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Weiblicher Auslandsjournalismus weltweit: Berichterstattung aus Israel

Der Nahe Osten ist seit Jahrzehnten ein hochbrisantes Konfliktfeld. Kriege, Unruhen, Anschläge – die Gewalt hat viele Gesichter und die Politik bietet nur in seltenen Fällen nachhaltige Lösungen an. Trotz – oder gerade wegen? – der spürbaren Spannungen ist diese Region für den Journalismus hochinteressant. Mareike Enghusen hat sich in Israel ihren Traum als Auslandskorrespondentin erfüllt. Im Fachjournalist berichtet sie über ihre beruflichen Erfahrungen und zeigt auf, ob es einen Unterschied macht, als Frau aus dem Nahen Osten zu berichten. 

Manchmal gibt es Schlüsselmomente im Leben, die man erst im Nachhinein als solche erkennt. Vor elf Jahren hatte ich einen solchen Moment. Ich studierte damals Nahostwissenschaften an der University of St Andrews in Schottland und mein Professor hatte einen amerikanischen Journalisten eingeladen, der viele Male in den Iran geflogen war und uns von seinen Eindrücken berichten sollte. Der Mann arbeitete als freier Reporter und lebte in jener Zeit in Istanbul. „Was Sie machen, ist mein Traum“, sagte ich zu ihm. „Wie kommt man da hin?“ – „Es gibt zwei Möglichkeiten“, antwortete er. „Entweder, Sie arbeiten in einer Redaktion, bewähren sich und werden vielleicht irgendwann, wenn Sie 50 sind und Familie haben, ins Ausland geschickt. Oder, wenn Sie darauf nicht warten wollen, so wie ich, reisen Sie einfach los und berichten frei.“ Klingt großartig, dachte ich. Aber nichts für mich.

Elf Jahre später sitze ich in einem Café in Tel Aviv, während ich diese Worte schreibe. Bewegte Tage liegen hinter mir: Innerhalb zweier Wochen haben vier Anschläge das Land erschüttert, der letzte nur zehn Minuten Fußweg von dem Café entfernt, in dem ich sitze.

Es war Donnerstagabend, ich hatte gerade ausgehen wollen, als ich von dem Anschlag hörte. Sofort zog ich meine Jacke wieder aus, startete den Computer, schickte eine Mail an meinen Radiokunden und bereitete den ersten Bericht vor. Nach einer kurzen Nacht meldeten sich am folgenden Morgen die Tageszeitungen, für die ich aus der Region berichte, und bestellten Nachrichten, Analysen und einen Kommentar zur Lage. Es war Freitag, der erste Tag des israelischen Wochenendes, aber für mich als freie Reporterin macht das in solchen Situationen keinen Unterschied.

Getrieben oder selbstbestimmt?

Für meine Auftraggeber bin ich die Frau in Israel. Kollegen, die für mich einspringen könnten, habe ich nicht. Eine Getriebene meiner Arbeit bin ich deshalb nicht – im Gegenteil: Noch nie konnte ich so selbstbestimmt arbeiten wie als freie Korrespondentin im Ausland.

Ja, es gibt anstrengende Phasen, in denen ich die Wünsche vieler verschiedener Auftraggeber in kurzer Zeit erfüllen muss. Ebenso gibt es Zeiten, in denen sich die Aufmerksamkeit der Welt auf andere Regionen richtet, so wie zuletzt auf die Ukraine. Doch ich habe gelernt, mit beidem umzugehen, der Ebbe und der Flut.

Zielstrebig – auch ohne Planung

„Dein Lebenslauf sieht aus, als hättest du jeden Schritt geplant“, sagte einmal eine junge Kollegin zu mir. Darüber musste ich lachen. Dabei ist es wahr: Im Nachhinein scheint es auch mir völlig logisch, dass ich heute aus dem Nahen Osten berichte.

Ich habe mich schon im Studium auf die Region spezialisiert, als Studentin Zeit in Ägypten und Israel verbracht und nebenbei für Lokalzeitungen geschrieben. Aber geplant habe ich meinen Weg nicht. Nach meinem Abschluss an der Henri-Nannen-Journalistenschule 2014 erhielt ich ein Stipendium, mit dessen Hilfe ich sechs Monate lang für deutsche Medien aus Israel und den Palästinensergebieten berichten und dann, bereichert um neue Erfahrungen und Kontakte, nach Deutschland zurückkehren sollte. Der erste Teil des Plans ging auf, der zweite nicht: Nach Ablauf des Programms beschloss ich, in Israel zu bleiben und hier als Journalistin zu arbeiten, so lange, wie es mir gefiele. Würden es Wochen sein, Monate oder Jahre? Darauf hatte ich damals keine Antwort.

Etabliert in der Medienlandschaft

Inzwischen sind fast acht Jahre vergangen. Ich berichte heute für mehrere Tageszeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter für den Tagesspiegel, schreibe für Magazine wie Brandeins, Cicero und den Focus und produziere Radiostücke. Hebräisch spreche ich mittlerweile fließend. Wann immer möglich, decke ich auch Israels arabische Nachbarländer ab.

Vor der Coronapandemie bin ich viel gereist und habe mehrere Monate in Ägypten und Jordanien verbracht, um ein tieferes Verständnis für diese Länder zu entwickeln und mein Arabisch zu verbessern. Die Pandemie hat das Reisen erschwert, aber ich halte Kontakte und nehme Arabischunterricht per Zoom. Denn wie überall gilt auch im Nahen Osten: Die Sprache der Menschen vor Ort zu sprechen, öffnet Türen und Herzen und erleichtert den beruflichen ebenso wie den privaten Alltag ungemein.

Allgemeingültige Erfahrungen für Krisenregionen?

Manche meiner Erfahrungen als freie Korrespondentin dürften sich auf andere Länder übertragen lassen, andere beschränken sich auf mein Berichtsgebiet. Zu Letzteren zählt ein Aspekt, der sich im Alltag leicht verdrängen lässt, nur um sich mit gnadenloser Wucht ins Gedächtnis zu rufen: Ich lebe in einer Krisenregion.

Der ungelöste Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bricht immer wieder blutig auf. Vergangenen Mai begann die islamistische Hamas im Gazastreifen, nach Zusammenstößen zwischen Palästinensern und Polizisten in Jerusalem Raketen auf israelische Städte abzuschießen. Israels Luftwaffe bombardierte darauf Ziele der Hamas in Gaza, wobei nicht nur Terroristen, sondern auch Zivilisten ums Leben kamen.

Für mich waren diese elf Tage die intensivsten des ganzen Jahres. Neben meinen üblichen Auftraggebern meldeten sich etliche weitere Medien, die dringend Berichte, Analysen und Reportagen zur Lage wollten, darunter auch Fernsehsender. Meine hektischen Arbeitstage wurden immer wieder von Sirenen unterbrochen, die vor Raketenalarm warnten. Sobald die erste Sirene schrillt, haben Bewohner Tel Avivs noch anderthalb Minuten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Das erste Mal erwischte es mich auf dem Heimweg vom Yogakurs. Weil kein Bunker in der Nähe war, flüchtete ich in das Treppenhaus des nächstbesten Wohnhauses. Zusammen mit weiteren verängstigten Passanten kauerte ich mich auf den Stufen zusammen, während draußen rumpelnde Einschläge zu hören waren. Ob es das israelische Raketenabfangsystem war, das die feindlichen Geschosse abschoss, oder ob Raketen in Gebäude einschlugen, konnten wir nicht wissen. Zum ersten Mal bekam ich eine vage Ahnung davon, wie sich Krieg anfühlt.

Ich bin keine Kriegsreporterin und wollte es niemals werden. Aber in einer Region wie dieser, die mir zur Heimat geworden ist, habe ich zwangsläufig auch mit Gewalt, Elend und Tod zu tun. Ich habe die ersten Proteste des „Arabischen Frühlings“ in Kairo miterlebt, syrische und palästinensische Flüchtlingslager in Jordanien und im Libanon besucht, Verwandte von Anschlags- und Kriegsopfern getroffen und Tatorte gesehen, an denen das Blut auf dem Asphalt noch feucht war. Jeder Mensch entwickelt seine eigenen Mechanismen, um solche Erfahrungen und Begegnungen zu verarbeiten. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Daran gewöhnen möchte ich mich nie.

Die Auswirkungen der Coronapandemie

Wie wohl für alle Korrespondenten veränderte die Coronapandemie meine Art zu arbeiten dramatisch. Die persönlichen Begegnungen mit meinen Gesprächspartnern hatten bis dahin zu den anregendsten und erfüllendsten Aspekten meiner Arbeit gezählt. In den ersten Monaten der Pandemie jedoch, in denen Israel einen strengen Lockdown verhängte, musste ich die meisten Interviews per Zoom führen.

Immerhin galten für mich die strengsten Beschränkungen nicht: Während normale Bürger sich monatelang nicht weiter als einen Kilometer von der eigenen Wohnung entfernen durften, konnten Journalisten sich frei bewegen. Zudem verschaffte mir Israels weltweit bewunderte Impfkampagne Anfang 2021 einen unverhofften Auftragsboom: Alle daheim in Deutschland schienen wissen zu wollen, wie die Israelis derart schnell einen Großteil der Bevölkerung impften. Anstatt wie viele Kollegen unter Einbußen zu leiden, schrieb ich monatelang einen Impfartikel nach dem anderen.

Als Reporterin im Nahen Osten

Macht es einen Unterschied, als Frau aus dem Nahen Osten zu berichten? Ohne Vergleichswerte kann ich mich dieser Frage nur vorsichtig annähern. Im Umgang mit Gesprächspartnern, sei es in Israel oder der arabischen Welt, habe ich mich als Frau nie benachteiligt gefühlt. Gewiss gab es im Laufe der Jahre den einen oder anderen Professor, Manager oder Militärexperten, von dem ich vermute, er wäre vor einem männlichen Reporter etwas weniger breitbeinig aufgetreten. Auf der anderen Seite habe ich Zugang zu Frauen, die sich nie allein mit männlichen Kollegen treffen, geschweige denn sich ihnen so öffnen würden, wie sie es mir gegenüber tun. So konnte ich mit muslimischen Frauen über intime Themen wie das Stillen oder die Menopause sprechen und eine ultraorthodoxe Jüdin zu dem Sexualleben frommer Juden interviewen.

Am ehesten fällt mein Geschlecht meinem Eindruck nach ins Gewicht, wenn es um Leserbriefe geht. Ich bekomme wenig wütende Zuschriften, aber die, die ich erhalte, haben es oft in sich. Kritik gehört zu meinem Beruf; sachlich formuliert ist sie willkommen. Manche männlichen Verfasser aber stellen, statt Argumente vorzubringen, gleich meine Kompetenz infrage. Der Vertreter einer Stiftung schrieb mir kürzlich in einer überraschend unernsten Mail, ich solle besser über Dinge schreiben, von denen ich etwas verstünde. Beweisen kann ich es nicht, aber ich habe den starken Verdacht, einem männlichen Kollegen gegenüber hätte er sich anders ausgedrückt. In jedem Fall sind das bloß kleine Ärgernisse, nichts, was meinen Arbeitsalltag beeinträchtigen würde.

Ein Rückblick als Fazit

Obwohl ich meinen Weg nicht geplant habe, bin ich froh darüber, wohin er mich geführt hat. Der amerikanische Journalist, der damals meine Universität besuchte, hatte recht. Junge Journalisten, die es ins Ausland drängt, sollten damit nicht warten. Und junge Journalistinnen erst recht nicht.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Mareike Enghusen arbeitet seit 2014 als freie Journalistin im Nahen Osten mit Sitz in Tel Aviv, unter anderem für den Tagesspiegel, Cicero und Die Zeit. Ihr Schwerpunkt liegt auf Israel und den Palästinensergebieten; dazu berichtet sie aus Ägypten und Jordanien. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Zuvor studierte sie Politik, Nahost- und Islamwissenschaften in Göttingen, Kalifornien, Paris und St Andrews, Schottland. Webseite: mareike-enghusen.de.

 

 

 

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