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Fotojournalismus

Fotos – Lückenbüßer oder sinnvolle Ergänzung für die Kommunikation?

Fotos lockern auf – aber was können sie sonst noch? Wie Bilder die Aussage eines Beitrags unterstreichen und so einen eigenen kommunikativen Wert erzielen können, erklärt der Fotojournalist Julian J. Rossig.

“Ein Bild ist schnell geschrieben”, sagte unser Layouter früher immer, wenn der Text wieder einmal ein Stückchen zu kurz war. Mittlerweile werden Textlücken zwar kreativ zu “Weißraum” umgedeutet, doch Fotos gibt es seltsamerweise immer noch – selbst im Internet, wo doch kaum vordefinierte Seitenlängen eingehalten werden müssen. Es muss also einen inhärenten Kommunikationswert jenseits des Offensichtlichen geben, den vor allem Fachjournalisten geschickt nutzen können.

Wie Fotos verwendet werden

In der Wissenschaft werden – in Anlehnung an den amerikanischen Fotojournalisten Philip Douglis – vier grundsätzliche Verwendungsformen von Fotografie in den Medien unterschieden:

Wertschätzung und Befriedigung von Neugierde: Die Verleihung einer Auszeichnung oder eines Preises, aber auch Unfälle und Schicksalsschläge sind vielen Medien ein Bild wert. Dadurch ermöglicht die Redaktion ihren Lesern bestenfalls ehrliche Anteilnahme, im schlechteren Fall die Befriedigung voyeuristischer Instinkte. Die inhaltliche Aussagekraft solcher Fotos ist jedoch meist stark begrenzt. Daher findet sich diese Variante entweder auf dem Boulevard oder in der internen Kommunikation – etwa in Vereins- und Mitarbeiterzeitschriften, wo sie die Bindung innerhalb der Gruppe verstärkt.

Ersatz und Symbolismus: Auch Symbolfotos haben tendenziell eine geringere Aussage als der begleitende Text. Ihr Einsatz erfolgt oft aus der Not heraus, etwa wenn das Thema schwer greifbar ist, der Grafiker aber partout nach einem Bild verlangt: Wie lässt sich etwa eine Polizei-Einsatzstatistik visuell umsetzen? Die feierliche Übergabe der Statistik an den Stadtrat scheint genauso unkreativ wie eine Außenansicht des Präsidiums. Aber ist ein Archivbild von der letzten spektakulären Festnahme wirklich sinnvoller? Bei der Verwendung von Symbolfotos muss unbedingt kenntlich gemacht werden, dass es sich dabei nicht um eine tagesaktuelle Aufnahme handelt.

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Für die Dokumentation eines Ereignisses reicht es nicht, einfach in die Situation zu schießen – gerade weil dann “alles drauf” ist, wird der Leser mit mehr offenen Fragen zurückgelassen als das Foto erklären kann. Oder erkennen Sie auf Anhieb und zweifelsfrei, was dieses Bild ausdrücken möchte? Foto: Julian J. Rossig

Illustration und Dokumentation: Diese Fotos haben einen großen Erklärungsanteil und ergänzen den begleitenden Text. Sie sind vor allem für Fachmedien interessant, um dem Leser den Artikelinhalt plastisch vor Augen zu führen – vom exakten Ablauf eines neuen Fertigungsverfahrens bis zum medizinischen Implantat. Sie eignen sich besonders, wenn das Ereignis außergewöhnlich und schwer bzw. selten beobachtbar ist, etwa ein Vulkanausbruch. Klare, übersichtliche Illustrationen sind übrigens keine kleine Leistung: Anstelle einer kreativen Bildgestaltung muss der Fotojournalist penibel auf Klarheit, Deutlichkeit und Unmissverständlichkeit achten.

Vorsicht allerdings vor dem berüchtigten “Beweis-Foto”: Allzu schnell verkommt das erklärende Illustrationsbild zu einer reinen Nacherzählung des Textes oder gar der Karikatur eines Symbolbildes. Wenn eine Baustelle in der Innenstadt wieder einmal zu langen Staus führt, wirkt eine Fotografie der Fahrzeugschlangen einigermaßen hilflos. Hier ist der journalistische Instinkt gefragt, das wirklich Relevante an der Geschichte zu enthüllen: den Grund für die Bauverzögerung, die persönlichen Dramen der gestressten Autofahrer, die resultierende Luftverschmutzung etc.

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Bei diesem Foto ist die Person der Fans offensichtlich nebensächlich – wer auf welchem Platz stand und wie gekleidet war, ist austauschbar. Im Vordergrund steht die Emotion. Foto: Julian J. Rossig

Kommunikation und Handlungsinduktion: Wenn das Hochwasseropfer vor den Trümmern seines zerstörten Hauses in Tränen ausbricht, dann geht um mehr als eine reine Schadensdokumentation oder die symbolische Darstellung von Naturgewalten: Diese Kategorie von Pressefotos “spricht” direkt mit dem Leser und teilt ihm etwas mit – sie kommuniziert. Damit ist sie jeder anderen Darstellungsform im Printbereich überlegen, kann Emotionen hervorrufen und den Leser aus seiner passiven Lektüre in einen aktiven Zustand der Anteilnahme bringen: Begeisterung, Abscheu, Mitleid, Wut. Sie wird oft als “Königsdisziplin” des Fotojournalismus verstanden, von manchen Fachmedien aber gerade wegen ihrer Emotionalität als manipulativ und subjektiv abgelehnt.

Fotojournalismus ist mehr als Fotografie

Anhand dieser Vielseitigkeit wird bereits deutlich, dass Fotojournalismus im engeren Sinne deutlich mehr ist als reine Fotografie. Diese Verallgemeinerung wäre ungefähr so zutreffend, wie dem textenden Fachjournalisten zu unterstellen, er sei “Schreiber”. Wenngleich der Fotojournalist andere Werkzeuge bedient und dementsprechend über andere technische Ressourcen (und Limitationen) verfügt, ist er im Herzen genauso Journalist wie etwa der Hörfunk-Kollege: Der eine “zeichnet” mit Lauten, der andere mit Licht.

Damit aber unterliegt der Fotojournalismus in weiten Teilen den gleichen kommunikativen Gesetzmäßigkeiten und Grundprinzipien wie etwa die schreibende Zunft. Stilelemente wie Pars pro Toto1 oder der Einsatz von Symbolen lassen sich 1:1 auf den Fotojournalismus übertragen. Es läßt sich sogar die steile These in den Raum stellen, dass der Umstieg von der Porträt- oder Hochzeitsfotografie in den Fotojournalismus deutlich schwieriger ist als der vom Wort- zum Fotojournalismus.

Die gute Nachricht: Fotojournalismus lässt sich lernen. Die technischen Grundlagen sind mit ein wenig Übung schnell gemeistert. Was wirklich zählt, ist die geistige Einstellung im Kopf hinter der Kamera. Und wenn dann noch aufseiten des Auftraggebers wie des Auftragnehmers Klarheit über den Redaktionsauftrag herrscht, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen.

Vier Gebote für fotografierende Fachjournalisten


1. Einsatzzweck mit der Redaktion klären
Unzufriedenheit auf Kundenseite entsteht meist durch ein unzureichendes Briefing im Vorfeld: Was genau erhofft sich der Auftraggeber von den Fotos, welche technischen Parameter sollten für die Anlieferung beachtet werden? “Mach mal noch ein paar Bilder” ist jedenfalls keine vernünftige Leistungsbeschreibung.

Dieser Punkt ist vor allem deshalb problematisch, weil viele Redakteure – und Fachjournalisten – ein extrem feines Gespür für Texte haben und die Briefings in diesem Bereich oftmals sehr schnell abhandeln können. Man antizipiert die gegenseitige Erwartungshaltung auch ohne viele Worte: Auf den sechsseitigen Reportagenplatz liefert ein Profi natürlich keine 20-zeilige Glosse; man versteht sich. Soll der Texter zur Geschichte jedoch auch noch Bilder mitliefern, können die unausgesprochenen Erwartungen schnell sehr weit differieren: Der Redakteur erwartet streng deskriptive Bilder, die den Text illustrieren, der Journalist denkt dagegen eher an subjektive Fotos mit Kommunikations- und Appellfunktion. Oder umgekehrt: Der Layouter wünscht sich reißerische Fotos, die die Zeitschrift am Kiosk verkaufen, der Journalist denkt dagegen eher nüchtern – das kann nicht gut gehen. Ein Beispiel?

Um einen jungen Medizinstudenten für ein Magazin mit älterer Klientel zu porträtieren, setzte ich ihn in die Asservatenkammer des Krankenhauses zwischen Skelette und ein Schaudiagramm zur Dialyse. Damit, so fand ich, sei der Auftrag treffsicher umgesetzt. Der Redakteur war jedoch entsetzt: Die Leserschaft kenne sich mit Dialyse allzu gut aus, das Bild sei daher “zu nah an der Lebenswirklichkeit” und könne negative Emotionen auslösen. Wir mussten das Shooting an einem neutraleren Ort wiederholen.

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Ein Ministerpräsident lebt gewissermaßen in der Öffentlichkeit und lässt sich daher in endlos vielen verschiedenen Situationen fotografieren: “Mach mal ein Bild vom MP” ist also noch kein Auftrag. Nachdem mit der Redaktion geklärt ist, was genau benötigt wird, geht es an die Formulierung der Bildaussage – in diesem Fall “Der MP vor seinem Namen”. Das lässt sich als Symbolbild (siehe oben) vielfältig verwenden. Foto: Julian J. Rossig

2. Bildaussage vorab formulieren
Der wahrscheinlich größte Fehler angehender Fotojournalisten ist es, planlos in die Situation zu schießen. Hinterher mag zwar “alles drauf” sein, doch die Bildaussage wird unklar. Anders als bei privaten Erinnerungsfotos weiß der Leser nur selten, wonach er Ausschau halten muss. Deshalb müssen sich ihm alle relevanten Informationen unmittelbar aufdrängen, ohne von unwichtigen Randaspekten überlagert zu werden.

Daher gilt: Vor dem Einschalten der Kamera zunächst einen kurzen Satz mit der beabsichtigten Bildaussage formulieren, etwa in diesem Stil: “Mit diesem Bild möchte ich zeigen, wie Orangensaft in Glasflaschen abgefüllt wird.”

Diese gedankliche Übung hilft, sich selbst zu fokussieren und das Bild bewusst zu gestalten. Denn damit ist gleichzeitig gesagt, was unbedingt auf dem Foto zu sehen sein muss (Orangensaft, Glasflaschen) und welche Aspekte verzichtbar sind (der Monteur im Hintergrund, der LKW an der Laderampe). So entschlacken Sie das Foto ungemein und tragen zu einer klareren Bildaussage bei.

3. Verschwenderisch mit dem Besonderen, geizig mit dem Offensichtlichen
Im Fotojournalismus gilt wie in jeder anderen journalistischen Gattung: The story is the story. Anstatt sich mit Belanglosigkeiten aufzuhalten, erzählt ein guter Journalist seine Geschichte – möglichst spannend, möglichst prägnant, dabei immer präzise und ohne verwirrende Abschweifungen.

Für den Fotojournalisten bedeutet das: Mindestens 80 Prozent der Fläche sollten relevante Aspekte zur vorab formulierten Bildaussage beitragen. Leerflächen oder gar Objekte, die der geplanten Aussage widersprechen, sind unbedingt zu vermeiden. Dabei lohnt es sich, auch die eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen: Helfen etwa die Beine einer Porträtperson beim Verständnis der Bildaussage, oder sind sie (für den Leser) ebenso verzichtbar wie die leere Wand dahinter? Muss immer gleich das gesamte Haus abgebildet werden oder reicht womöglich ein pfiffig gewählter Ausschnitt?

4. If your photographs aren’t good enough, you’re not close enough

Allein die überlegte Gestaltung von Brennweite und Blende trägt schon maßgeblich dazu bei, ein Foto zu straffen und die Bildaussage deutlicher herauszustellen. Da Fotos zweidimensional sind, unser Auge jedoch das dreidimensionale Sehen gewohnt ist, gehört es außerdem zu den Aufgaben des Fotojournalisten, bei der Komposition einen Eindruck von räumlicher Tiefe zu erzeugen.

Allein die überlegte Gestaltung von Brennweite und Blende trägt schon maßgeblich dazu bei, ein Foto zu straffen und die Bildaussage deutlicher herauszustellen. Da Fotos zweidimensional sind, unser Auge jedoch das dreidimensionale Sehen gewohnt ist, gehört es außerdem zu den Aufgaben des Fotojournalisten, bei der Komposition einen Eindruck von räumlicher Tiefe zu erzeugen.
Foto: Julian J. Rossig

Dieser Satz des großen Robert Capa steht für sich – und gilt heute noch genauso wie in den Anfangstagen der Fotografie. Allerdings meinte Capa damit nicht, dass sich der Fotojournalist um jeden Preis in Gefahr begeben und die physische Distanz verringern solle. Es kann viele gute Gründe geben, warum man besser respektvollen Abstand hält. Die “Closeness”, auf die Capa anspielt, entsteht vor allem durch die kritische Gestaltung des Bildausschnitts.

Dabei können lange Brennweiten helfen, etwa ein Teleobjektiv. Doch Vorsicht: Objektive sind mehr als nur reine Werkzeuge zur Verlängerung bzw. Verringerung der Distanz. Es lohnt sich, die verschiedenen Effekte langer und kurzer Brennweiten kennenzulernen, etwa ihre Auswirkungen auf Verzerrung, Schärfe und die proportionale Darstellungsgröße der Bildsubjekte. Diese Faktoren lassen sich auch für andere Aspekte der Bildgestaltung kreativ nutzen, etwa durch gezielt eingesetzte Tiefenschärfe.

Fazit

Sind Fotos in fachjournalistischen Beiträgen also reine Lückenbüßer und Auffüller? Wenn sie nicht professionell gemacht sind oder der Aufwand unterschätzt wird, ja. Nach journalistischen Maßstäben erstellt tragen sie aber die Story mit oder ergänzen sie zumindest sinnvoll um Aspekte, die kompliziert zu erzählen oder emotional schwer vermittelbar sind. Fotos sind damit auch und gerade im Fachjournalismus ein willkommenes Darstellungsmittel.

Zur schreibenden Zunft zeigen sich dabei überraschend viele Parallelen auf. Die wahrscheinlich größte Parallele zur schreibenden Zunft aber ist der gemeinsame Redaktionsschluss: So wird jedes Streben nach dem perfekten Foto stets zu einer “relativen Perfektion”: Erreiche das bestmögliche Ergebnis innerhalb einer vorgegebenen Zeit. Sehen Sie es sportlich: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Literatur

Feininger, Andreas (2005): Die hohe Schule der Fotografie. München: Heyne.

Kobré, Kenneth (2008): Photojournalism – the professionals’ approach. 6. Aufl., Woburn: Focal Press/Butterworth-Heinemann.

Rossig, Julian J. (2014): Fotojournalismus. 3. Aufl., Konstanz: UVK. http://tinyurl.com/fotojourn


Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Julian RossigJulian J. Rossig arbeitet seit vielen Jahren als Fotojournalist für zahlreiche Print- und Onlinemedien sowie Nachrichtenagenturen und ist Gründungsmitglied einer Fotoagentur. Darüber hinaus ist er als Autor für das Deutsche Journalistenkolleg tätig. Sein Band “Fotojournalismus” (UVK-Verlag) liegt aktuell in der 3. Auflage vor und gilt als Standardwerk im deutschsprachigen Raum. Aus seiner Tätigkeit als Redaktionsleiter kennt Rossig auch den Blickwinkel der anderen Seite: die Anforderungen und Erwartungen des Bildredakteurs an ein gelungenes Pressefoto.

  1. “Pars pro Toto” ist lateinisch und bedeutet “Ein Teil steht für das Ganze”. Das Konzept wird gern als rhetorisches Stilmittel genutzt, etwa indem ein leicht überschaubares Detail anstelle einer (oft anonymen) Gesamtheit herausgegriffen und beleuchtet wird. Das bekannteste Beispiel ist die Verwendung eines Hauptstadt-Namens stellvertretend für die Politik des gesamten Landes: “Spannungen zwischen Berlin und Brüssel”. Auf die Fotografie übertragen, kann ein einzelnes Detail oft mehr Aussagekraft transportieren als eine unübersichtliche Masse. []

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