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Das Studio in der Hosentasche – Was ist Mobile Journalism und wie geht das?

Reporter waren schon immer mobil. Erst mit einem Stift und einem Notizblock, dann zusätzlich mit einem Fotoapparat, später mit einem Aufnahmegerät für Ton und dann für Film. Seitdem nahezu jeder Lokalreporter ein Smartphone besitzt und „always on“ ist, hat das mobile Berichterstatten eine vollkommen neue Dimension erreicht.

Seit wenigen Jahren ist es möglich, mit einem handelsüblichen Mobiltelefon – das kaum mehr als eine Tafel Schokolade wiegt – Text, Ton, Bild und Video vor Ort zu produzieren und unmittelbar im Internet zu publizieren. Und das in einer Qualität, die meist professionellen Standards genügt. Warum Mobile Journalism bald flächendeckend vollkommen normal sein wird und wie das Ganze überhaupt funktioniert – das zeigt dieser Beitrag.

„Ich mache das ja eh schon – und zwar heimlich.“ Das flüstert mir eine Kollegin am Rande einer Veranstaltung zu. Sie ist beileibe kein Nerd und sieht auch nicht aus wie eine nervös auf den aktuellen Facebookstatus schielende Poweruserin.

Die Kollegin ist altgediente Radiokollegin, berichtet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit Jahren über Landtagswahlen und besitzt seit Neuestem ein iPhone. Das nutzt sie „immer mal wieder“, um einen O-Ton aufzunehmen, wenn sie „sonst nichts dabei hat“. Der Redaktion und dem Techniker erzählt sie das nicht. Das würde nur für unnötige Diskussionen sorgen, sagt sie.

Dieses Beispiel aus der Praxis erzählt sehr viel über den gegenwärtigen Stand des sogenannten Mobile Journalism in Deutschland. Er wird gemacht. Von denen, die wissen, wie es geht. Aber es wird (noch) sehr wenig darüber geredet.

Zum Beispiel darüber, dass bei 90 Prozent aller Reportereinsätze von Radio Hamburg sendefähiges Audio bereits mit einem Smartphone aufgenommen wird (vgl. Anmerkung 1). Smartphones gelten vielerorts immer noch eher als Spielzeug denn als ernsthaftes Arbeitswerkzeug. Dabei dienen sie international seit Jahren als journalistisches Multifunktionsgerät im täglichen Einsatz.

Das MoJo Toolkit

Am 17. Februar 2004 veröffentlicht die New York Times auf Seite Eins ein recht gewöhnliches Foto. Es zeigt die Unterzeichnung eines gemeinsamen Dokuments von Vertretern zweier Telefonanbieter. Das einzig ungewöhnliche an diesem Bild ist, dass es mit einem Mobiltelefon aufgenommen wurde. Ein Meilenstein in der Geschichte des Mobile Journalism.

Ein Jahr später veröffentlicht der britische Guardian Handy-Fotos, die Passanten kurz nach den Terroranschlägen vom 7. Juli geschossen hatten, die BBC zieht nach und schult die eigenen Reporter in der Benutzung von Smartphones zur Berichterstattung.

Die Nachrichtenagentur Reuters entwickelt 2007 in Zusammenarbeit mit Nokia ein so genanntes „MoJo Toolkit“. Mit einem Nokia N95, einem Stativ, einer externen Bluetooth Tastatur und einem Sony-Mikrofon sollen Reporter mobil arbeiten und die neuen Möglichkeiten, beispielsweise durch die Bereitstellung von GPS-Ortsdaten, nutzen. Al-Jazeera startet 2008 ein Programm, um Reporter und ausgewählte so genannte „Bürgerjournalisten“  in mehreren arabischen Staaten mit Smartphones auszustatten (vgl. Peskin, D. 2011).

Best-Practice Beispiele

Ein Jahr nachdem Apples iPhone 2007 auf den Markt kommt, zeichnet sich auch in der deutschen wissenschaftlichen Community ein erstes vorsichtiges Herantasten an die Begrifflichkeit des mobilen Journalismus ab. Auch wenn man sich hier zunächst mehr für den Konsum journalistischer Produkte auf mobilen Endgeräten, als für die Anfertigung derselben zu interessieren scheint (vgl. Hohlfeld, R., Wolf, C. 2008).

Aktuelle Studien und konkrete Zahlen zur Verbreitung und Nutzung von Smartphones als journalistischem Arbeitsgerät sucht man auch vier Jahre später vergebens. Es sind einzelne Best-Practice-Beispiele, die derzeit von einer kleinen aktiven Community ausgetauscht und diskutiert werden. Egal, ob es sich dabei um preisgekrönte Reportagefotografien, auf dem Telefon gedrehte Dokumentationen oder gleich um Erfahrungsberichte über den kompletten Verzicht jedweden anderen Reportagegerätes handelt.

Statt Studien und Verbreitungsanalysen dominieren derzeit praxisbezogene Herangehensweisen. So arbeitet man an der Berkeley Graduate School of Journalism an der University of California an einem sogenannten „Mobile Reporting Fieldguide“, nachdem man zuvor einen ersten Kurs zur Thematik „Mobile Reporting“ durchgeführt hatte.

Am Donald W. Reynolds Journalism Institute der University of Missouri hat Will Sullivan praktische Erkenntnisse im „Mobile Journalism Tools Guide“ gesammelt.

Die deutsche Konrad Adenauer Stiftung hat inzwischen die dritte Auflage der Broschüre „MoJo – Mobile Reporting in the Asian Region“ von Stephen Quinn veröffentlicht – in englischer Sprache.

Mobile Professionals

Mobile Journalism wird weltweit betrieben und – genau wie das Internet – nicht wieder verschwinden. Zu praktisch ist es, mit dem Gerät, das ohnehin in der Hosentasche steckt, einen Text, ein Foto, ein Audio oder ein Video zu produzieren und es direkt und unmittelbar zu veröffentlichen. Genauso gut möglich ist die Recherche, der Dialog mit Ansprechpartnern oder beispielsweise die Pflege von Content Management Systemen. Ja, sogar ein kaputtes W-Lan im Hotel kann man bisweilen nur mit Hilfe des eigenen Telefons reparieren.

Die Grenze zwischen privat und beruflich genutztem Gerät verwischt. Und auch der feste Arbeitsplatz wird unwichtiger, wenn man mobil sein kann. Bereits jetzt geben 72 von 100 so genannten „Mobile Professionals“ in einer Studie an, ihre eigenen Geräte mit zur Arbeit zu bringen und 71 nutzen ihr privates iPad, iPhone und/oder Android Smartphone auch für berufliche Zwecke.

Der amerikanische Journalismus-Professor Jeff Jarvis sieht hier kein temporäres oder partielles Phänomen, sondern die Zukunft. Mobil werde sehr bald ein bedeutungsloses Wort werden, wenn wir alle überall und jederzeit vernetzt seien. Es werde zunehmend egal werden, wo man sich befinde, da man jederzeit mit dem Internet verbunden sei. Damit könnte der Begriff „Mobile Journalism“ recht bald überflüssig werden, noch bevor er den deutschen Sprachraum wirklich erreicht hat.

1000 iPhones

Doch egal, wie und ob man das Phänomen der Anfertigung journalistisch relevanter Inhalte auf einem Smartphone benennt, um in der Gemengelage des Echtzeitnetzes bestehen zu können, müssen sich auch Journalisten dem technischen und faktischen Status Quo öffnen, um der eigenen Bedeutungsminimierung zu entgehen (vg. Bruns, A.). 

Statt Technikfeindlichkeit empfiehlt sich eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten von Smartphones im journalistischen Kontext. Heute kann ein jeder unterwegs zur Ein-Personen-Informationszentrale werden, indem er live vor Ort beispielsweise mit der App Bambuser Videobilder ins Netz sendet und dabei via Twitterintegration mit einem globalen Publikum interagiert.

Wem diese Beschreibung zu abstrakt ist, dem sei ein Beitrag eines BBC-Kollegen empfohlen, der in Syrien mit einem iPhone drehte und dadurch schneller als alle anderen Kollegen berichten konnte.

Smartphone-Journalismus ist kostengünstiger als bisherige Lösungen und natürlich auch deshalb für Medienanbieter wie den US-amerikanischen Medienkonzern Gannett (u.a. USA Today) interessant, der vor kurzem mehr als 1000 iPhones für seine Reporter gekauft hat. Bei der BBC entwickelt man gar eine eigene App, um Inhalte der eigenen Reporter möglichst schnell publizieren zu können.

Bereits jetzt verfügt das Videoschnittprogramm iMovie auf dem iPhone über eine CNN-iReport-Integration. Auf dem Smartphone angefertigte Videoclips können statt bei YouTube auch direkt auf der von CNN bereitgestellten Plattform veröffentlicht werden.

Das Mittel der Wahl stammt offenbar derzeit meist von Apple. Trotz steigender Marktdominanz von Smartphones, die mit Googles Betriebssystem Android laufen, findet man im App-Store von Apple im Moment deutlich mehr und bessere Programme, die sich für Mobile Journalism eignen.

Egal ob Apple-, Android- oder sonstiges Betriebssystem – in der Praxis muss man als mobiler Smartphone-Reporter mit zahlreichen Widrigkeiten kämpfen. Das fängt mit der Größe des Gerätes an, die Fluch und Segen zugleich ist. Schön, wenn man sein Telefon nahezu immer dabei hat. Als sehr gewöhnungsbedürftig erweist sich aber der begrenzte Bildschirm, wenn man auf diesem Videos schneiden, Bilder bearbeiten und Texte verfassen möchte.

Ein Smartphone ist in allererster Linie eben ein Multifunktionsgerät für den Alltag, kein allein für Journalisten konzipiertes Arbeitswerkzeug. Die größten Probleme unterwegs sind der sich mitunter dramatisch schnell leerende Akku und die benötigte Internetverbindung. Was nützt das tollste Smartphone, wenn das Netz zusammenbricht?

Good enough

Beim Mobile Journalism gilt denn auch das Gebot des sogenannten „good enough“. So betrachtet können moderne Smartphones dank Zusatzhardware im direkten Vergleich mit bisherigem Equipment von Journalisten häufig mithalten.

Auf den ersten Blick sind Bilder und Videos, die mit einem Smartphone aufgenommen wurden, nicht von Bildern und Bildsequenzen zu unterscheiden, die mit Spiegelreflex oder VJ-Kamera aufgezeichnet wurden. Benötige ich einen Schnappschuss für eine Internetveröffentlichung, dann reicht ganz sicher das Smartphone. Möchte ich später einen Bildausschnitt in einer Printpublikation nutzen, dann sollte – zumindest derzeit – eher auf eine Spiegelreflexkamera zurückgegriffen werden.

Wie bei ungeübter Anwendung von sonstigem Equipment auch führen verwackelte Bilder und eine schlechte Tonqualität häufig zu einer deutlichen Qualitätsminderung. Probleme, die sich mit einfachem Zubehör wie einem kleinen Stativ oder einem Zusatzmikro mit Windschutz lösen lassen.

Als entscheidend für gute Produkte erweisen sich eine gute Planung vorab und die Produktion von in sich schlüssigen kleinen Formaten. Statt eines kinoreifen Video-Features gewinnt unterwegs ein sauber gefilmter kurzer Schwenk mit ordentlichem Aufsager. Statt eines fünfminütigen fertigen Radiobeitrags tut es vielleicht von unterwegs auch ein kurzer, guter O-Ton.

Filmen, Schneiden, Veröffentlichen

Neben guter Planung im Vorfeld und Erfahrung in der Bedienung des Gerätes erleichtern diverse Apps die Produktion von ansprechenden Ergebnissen. Foto-Programme wie Camera+ bieten einen professionellen Funktionsumfang, der die bereits fest auf dem Gerät implementierte Foto-App um Längen schlägt. Vor allem durch bessere Modifikationsmöglichkeiten in den Bereichen Fokus, Belichtung und Weißabgleich. Geschossene Fotos lassen sich zudem nachträglich mithilfe von Filtern und zahlreichen weiteren digitalen Werkzeugen bearbeiten.

Auch bei der Audioproduktion bieten verschiedene Apps sinnvolle Zusatz-Funktionalitäten. Die für Journalisten konzipierte App Hindenburg erlaubt ein professionelles Auspegeln und Monitoren während der Aufnahme und unterstützt Zusatzhardware wie ein externes Mikrofon. Nach der Aufnahme lässt sich das Audiomaterial mit etwas Fingerfertigkeit bearbeiten und über verschiedene Ausspielwege weiterverbreiten oder veröffentlichen.

Ebenfalls möglich ist das Filmen, Schneiden und Produzieren von kleinen Videobeiträgen mittels Apps wie iMovie. Das macht zwar auf dem kleinen Display nicht immer sonderlich viel Spaß, ist aber machbar. Veröffentlichen lassen sich alle multimedialen Produkte in einem zweiten Schritt dank guter Blogging-Apps wie Tumblr oder WordPress.

Es gibt kaum etwas, was nicht zumindest im Ansatz machbar ist – bis hin zum Videolivestream via Apps wie Bambuser oder Audiolivestreams in Studioqualität dank Apps wie Lucie Live. Das Potenzial ist groß und noch bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Smartphone: Ein Werkzeug wie ein Hammer

Bei alldem ist natürlich zu bedenken, dass es sich bei einem Smartphone im Kontext Mobile Journalism um ein Werkzeug handelt, genau wie bei einem Hammer. Wer sich nun auf den Daumen haut, kann nicht den Hammer dafür verantwortlich machen. Außerdem ist ein Hammer sehr praktisch, um einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ein Haus einreißen kann man damit nicht. Will sagen: Ich könnte die Tagesschau um 20 Uhr via Smartphone streamen. Das wäre wenig sinnvoll, wenn ich im Studio eine sündhaft teure professionelle Fernsehkamera stehen habe.

Natürlich handelt es sich bei dieser Spielart des Journalismus nicht um die einzige, richtige und beste Art zu arbeiten. Aber die gab es noch nie. Und gerade jetzt, in einer Umbruchsituation, ist es wichtiger denn je auszuprobieren und zu lernen.

Vor allem die journalistische Ausbildung in Deutschland sollte hier mutiger und experimentierfreudiger sein. Denn die mediale Zukunft findet mehr denn je auf Smartphones statt. Und die sind zu weit mehr fähig, als zu einem Telefonat oder einem Update des Facebook-Status.

Anmerkung 1: Das erzählen zwei anwesende Reporter beim Volontärstag 2012 der Akademie für Publizistik dem Autor dieses Artikels.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

 

Der Autor Marcus Bösch arbeitet als Multimediajournalist und Dozent u.a. für die Deutsche Welle. Er ist Autor des interaktiven iPad-Buches „Mobile Reporting“ und hat das entsprechende Kapitel im Journalistenlehrbuch „Universalcode“ geschrieben. Erstmals mit einem Smartphone Bericht erstattet hat er bei der Bundestagswahl 2009 für Tagesschau.de. Er betreibt das Blog mobile-journalism.com. Kontakt: http://www.marcus-boesch.de/

 

Empfohlene Mobile Journalism Tools:

Tumblr (Microblogging)

Die einfache All-inclusive-Lösung, um Text, Bild, Audio und Video unmittelbar mobil zu publizieren. Tumblr ist schnell angelegt, schnell bestückt und einfach in der Handhabung. Als App für iOs, Android und Blackberry zu haben. Publizieren auch via E-Mail möglich.

Camera+

Es gibt zahllose Kamera-Apps für die diversen Betriebssysteme. Für das iPhone empfiehlt sich diese. Hier gibt es gute Modifikationsmöglichkeiten in den Bereichen Fokus, Belichtung und Weißabgleich. Nach der Fotoaufnahme kann man dieses auch direkt bearbeiten. Empfohlen hier: der Clarity-Filter – eine Art intelligenter Bildverbesserer.

iMovie (Videoproduktion)

Die Apple-Lösung für mobilen Videoschnitt. Einfach und intuitiv zu handhaben. Eignet sich, um kleinere Videos oder Audio-Slideshows zu produzieren und zu publizieren. Ein ähnliches Produkt für Android-Telefone ist der AndroMedia Video Editor.

Hindenburg (Audioproduktion)

Eine gute von zahlreichen Audio-Apps für das iPhone. Großer Vorteil: Die App ist für die Nutzung von externen Mikrofonen geeignet, solange diese mit den richtigen Kabeln angeschlossen werden. Guter Funktionsumfang, inkl. Markerfunktion, Scrub und Compressor.

Bambuser (Videostreaming)

Mit Bambuser kann man auf einem Smartphone live Videos ins Netz streamen. Das geht überraschend einfach und gut. Und funktioniert zudem auf rund 320 verschiedenen Handy-Modellen. Seit dem arabischen Frühling hat Bambuser mehr als eine Millionen Nutzer aus mehr als 190 Ländern.

Kommentare
  1. Mango Aioli sagt:

    Der Mann hat Ahnung. Sehr geil sind die App-Tipps. Haben mir sehr geholfen.

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