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„Wir sind kein Medium, in dem Menschen vorgeführt werden“

Sie berichtet seit zwei Jahrzehnten über Stars und Sternchen, ist Stammgast am roten Teppich und auf Promi-Events. Hendrikje Kopp ist Chefreporterin des People- und Lifestyle-Magazins Gala. Welche Eigenschaften für People-Journalisten unabdingbar sind, wie man auf dem schmalen Grat zwischen Freundschaft zu Prominenten und professioneller Distanz wandelt und wann Geschichten für sie besonders gelungen sind, erzählt sie im Interview dem Fachjournalist.

Als Chefreporterin liefern Sie die Kernstorys des Heftes. Wie kommen Sie an Ihre Geschichten?

Das ist ein großer, bunter Strauß, aus dem Themen entstehen. Ab und zu bekomme ich auch Geschichten über das Telefon angeboten, aber in der Regel kommen sie nicht dadurch ins Heft, weil ich mit meinem Popo den Stuhl warmhalte. Das Wichtigste ist für mich, selbst vor Ort zu sein, die Stars persönlich zu treffen. Ein gutes Netzwerk ist dafür unabdingbar und persönliche Kontakte, bei denen Vertrauen eine große Rolle spielt. Bei den klassischen Promi-Geschichten – Wer ist frisch verliebt? Wer heiratet? Wer trennt sich? Wer lässt sich scheiden? – ist der beste und schönste Fall, wenn Prominente selber entscheiden, die Geschichte Gala erzählen zu wollen.

So wie Boris Becker, den ich schon seit vielen Jahren begleite. Durch dieses langjährige Vertrauen waren wir 2017 das einzige deutsche Medium, dem er kurz nach Bekanntwerden seiner Insolvenz ein sehr persönliches Interview gab und erklärte, wie es in ihm aussieht.

Sie sind bei Gruner + Jahr fest angestellt und arbeiten in Vollzeit für die Gala. Die Redaktion sitzt in Hamburg, Sie leben aber in Berlin. Wie klappt das?

Da die Gala kein Hauptstadtbüro hat, war das Konzept, einen Chefreporter vor Ort zu haben. Denn die gesellschaftliche Musik spielt hauptsächlich in Berlin, hier finden auch die meisten meiner beruflichen Termine statt. Deshalb habe ich meine Basis in der Hauptstadt, in der ich seit über 15 Jahre lebe. Ich bin meistens Montag und Freitag in Hamburg, unsere produktionsstärksten Tage, und die anderen Tage arbeite ich im Homeoffice in Berlin oder fliege auch mal hier und dort hin. An meinen Berlin-Tagen bin ich aber immer bei allen Konferenzen und wichtigen Meetings in Hamburg zugeschaltet. Das klappt ganz hervorragend.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Themenkonferenzen, Brainstormen, Telefonieren. Als Reporterin halte ich Kontakt zu Agenturen, zu Schauspielern, Sportlern – generell gesprochen – zu unserer Kundschaft, wie ich es immer gerne sage. Wichtig ist – regelmäßiges nachzuhaken: Was stehen für Dreharbeiten an? Wie geht’s ihr nach der Trennung? Ist das Kind schon da? Und dann lese ich natürlich auch viel und recherchiere. Bild.de und Focus.de sind sehr schnell, man muss aber auch andere Portale im Blick haben, natürlich auch gala.de (lacht), sowie internationale Portale von Dailymail.com über People.com bis radaronline.com und noch viele mehr. Hollywood-Themen dürfen bei uns nicht fehlen und auch nicht unsere Royals, wobei die Königshäuser täglich eigene Newsletter raussenden und wir natürlich auch Korrespondenten vor Ort haben. Auch die Instagram- und Facebook-Accounts der VIPs gehören zur Pflichtlektüre.

Wie bereiten Sie Themen auf, die Sie online finden?

Onlinejournalismus, der natürlich sehr schnell ist, ist für uns Printjournalisten extrem wichtig. Neuigkeiten verbreiten sich im Minuten-Takt, mitunter auch Top-News. Wenn unser Heft dann am Donnerstag erscheint, erwarten die Gala-Leser natürlich ganz frische News und noch mehr Hintergründe. Beispiel: Guido Maria Kretschmer heiratet auf Sylt. Die Meldung lief online rauf und runter. GALA war exklusiv bei der Hochzeit dabei! Es gilt, eine sogenannte Weiterdrehe zu finden, eine neue Geschichte zu erzählen und bestenfalls natürlich den Star persönlich – und exklusiv – zu sprechen.

Sie haben zuletzt Thomas Gottschalk interviewt, der Ihnen als ehemaliger Chorknabe etwas vorgesungen und über seine neue Liebe erzählt hat. Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, wenn man in Ihrem Ressort tätig sein will?

Man muss ein Menschenfreund sein. Ein guter People-Journalist muss offen, kommunikativ und empathisch sein. Und man muss ein aufrichtiges Interesse an seinem Gegenüber haben, ihm im Gespräch ein gutes Gefühl geben und ihn über dieses „aufschließen“.

Was ist für Sie eine gelungene Geschichte?

Wenn wir sie exklusiv haben. Wenn sie menschelt, echt ist und ein gutes, authentisches Gefühl erzeugt. Wenn sie – in welche Richtung auch immer – emotional berührt.

Welche Eigenschaften sind in Ihrem Beruf eher hinderlich?

Gleichgültigkeit, Desinteresse, Empathielosigkeit. Jemand, der kein Mitgefühl hat, sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, wird es in diesem Beruf nicht weit bringen.

Wie schafft man die Balance zwischen freundschaftlichem Miteinander und professioneller Distanz?

Mein Lieblingscredo stammt von Hanns Joachim Friedrichs. Er sagte, ein guter Journalist ist überall dabei, gehört aber niemals dazu. Natürlich bekomme ich viele Einladungen, auch privat – aber man sollte nicht den Fehler machen, zu denken, das sind alles hier meine engsten Freunde. Das ist ein sehr schmaler Grat: Natürlich entstehen über die Jahre Freundschaften, die eine schöne und verbindliche Ebene mit sich bringen. Aber kritische Fragen müssen dennoch gestellt werden. Sonst macht man sich als Journalist auch unglaubwürdig. Man darf sich nicht davor scheuen, weil man am Abend vorher eventuell noch nett zusammengesessen hat.

Und ansonsten?

Man sollte weder selbst im Vordergrund stehen wollen noch – weder bei großen noch bei kleinen Stars – vor Ehrfurcht erstarren. Dazu besteht kein Grund. Von Sylvie Meis, über Heidi Klum bis Barack Obama – am Ende des Tages sind es Menschen wie du und ich, über die ich schreibe: mit den gleichen Freuden, Leiden, Problemen und Schicksalsschlägen, die auch wir alle kennen. Meine Erfahrung ist auch die, dass es sehr berühmte und bekannte Persönlichkeiten und Hollywoodstars, schätzen, wenn man sie völlig normal behandelt und ihnen nicht mit zitterndem Kugelschreiber oder Mikrofon gegenübertritt.

So viel zu den Don´ts in Ihrem Ressort. Was sind Dos für einen People-Journalisten?

Zuhören! Natürlich bereitet man sich gut auf Interviews vor, man formuliert konkrete Fragen oder macht sich Notizen. Aber – das Gespräch muss atmen. Damit meine ich, dass man jederzeit umschwenken können muss, wenn das Gespräch eine andere Wendung nimmt, als erwartet. Dafür muss man auf Zwischentöne hören, und auf den anderen eingehen. Meistens nehme ich meine Interviews auf. Einmal habe ich nach einem halbstündigen Gespräch bemerkt, dass sich das Aufnahmegerät nach anderthalb Minuten abgeschaltet hatte. Ich habe es am Abend dann direkt niedergeschrieben, so wie ich es wahrgenommen habe, mit allen Nuancen – es wurde kein Wort daran verändert und so autorisiert.

Was war für Sie ein Highlight?

Es gibt mehrere Highlights. Hollywoodstars trifft man ja eh seltener, umso schöner wenn man dann einen entspannten und lustigen Brad Pitt oder Leonardo DiCaprio vor der Nase hat, oder Cher oder James Bond-Darsteller Daniel Craig, der aber ein Highlight nach hinten raus war. Er war kurzsilbig, schlecht gelaunt und hatte die ganze Zeit die Arme vor sich verschränkt. Ich habe mich damals gefragt, warum man so überhaupt zum Interview erscheint und nicht besser im Bett bleibt. Ganz anders Barack Obama, als wir uns beim Medienpreis in Baden-Baden begegneten. Interviews waren eigentlich nicht vorgesehen. Zufällig trafen sich beim Empfang unsere interessierten Blicke und er signalisierte, dass wir gerne sprechen könnten. Er begrüßte mich, legte beim Shakehands seine Hand über meine – eine sehr emotionale Geste. Diese Zuwendung, dieser Respekt hat mich nachhaltig beeindruckt.

Was kann Ihnen die Arbeit schwer machen?

Wenn mein Gegenüber erkennbar keine Lust auf das Gespräch hat, aber das ist wirklich sehr selten der Fall. Oder sich ein Gespräch mit einem Schauspieler als reine Film-PR herausstellt, ohne persönliche Note. In dem Fall haben wir aber durchaus Mut zur Lücke. Wenn nach dem Autorisierung-Prozess dann so gar kein privater Aspekt mehr spürbar sind, neige ich immer zu dem Satz: Wenn ihr Werbung wollt, ruf doch bitte die Anzeigenabteilung an! Dann kann aus einer geplanten Doppel-Seite auch mal ein Mini-Interview werden in der Rubrik „Nachgefragt“, auf einer viertel Seite.

Wo sind für Sie die ethisch-moralischen Grenzen, welche Geschichte man veröffentlichen kann?

Wir sind kein Medium, in dem Menschen vorgeführt oder abgeurteilt werden. Wir sind niemals respektlos. Sogenannte harte Headlines will der Gala-Leser auch nicht lesen. Man muss nicht immer draufhauen. Man kann auch unschöne Vorkommnisse klar, ehrlich und fair erzählen. Unsere Leser können sich am Ende dann selbst ihre Meinung bilden. Wir bereiten unsere Geschichte möglichst mit einem 360-Grad-Blick auf und versuchen Licht in jede Ecke zu bekommen. Wenn ein Thomas Gottschalk uns sagt „Ihr seid echt in Ordnung“, liegt das nicht daran, dass wir nicht über die Trennung von Ehefrau Thea und seine neue Liebe berichten – sondern die Art w i e wir die Geschichte erzählen.

Welche Tipps würden Sie Nachwuchsjournalisten geben, die sich für das People-Ressort interessieren?

Diese Frage wurde mir letztens an der Henri-Nannen-Schule gestellt, wo ich dem Nachwuchs Rede und Antwort stand: Man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Ich persönlich empfinde das, was ich tue, als Dienstleistung: Ich unterhalte Menschen. Ich nehme sie dorthin mit, wo sie selber meistens keinen Zutritt bekommen. „Wie war die oder der denn so?“, werde ich immer noch häufig gefragt. Das Interesse am Leben prominenter Menschen ist weiterhin sehr groß. Wir wissen aus Befragungen, dass viele die Gala am Donnerstag, unser Erscheinungstag, kaufen, sie aber ganz in Ruhe erst am Wochenende auf dem Sofa oder in der Badewanne lesen. Unsere Leser gönnen sich ihre ganz persönlichen Gala-Momente. Das ist doch toll, wenn man Menschen auf diese Weise eine Freude machen kann. Mein Beruf macht mir auch nach fast 20 Jahren noch verdammt viel Spaß.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Foto-Credit: privat

Hendrikje Kopp absolvierte nach einem Studium der Rechtswissenschaft ein Volontariat beim Fernsehen, sowie verschiedene Hospitanzen im Print-, Radio- und TV-Bereich und besuchte die Berliner Journalistenschule. Von 1999 bis 2012 arbeitete sie für „Exclusiv – Das Starmagazin“ (RTL) und war verantwortlich für das Exclusiv-Ressort im Hauptstadtbüro. Seit November 2012 leitete sie bei BILD.DE die Unterhaltung von BILD TV, war ab 2014 auch Society-Expertin im SAT.1-Frühstücksfernsehen. Seit August 2016 ist sie Chefreporterin bei GALA (www.gala.de).

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