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Was Sie bei Live-Videos alles beachten sollten

Eine große Rolle spielen Smartphones auch bei der Live-Berichterstattung. Das Radio und vor allem das Fernsehen haben eine lange Live-Geschichte. Im digitalen Journalismus spielt die Live-Berichterstattung eine immer größere Rolle. Journalisten, die mit ihrem Smartphone am Ort eines Ereignisses sind (zu dem ein Fernsehteam eventuell gar keinen Zugang hätte), können in Sekundenschnelle einen Live-Stream starten.

Live-Videos sind beim Publikum gefragt. Die Möglichkeit, zu sehen, wie sich ein Ereignis entwickelt, hat für sehr viele Zuschauer einen hohen Reiz. Man weiß nicht, wie es ausgeht und das macht das Mitfiebern so spannend. Außerdem werden Live-Videos oft als ehrlicher und authentischer angesehen, da sie nicht geschnitten sind.

Einsatzbereiche

Der Zuschauer eines Live-Streams will etwas erleben, will dabei sein, wo etwas Spannendes, Emotionales oder auch Unterhaltsames passiert. Die größte Stärke eines Live-Streams ist, dass er den Zuschauer vor Ort bringt. Per Live-Video kann der Reporter zeigen, wie es am Ort des Geschehens aussieht, wie es sich anhört, wie die Stimmung ist.
Gut für den Live-Reporter eignen sich Ereignisse, die sich auf der Straße abspielen. Zum Beispiel Demonstrationen: Hier gibt es eine aktive Menschenmenge, die etwas skandiert oder Transparente hochhält. Und eine Menge möglicher Interviewpartner gibt es obendrein. Menschen interessieren sich für Menschen, vor allem für solche, die etwas machen und in Bewegung sind. Der optische und akustische Reiz ist hier viel höher als bei einem inszenierten Ereignis wie einer Pressekonferenz.

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Live-Streams für Interviews verwendet werden. Live-Interviews funktionieren am besten über Authentizität bzw. Emotionalität: Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer hat 2015 den Syrer Fera auf dessen Flucht nach Deutschland begleitet und ihn auf den verschiedenen Etappen nach seinen Eindrücken und Gefühlen gefragt. Miriam Meckel und Lea Steinacker von der Wirtschaftswoche haben sich als Stream-Team einen Namen gemacht: Sie filmen sich mit Selfie-Stick, während sie auf Facebook über Trends in der digitalen Kommunikation diskutieren, meistens zu zweit, manchmal mit Gästen, fast immer von einer einschlägigen Konferenz wie der South by Southwest oder der re:publica.

Ein Live-Stream wiederum kann sehr ermüdend sein, wenn 10 oder 20 Minuten lang nichts passiert und der Zuschauer immer nur die gleiche Perspektive und einen spekulierenden Reporter sieht. Besonders das Fernsehen hat dieses Problem, weil es wegen seiner Ausrüstung nicht so flexibel ist. Smartphone-Reporter sind hier im Vorteil, weil sie leichter ihren Aufenthaltsort verändern können.

Breaking-News-Situationen eignen sich nur bedingt für Live-Streams. Zwar ist das Interesse des Publikums an Informationen über ein Unglück oder eine überraschende Neuigkeit oft enorm hoch, für den Journalisten sind sie problematisch, denn er hat keine oder nur sehr wenig Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen und Informationen zu verifizieren. Genau das aber muss er tun, um sich vom (sensationslüsternen) Amateur abzuheben: Indem er recherchiert, die W-Fragen so gut es geht beantwortet, gesicherte Fakten zusammenträgt und das Geschehen einordnet. Die Zuschauer haben nichts davon, wenn der Reporter Spekulationen und Gerüchte wiedergibt.

Auch die Methode, einfach nur per Live-Stream draufzuhalten, ist nicht das richtige Mittel. Das musste im November 2015 auch ein Stern-Reporter erfahren, der sich nach den Anschlägen von Paris mit seiner Kamera an die Fersen von Polizisten heftete, die in einem Anti-Terror Einsatz unterwegs waren. Damit brachte er zum einen sich selbst in Gefahr, zum anderen um seine Glaubwürdigkeit, weil er immer wieder selbst in die Kamera sagte, er wisse gar nicht, was hier eigentlich los sei.

Auch ethische Aspekte sprechen oft gegen einen Live-Stream: Bei der Live-Berichterstattung von Unglücken oder sogar Anschlägen und den darauffolgenden Einsätzen von Rettungs- und Sicherheitskräften sollten verantwortungsvolle Journalisten keine entstellten, lebensgefährlich verletzten oder gar toten Menschen zeigen, zumindest nicht aus der Nähe.

Bei Breaking News ist ein größer angelegter Live-Ticker, um den es gleich ausführlicher gehen wird, meist die bessere Wahl.

Vorbereitung

Eine Vorbereitung ist also nur bei geplanten Ereignissen möglich – und nötig, wenn es gut werden soll, denn eine Live-Übertragung ist sehr anspruchsvoll. Der Zuschauer sieht direkt dabei zu, wenn der Smartphone-Reporter seine Arbeit macht. Für den Reporter ist das ungleich anstrengender, weil er sich nur schlecht korrigieren kann. Alles, was er sagt, wird live übertragen, ob inhaltlich und sprachlich gelungen oder misslungen. Um die Fehlerquote gering zu halten und dem Zuschauer einen hohen Mehrwert zu liefern, sollte sich der mobile Reporter gut vorbereiten:

• Inhaltlich: Live-Reporter sollten mit der Materie vertraut sein, Fakten und Fragen parat haben. Das erleichtert es, flüssig vortragen zu können.
• Organisatorisch: Hier geht es darum, Gesprächspartner ausfindig zu machen und sich mit Ihnen zu verabreden.
• Örtlich: Es hilft ungemein, den Ort, von dem live gestreamt wird, vorher zu besichtigen: Wo gibt es interessante Perspektiven, wo sind Akustik und Licht gut und wo nicht, wo geht es lang?
• Dramaturgisch: Ein Live-Video ist zwar etwas anderes als ein Film, Einstieg und Ausstieg sind aber auch hier wichtig. Welche Szenen bzw. Schauplätze sind spannend?

Technik: Gutes Netz und Strom satt

Alle inhaltliche Planung ist aber umsonst, wenn die Technik nicht funktioniert. Dazu zählt zuallererst eine gute und stabile Netzverbindung. Vor Ort sollte man checken, ob es ein stabiles WLAN gibt, das auch dann noch funktioniert, wenn viele andere Menschen es gleichzeitig nutzen. Bei größeren Events gibt es unter Umständen auch ein separates Produktions-WLAN. Die App Open Signal hilft dabei, offene WLANs in der Umgebung zu suchen. Ist kein WLAN vorhanden, muss man auf das Mobilfunknetz zurückgreifen. Wegen der hohen Datenmenge, die bei einem Videostream anfällt, sollte es auf jeden Fall ein 4G-Netz (LTE) sein. Und man braucht natürlich ein ausreichendes mobiles Datenvolumen, gerade wenn man länger on air bleiben will. Vor dem Start des Streams sollte man prüfen, wie viel des monatlichen Datenvolumens noch übrig ist, um zu vermeiden, dass man während der Übertragung gedrosselt wird. Noch unabhängiger ist, wer zusätzlich zum Smartphone einen mobilen Router wie den Huawei E5770 dabei hat.

Livestreaming verbraucht nicht nur viel Datenmenge, sondern auch viel Strom, da Kamera, Display und Internetverbindung stark beansprucht werden. Deshalb sollte man einen oder sogar zwei externe USB-Akkus (auch Powerbar genannt) im Gepäck haben, über die man sein Smartphone und gegebenenfalls auch den Router unterwegs wieder laden kann.

Wie beim „normalen“ Video-Dreh mit dem Smartphone sorgt Zubehör für eine höhere Qualität beim Livestream: Halterung und Stativ für eine stabile Aufnahme, ein externes Mikrofon für guten Ton.

Sowohl bei Facebook als auch bei Periscope ist der vom Smartphone gesendete Live-Stream die „natürliche“ Variante. Auf Facebook kann die Live-Funktion auch vom Desktop-Browser aus gestartet werden und greift dann auf die integrierte Kamera oder eine externe Webcam zu. Die Perspektiven sind natürlich deutlich eingeschränkter als mit dem Smartphone, das das ungleich bessere Reporter-Werkzeug ist.

Facebook-Live-Streams lassen sich auch auf einer externen Website einbetten. Den dafür nötigen Embed-Code findet man durch einen Klick auf die drei Punkte oben rechts neben dem Video.
Auf der Periscope-Website kann man zumindest ein Widget für einen eigenen „On-Air-Button“ generieren und diesen Button so auf der eigenen Website einbinden. Sobald der Live-Stream auf Periscope startet, wechselt der Button von blau auf rot, zusätzlich wird das Wort „LIVE“ hinzugefügt.

Live und interaktiv

Es gibt für alles eine App, natürlich auch für das Streamen mit dem Smartphone, U-Stream zum Beispiel. Besonders reizvoll sind aber Streams direkt in soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder YouTube. Zum einen spart man sich so viel technischen Aufwand, zum anderen können sich die Nutzer aktiv mit Kommentaren und Fragen beteiligen.

Gerade die Interaktion mit dem Publikum kann für Journalisten besonders reizvoll sein. Welt-Videoreporter Martin Heller streamte 2015 mit der zu Twitter gehörenden Streaming-App Periscope live vom G-7-Gipfel in Elmau, genauer gesagt, von den Demonstrationen dagegen. Dabei ging er auf Fragen der Stream-Zuschauer ein, die ihn teilweise auch aufforderten, an bestimmte Orte des Geschehens zu gehen. Wenn die Nutzer so an einem Ereignis teilhaben können, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Stream teilen werden. Interaktion schafft also Reichweite.
Noch stärker gilt das für Facebook Live, den Dienst, der mittlerweile Marktführer unter den Social-Live-Stream-Anbietern ist. Der Facebook-Algorithmus liebt bekanntlich Inhalte, die häufig geliked, kommentiert und geteilt werden. Bei Live-Videos gibt es häufig viele Kommentare, weswegen Facebook sie bevorzugt ausspielt. Um die „Einschaltquote“ noch weiter zu erhöhen, sollte man geplante Live-Streams vorab auf Facebook ankündigen. Interessierte Nutzer bekommen dann eine Push-Nachricht, wenn der Stream startet. Und vielleicht haben sie sich bis zum Start ja auch eine Frage ausgedacht.

Live-Streams sind ein gutes Mittel, um die Bindung zu den Nutzern zu steigern. Wenn Journalisten die Kommentare und Fragen der Nutzer aufgreifen und sie dabei namentlich erwähnen, ist das ein Zeichen der Wertschätzung, das bei den Nutzern sehr gut ankommt. Außerdem können Journalisten durch die Fragen und Kommentare auf Ideen für neue Geschichten oder Weiterdrehs kommen.

Die Nutzer-Kommentare müssen natürlich auch gesichtet werden, idealerweise nicht vom Live-Reporter selbst, der ohnehin schon mit Kamera, Ton und Kommentar beschäftigt ist. Gerade bei geplanten Live-Streams ist es ein Leichtes, einen Community-Manager mit an Bord zu nehmen, der sich auf die Sichtung der Kommentare konzentriert und die wichtigsten an den Moderator bzw. Reporter weitergibt, zum Beispiel via WhatsApp.

In keinem Fall sollte man Live-Streams mit Fernsehen verwechseln, schon gar nicht in sozialen Netzwerken. Aufsager-Monologe kommen hier nicht an. Wenn zu viel vorformuliert ist, wirkt das eher wie Scripted Reality und nicht wie ein authentischer Live-Stream. Hier geht es ganz klar um das gemeinsame Erleben eines Ereignisses oder einer Situation. Authentizität schlägt auf jeden Fall Perfektion: Die Live-Reporter Martin Heller und Paul Ronzheimer schlagen einen lockeren Ton an, der auch mal ins Emotionale geht. Nicht jeder Satz gelingt auf Anhieb, nicht jede Einstellung sitzt. Das muss aber auch nicht sein, beim Publikum kommt diese Art der Berichterstattung sehr gut an, dafür nimmt es auch mal einen Wackler oder eine Unterbelichtung in Kauf.
Anspruchsvollere Live-Video-Übertragungen mit mehreren Kameras, Schalten zu Gästen, Text- und Grafikeinblendungen sind mit der Software Wirecast (PC und Mac) sowie Mimo Live (nur Mac) möglich.

Noch ein Wort zum Recht

Unglaublich, aber wahr: Wer live streamen will, braucht streng genommen eine Sendelizenz. Das klingt im Social-Media-Zeitalter total wirklichkeitsfremd, steht aber so im Rundfunkstaatsvertrag. Ein lizenzpflichtiges Rundfunkprogramm macht, wer mehr als 500 Nutzer gleichzeitig und live erreicht, regelmäßig sendet und die Inhalte redaktionell und umfangreich aufbereitet. Jeder journalistisch gemachte Live-Stream auf Facebook, YouTube oder Periscope gehört dazu. Allerdings wird dieses Thema auch von den Landesrundfunkanstalten unterschiedlich behandelt. Im Zweifel muss man in seinem Bundesland nachfragen, wie der Stand der Dinge ist. Viele Video-Streamer scheinen es aber nach der Devise „Wo kein Kläger, da kein Richter“ zu handhaben.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Digitaler Journalismus. Ein Handbuch für Recherche, Produktion und Vermarktung“ von Bernd Oswald, erschienen im Midas-Verlag, Zürich 2019.

 

 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Foto: Andreas Unger

Foto: Andreas Unger

Bernd Oswald ist freier Journalist für Themen an der Schnittstelle von Politik, Medien und Technik. Er ist freier Mitarbeiter bei BR24, dem trimedialen Nachrichtenangebot des Bayerischen Rundfunks, wo er sich auf Fact-Checking und Verifikation spezialisiert hat. Darüber hinaus arbeitet Oswald als Trainer für digitalen Journalismus. Er bietet vor allem Seminare zu Online-Recherche, Schreiben fürs Netz und Datenjournalismus an. Über neue Trends im digitalen Journalismus bloggt er auf er auf journalisten-training.de und twittert als @berndoswald. Kürzlich ist sein E-Book „Digitaler Journalismus. Eine Gebrauchsanweisung“ erschienen.

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