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„Wir haben die Likes der früheren Jahre monetarisiert“

Mitte des Jahrzehnts starteten neue journalistische Angebote mithilfe von Crowdfunding. Fünf Jahre später steht der crowdfinanzierte Journalismus im täglichen Überlebenskampf. Welche Finanzierungsmodelle funktionieren? Welche Themen werden bevorzugt crowdfinanziert?

Michel Harms ist ein Crowdfunding-Experte der frühen Stunde. Bereits 2007 hat er eine Masterarbeit über das Thema geschrieben und sich die Domain crowdfunding.de gesichert, als Anlauf- und Kontaktadresse für Interessierte. Seit 2011 informiert er auf crowdfunding.de mit einem Online-Magazin und Linklisten über Schwarmfinanzierungs-Plattformen aus ganz verschiedenen Wirtschaftsbereichen. Für einen Blick aus der Vogelperspektive auf das Thema ist Michel Harms also ein geeigneter Ansprechpartner.

Crowdfunding in verschiedenen Formen

Ganz generell sieht Harms Crowdfunding überall dort, wo Projekte und Kampagnen auf den Weg gebracht werden sollen, und dort, wo sich Start-ups und Initiativen längerfristig eine stetige Finanzierung sichern möchten.

Er kennt eher auf Kampagnen ausgelegte Erscheinungsformen, wie das Spenden-Crowdfunding und das Reward-based Crowdfunding, bei denen Projekte – mit und ohne Gegenleistung für die Spendenden – gestartet werden sollen. Und er hat eher renditeorientierte Formen gesehen, wie das Crowdinvesting und das Crowdlending, wo die Spendenden durchaus auch monetär profitieren möchten.

Im Bereich des crowdfinanzierten Journalismus weist Harms besonders auf die Crowdfinanzierung in Form von festen Mitgliedschaften und Abos hin. „In den USA gab 2013 die Plattform Patreon den Startschuss für das Mitglieder- und Abo-Crowdfunding von kreativen Inhalten. Für das Kampagnen-Crowdfunding gab es bereits Kickstarter und Indiegogo“, erklärt Michel Harms. Als wichtige europäische Leuchtturmprojekte für schwarmfinanzierten unabhängigen Journalismus nennt er de Correspondent in den Niederlanden, Republik in der Schweiz und Krautreporter in Deutschland.

Faktisch mischen sich aber verschiedene Crowdfunding-Formate, wenn es darum geht, ein Contentangebot zu launchen und dann längerfristig zu unterhalten.

So startete Edition F, das „digitale Zuhause für Frauen und ihre Freund*innen“ 2016 zunächst mit einer Crowdinvestment-Kampagne. „Damals konnte man zwei Monate lang Investor bei Edition F werden und Geld anlegen. So kamen, oft mit Beträgen von nur 10 Euro, insgesamt 170.000 Euro zusammen“, erinnert sich Michel Harms. Seit Ende März bietet Edition F (12.000 Mitglieder) mit EDITION PLUS ein Paid-Content-Modell an, bei dem verschiedene Abo-Pakete, neben den weiterhin freien Inhalten, Zugang zu exklusiven neuen Contentformaten ermöglichen. Mitglieder können darüber hinaus weiterhin im „Super-Held*innen“-Paket fördern: Crowdinvest, kombiniert mit Mitgliedschaften und Subskription.

Mitgliederfinanzierung oder Paywall?

Auch ein weiterer Leuchtturm des mitgliederfinanzierten Journalismus, Perspective Daily, hat in seiner kurzen Geschichte bereits verschiedene Crowdfunding-Varianten genutzt und setzt mittlerweile auf ein Mitgliedschaftsmodell. „Unsere Plattform gibt es seit vier Jahren und sie war damals durch ein erfolgreiches Crowdfunding möglich geworden. Inzwischen bieten wir Jahresmitgliedschaften zu 60 Euro sowie Monatsmitgliedschaften zu 7,50 Euro an”, berichtet Han Langeslag, Gründer und Chief Executive Officer (CEO) von Perspective Daily.

Während das klassische Crowdfunding, wie auf startnext und Kickstarter praktiziert, zum Launch eines Angebots eingesetzt wird, wechseln viele Projekte zu Mitgliedschafts- und Subskriptionsmodellen, um ihre Projekte langfristig und nachhaltig zu unterhalten. Oder, um mit Katrin Jahns zu sprechen: „Man könnte so zwar eine Reportage oder eine TV-Sendung realisieren, aber keinen neuen Kollegen finanzieren oder ein Medium längerfristig unterhalten.“

Jahns ist Expertin für mitgliederfinanzierte Contentangebote und gehört zum Management des Berliner Unternehmens steady.de, das Medienschaffenden Beratung und Technik für die Finanzierung durch Mitglieder zur Verfügung stellt. Das Ziel von steady ist, laut Jahns, „Publisher*innen zu ermöglichen, Mitglieder um sich zu scharen, die sie und ihre Arbeit schätzen und die sie längerfristig unterstützen möchten. Man könnte sagen, dass wir die Likes der früheren Jahre institutionalisiert und monetarisiert haben.“

Aber wo verläuft die Grenze zwischen den zahlenden Mitgliedschaften der werbefreien unabhängigen Angebote und den Paywalls der klassischen Verlagsangebote? Katrin Jahns beantwortet die Frage so: „Wir unterscheiden zwischen journalistischen Angeboten, die vorwiegend Privilegien anbieten, etwa den Zugriff auf einen bestimmten Inhalt, und solchen, die eher einen Purpose, einen ideellen Mehrwert, etwa die Unterstützung von Visionen oder Missionen, Ideen oder Personen, anbieten.

Dabei haben Mitgliedschaften zahlreiche positive Nebeneffekte: Mitglieder kommunizieren ihre Mitgliedschaften nach außen, fühlen sich als Teil einer Community, teilen eine Vision oder Mission, unterstützen ganz gezielt bestimmte Protagonist*innen oder Marken.

Doch selbst beim kostenpflichtigen Zugriff auf den Inhalt gibt es mittlerweile Mischmodelle zwischen Paywall und Mitgliedschaft. So hat etwa die taz mit „taz zahl icheine Art von weicher Paywall eingeführt, bei der der Content zwar öffentlich gezeigt wird, man aber gleichzeitig darum gebeten wird, zur Unterstützung freiwillig einen festen Monatsbeitrag zu leisten.

Auch beim Mitgliedschaftsmodell von steady lässt sich eine Paywall einbauen, um zusätzliche Content-Specials, etwa einen Podcast, kostenpflichtig machen. Allerdings mache bei den auf steady.de gelisteten Plattformen die Paywall-Lösung nur etwa ein Fünftel des Umsatzes aus, berichtet Jahns.

Aktuell unterstützen mithilfe von steady etwa 80.000 Mitglieder regelmäßig die Arbeit von über 800 Journalist*innen, Blogger*innen, Podcaster*innen und anderen Kreativen. Unter ihnen bekannte Protagonist*innen wie Stefan Niggemeier mit  Übermedien oder der Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen mit seinem Blog.

Und obwohl das Mitgliedschafts-Modell für große Verlagshäuser eher selten eine Option ist, findet sich zum Beispiel auch z.ett gr.een, das junge, „diverse, feministische und inklusive“ Online-Magazin aus dem ZEIT-Verlag, unter der steady-Kundschaft. „Wir geben aber vor allem unabhängigen Publishern ein Finanzierungsmodell an die Hand“, stellt Jahns klar.

Auch bei Republik.ch aus der Schweiz, einem weiteren Leuchtturm des crowdfinanzierten Journalismus, verfolgt man beide Modelle. Artikel können dort via Direktlink von allen geteilt und gelesen werden. Der Rest steckt hinter einer Paywall.

Transparenz bei den Zahlen

Funktioniert die Mitgliederfinanzierung auch, um unabhängige Angebote zu machen und aufrechtzuerhalten?

Während Pageviews bei republik.ch nicht öffentlich gemacht werden, weist das Republik-Cockpit öffentlich transparent Einnahmen, Mitgliederzahlen und Geschäftszahlen aus. Zuletzt haben mehr als 25.000 Mitglieder mitfinanziert. Nach eigenen Angaben generiert man bei Republik.ch ab 25.000 Abonnierenden und Mitgliedern genug Einnahmen, um den gesamten Betrieb zu finanzieren, und hat dann auch Mittel, um Neues auszuprobieren und Experimente zu machen, schreibt die Redaktion im Mailinterview.

Auch Perspective Daily weist seine Zahlen aus. Aktuell verzeichnet der Titel mehr als 13.000 aktive Mitglieder und veröffentlicht durchschnittlich 36 Beiträge pro Monat. Aber da Perspective Daily unabhängig, werbefrei und fast ausschließlich mitgliederfinanziert sei, seien Parameter wie Reichweite zweitrangig. „Stattdessen konzentrieren wir uns vollständig auf unsere aktiven sowie auf potenzielle neue Mitglieder“, betont Langeslag.

Auch bei steady.de gelistete Angebote weisen teilweise ihre Leistungsdaten aus. So verzeichnet etwa der Podcast „The Pod – das erste Spielemagazin zum Hören“ 2.986 Mitglieder und 18.340 Euro Monatsumsatz. Das Online-Magazin Der Perlentaucher hat 1.825 Mitglieder und 8.417 Euro Monatsumsatz. Bei anderen Angeboten steht das Zählwerk noch auf ein- oder zweistelligen Mitglieds- und Beitragszahlen.

Bunte Vielfalt bei den Themen

Welche fachjournalistischen Themen sind besonders geeignet für eine Finanzierung über Mitglieder?

Bei einem Blick auf die Themen der bei steady gelisteten Angebote ist die Vielfalt schier unüberblickbar und schwer zu kategorisieren. Katrin Jahns ist aber fest davon überzeugt, dass eher die Nischenthemen, das Expert*innen-Wissen, die Deep Dives, Aussicht auf eine Finanzierung durch Mitgliedschaften haben. „Typischer Clickbaiting-Content, den man überall im Netz findet, ist eher weniger sinnvoll für ein Mitgliedermodell. Dazu gibt es auch eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW“, sagt sie.

Bei Perspective Daily wird der thematische Fokus durch die Expertise der jeweiligen Autorenschaft bestimmt und umfasst unter anderem Politikwissenschaft, Psychologie, Klimawandel, Gesundheit, Gesundheitspolitik und Zukunft der Arbeit. Unabhängig vom Thema fokussiert sich das Team aber immer auf einen „konstruktiven Journalismus“, der bei der journalistischen Berichterstattung über Problemstellungen und Spannungsfelder immer zusätzlich auch die Frage stellt: „Wie kann es jetzt weitergehen?“

Bezüglich möglicher Themenschwerpunkte sei die Redaktion sehr offen, sagt Langeslag. Momentan suche man aber vor allem Autor*innen aus den Bereichen Wirtschaft, Philosophie, Politik, Psychologie, Geschichte sowie Umwelt und Nachhaltigkeit. „Letztlich ist aber jedes Thema, welches mit den Prinzipien des konstruktiven Journalismus aufgearbeitet wird, willkommen“, sagt der CEO.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Gunter Becker schreibt seit Beginn der 1990er Jahre als freier Autor über elektronische Medien, Internet, Multimedia und Kino. Anfangs für die taz, dann für den Tagesspiegel und im neuen Millennium vorwiegend für Fachmagazine, wie ZOOM und Film & TV Kamera. Für das verdi-Magazin Menschen Machen Medien verfolgt er die Entwicklung nachhaltiger Filmproduktion, die Diversität in den Medien und neue Medienberufe.

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