geht es um die „neutrale und präzise Information des Publikums“. An zweiter Stelle – mit rund 87 Prozent Zustimmung – folgt die „Erklärung und Vermittlung komplexer Sachverhalte“. Die „schnelle Informationsvermittlung“ ist ebenso wie die „Kritikfunktion“ für jeweils rund drei Viertel relevant, mit knapp 73 Prozent dicht gefolgt von der „Unterhaltungsfunktion“. Der Wunsch, mit dem Beruf auch unterhalten zu wollen, zeigt, dass die in den letzten Jahrzehnten gestiegene Entertainisierung des Mediensports von vielen Sportjournalistinnen verinnerlicht und akzeptiert wird.

Während in traditionellen Journalisten-Umfragen fast immer ausschließlich normative Berufsmotive abgefragt worden sind, wurde in dieser Studie das Portfolio um ökonomische und um persönliche Jobziele erweitert. Es zeigt sich, dass Sportjournalistinnen sich bei der Berufsausübung nicht nur an gemeinwohlorientierten, normativen Vorgaben orientieren, sondern durchaus auch wirtschaftliche Interessen ihrer Arbeitgeber berücksichtigen und individuellen Eigeninteressen im Job nachgehen.

Getreu dem Motto: „Nothing sells like Sports!“ hat die massive Kommerzialisierung des Spitzensports auch zu einer gestiegenen Ökonomisierung der Sportmedienbranche geführt. „Mittendrin statt nur dabei“ arbeiten die Sportjournalistinnen und Sportjournalisten, die immer seltener ein Kulturgut vermitteln und dafür immer häufiger eine Wirtschaftsware vermarkten. Auflagen- und Quotendruck verschärfen den wirtschaftlichen Determinismus in Verlagen und Sendern zusätzlich. Daher ist in Anlehnung an Karl Marx zu fragen, ob das ökonomische Sein des Mediensports nicht auch das Bewusstsein der Sportjournalistinnen (mit)bestimmt.

Diese Studie liefert erstmals Hinweise darauf, dass Sportjournalistinnen auch ökonomische Berufsziele verfolgen (Tab. 4). So möchte fast die Hälfte aller Befragten „am wirtschaftlichen Erfolg ihres Medienunternehmens mitwirken“. Knapp ein Drittel versteht sich außerdem als „kostenbewusste Informationsunternehmerin“ und noch jede Siebte als „Vermarkterin, die ein Produkt gewinnbringend absetzen muss“. Nur knapp sechs Prozent sehen sich als „Zielgruppenverkäuferin“.

Als dritte Dimension des Rollenselbstverständnisses sind für Sportjournalistinnen noch persönlich motivierte Berufsziele relevant (vgl. Tab. 5). Am wichtigsten ist hierbei die „Selbstverwirklichung“, die von gut 70 Prozent der Befragten beschrieben wird, dicht gefolgt von den pekuniär ausgerichteten Wünschen, „gute Verdienstmöglichkeiten zu schaffen“ (knapp 70 Prozent) und „den eigenen Arbeitsplatz zu sichern“ (rund 67 Prozent). „Bei Top-Sport-Events dabei zu sein“, wird von mehr als 60 Prozent genannt.

Auch die folgenden, als „Aufmerksamkeitsdividende“ deklarierbaren Kommunikationsabsichten besitzen für viele Sportjournalistinnen einen großen Stellenwert. So möchten knapp 60 Prozent „beim Publikum Aufmerksamkeit für die eigene Arbeit wecken“. Die „Anerkennung von Kollegen“ streben rund 46 Prozent an. „Positionsverbesserungen in der Redaktionshierarchie“ ist für gut ein Drittel der Befragten noch bedeutsam. Einen „privilegierten Zugang zu Spitzensportlern und Spitzensportlerinnen“ reizt fast jede fünfte Sportjournalistin an dem Job. Der „Gewinn eines Journalistenpreises“ ist dagegen nur noch rund zehn Prozent der Befragten wichtig.

Fazit

Die Studie macht deutlich, dass Sportjournalistinnen sich sowohl in der Rolle von „uneigennützigen Sachwaltern von Gemeinwohlinteressen“ sehen als auch als „eigennützige Personen mit Partikularintentionen“ verstehen. Das professionelle Selbstverständnis ist mehrdimensional und facettenreich. Aber Sportjournalistinnen wissen klar, was sie wollen.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Prof. Michael SchaffrathDer Autor Prof. Dr. Michael Schaffrath ist Leiter des Arbeitsbereichs Medien und Kommunikation an der Sportfakultät der TU München. Vorherige wissenschaftliche Stationen: Deutsche Sporthochschule Köln, TU Dresden sowie die Universitäten in Lüneburg, Gießen und Koblenz-Landau. Schaffrath ist Herausgeber der Schriftenreihe „Sportpublizistik“ sowie der Sammelbände „Sport-PR und PR im Sport“ und „Traumberuf Sportjournalismus“. Er ist Autor von elf Fachbüchern und mehr als 100 Aufsätzen zu Themen der Sportkommunikation.
Kontakt: michael.schaffrath@tum.de

 

Literatur

Ehl, L.; Fey, A. (2004): Das Berufsprofil „Sportjournalist 2004“. Eine repräsentative Befragung der Sportjournalisten in Deutschland. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Köln.

Esser, F.; Weßler, H. (2002): Journalisten als Rollenträger: redaktionelle Organisation und berufliches Selbstverständnis. In Jarren, O.; Weßler, H. (Hrsg.): Journalismus – Medien – Öffentlichkeit. Eine Einführung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S.165-240.

Görner, F. (1995): Vom Außenseiter zum Aufsteiger. Ergebnisse der ersten repräsentativen Befragung von Sportjournalisten in Deutschland. Berlin: Vistas.

Helm, K. (2013): Die Aufsteiger der Redaktion traditionell (1995) und aktuell (2010). Eine empirische Studie zum nationalen Sportjournalismus. Pulheim: MedienSportVerlag.

Maag, U. (2019): Mail von der VDS-Geschäftsstelle an den Verfasser vom 20.03.2019.

Töpperwien, S. (2007): Stimme, Studium und Selfmade-Mentalität. In: Schaffrath, M. (Hrsg.): Traumberuf Sportjournalismus. Ausbildungswege und Anforderungsprofile in der Sportmedienbranche. Münster/Berlin: LIT-Verlag, S. 93-103.

Weischenberg, S.; Malik, M.; Scholl, A. (2006a): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.

Weischenberg, S.; Malik, M.; Scholl, A. (2006b): Journalismus in Deutschland 2005. Zentrale Befunde der aktuellen Repräsentativbefragung deutscher Journalisten. Media Perspektiven 7, S. 346-361.

Zörner, H. (2019): Persönliches Telefongespräch von Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes, mit dem Verfasser am 27.06.2019.

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