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Wann, wie, womit und wo – die vier Ws des Smartphone-Journalismus

Praktische Tipps für Journalisten

Mobiler Journalismus boomt. Doch wie gelingt er am besten? Ein Ratgeber, wie Sie Smartphone-Journalismus planen, welche Ausrüstung Sie dafür brauchen und mit welchen Apps Sie am besten aufnehmen, schneiden und veröffentlichen.

Smartphones sind mittlerweile in fast allen Bevölkerungsgruppen weit verbreitet. Kein Wunder: schließlich sind sie klein, leicht und universell einsetzbar. Genutzt werden sie auch als Telefon – aber andere Funktionen wie Internet-Zugang oder Kamera sind viel wichtiger geworden. Als Journalist können Sie diese Funktionen professionell für Ihre Arbeit nutzen.

1. Wann: der richtige Zeitpunkt

Die beste Kamera ist immer die, die man gerade dabei hat. Das Gleiche gilt für das Mikrofon. Für einen Texteditor ebenso. Und was hat ein Journalist heutzutage immer dabei? Sein Smartphone. Das Studio in der Hosentasche. Deswegen wird heute von fast jedem Ereignis berichtet. Mobile Reporting oder Mobile Journalism (MoJo) gibt es in überaus vielen Facetten, wobei sich drei Haupteinsatzgebiete herauskristallisiert haben:

Live
Gerade ist Twitters Live-Streaming-App Periscope sehr angesagt. Vor allem die Journalisten von Welt und Bild haben hier schon viel ausprobiert und vom G-7-Gipfel in Elmau gestreamt oder von der Bahn-Unglücksstelle in Bad Aibling. Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer hat via Periscope den syrischen Flüchtling Fera begleitet. Die Redaktion hat das Material später nachbearbeitet, mit Untertiteln und Karten versehen und daraus eine “Periscoportage” gemacht. Facebook plant für seine App ebenfalls einen Live-Kanal.

Live-ähnlich
Deutlich schonender für die eigene Daten-Flatrate ist es, wenn man “nur” kleine Informationshäppchen veröffentlicht – und das zeitlich leicht versetzt. Diese Art der Berichterstattung ist so alt wie das Smartphone selbst: Vor allem Tweets von Events oder Konferenzen unter einem bestimmten Hashtag sind nach wie vor weit verbreitet – zum Beispiel zur Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg unter #ltwbw16. Für (durch eine Vielzahl von Filtern bearbeitbare) Fotos ist oft Instagram erste Wahl. Und dann gibt es natürlich jede Menge von Live-Tickern und Live-Blogs, die in erster Linie mit Text arbeiten. Das ist in der Regel geplant und dann haben die Journalisten meist Laptops dabei. Denkbar ist aber auch das Tickern vom Smartphone aus – gerade, wenn man noch eine externe Tastatur anschließt.

Materialsammlung
Auch eine reine Materialsammlung ist möglich, denn das Smartphone ist die moderne Version des Notizblocks, meist eine Art multimedialer Notizblock. Bei Interviews braucht man kein Diktiergerät mehr und muss sich auch keine Notizen mehr machen, wenn das Smartphone mitläuft. Auch kurze Videosequenzen lassen sich ruckzuck mit dem Smartphone aufnehmen und später mit mehr Ruhe und auf einem Computer mit größerem Display und entsprechender Schnittsoftware komfortabler bearbeiten.

2. Wie: Mobile Reporting planen

Natürlich hat es manchmal seinen Reiz, in spannenden Situationen sein Smartphone zu zücken und einfach loszutexten, -zufilmen oder -zufotografieren. Ungleich besser wird das Ergebnis aber fast immer, wenn man sich vorher ein Konzept überlegt und Antworten auf folgende Fragen gefunden hat:

  • Für wen berichte ich?
  • Auf welchen Plattformen erscheint mein Content (eigene Website, soziale Netzwerke)?
  • Worauf will ich inhaltlich hinaus?
  • Welche Darstellungsform wähle ich?

Wer komplette Audio- oder Videobeiträge aufnehmen will, ist gut beraten, sich eine Art Drehplan zurechtzulegen. Zu den bereits genannten Punkten kommen noch weitere Aspekte hinzu:

  • Wann und wo wird gedreht? (Braucht man eine Genehmigung?)
  • Welche Licht- und Tonverhältnisse herrschen am Drehort – und wie kann ich (durch entsprechendes Equipment) das Beste daraus machen?
  • Welche Akteure brauche bzw. habe ich?
  • Was frage ich die Akteure?
  • Welche Szenen (in Ton und Bild) will ich aufnehmen?

Natürlich klappt eine Recherche und/oder Aufnahme fast nie hundertprozentig so wie geplant, aber je genauer der Journalist weiß, worauf er hinaus will und worauf er achten muss, desto besser wird die Qualität des Recherchematerials sein.

3. Womit: die Technik im Griff haben

Die Technik ist zunächst durch das Smartphone selbst vorgegeben. Aber sie lässt sich erweitern: sowohl mit Hardware, also Zubehör, als auch mit Software – also Apps bzw. Programme.

3.1. Zubehör

Smartphones sind zwar einerseits sehr praktisch, können aber auch zum Nervenzusammenbruch führen, wenn sie nicht oder nicht wie gewünscht funktionieren. Vor dem Einsatz sollte man daher einen kleinen Technik-Check machen:

  • Ist der Akku des Smartphones voll? (Der Ersatzakku auch?)
  • Ist auf meinem Gerät genug Speicherplatz vorhanden? (Habe ich zusätzlich eine externe Speicherkarte oder Festplatte?)
  • Habe ich ein externes Mikro (samt Schutz) dabei?
  • Habe ich ein Stativ für mein Smartphone? (Üblich ist ein Handstativ, besser ein Dreibeinstativ; zur Not tut’s auch Klebeband.)

Mikros und Stative sind eminent wichtig, weil sie die Qualität des aufgenommenen Materials enorm beeinflussen, vor allem bei Videos. Guter Ton ist das A und O jeder Aufnahme. Selbst wenn das Video mangels Stativ verwackelt sein sollte: Wenn der Ton stimmt, kann zumindest noch ein Audio daraus gemacht werden.

Prinzipiell werden die eingebauten Smartphone-Mikrofone zwar immer besser, richtig gut funktionieren sie aber meist nur dann, wenn man sie dem Gesprächspartner direkt unter die Nase hält – und es nicht übermäßig viel störende Nebengeräusche gibt. Besser fährt man immer mit einem externen Mikrofon. Hier gibt es verschiedene Typen, die für verschiedene Einsatzgebiete gedacht sind:

  1. Handmikrofone eignen sich besonders gut für Aufnahmen von Sprache oder Gesang. Der Journalist führt hier Regie: Wenn er fragt, spricht er selbst hinein, wenn der Interviewte antwortet, hält der Journalist ihm das Mikrofon hin.
  2. Ansteckmikros sind vor allem bei längeren Interviewsituationen wichtig. Wie der Name sagt, werden sie dem Gesprächspartner ans Revers geheftet, sodass seine Stimme gut aufgenommen werden kann.
  3. Eine Funkstrecke leistet vom Prinzip her das Gleiche wie ein Ansteckmikro, ist aber kabellos – und um ein Vielfaches teurer. Hier geht es schon in den Profi- bzw. Fernsehbereich.

Damit neben dem Ton auch das Bild stimmt, ist ein Stativ besonders nützlich. Verwackelte (Video-)Aufnahmen mögen mal durchgehen, wirken aber unprofessionell.

  • Die kleinste Lösung ist ein Handgriff, in den man das Smartphone einspannen kann. Mit so einem Griff (etwa dem Shoulderpod S1) kann man sein Gerät einigermaßen stabil halten und hat die zweite Hand frei.
  • Wenn man eine solche Halterung auf ein kleines Dreibein-Tischstativ montiert, wackelt gar nichts mehr – und beide Hände sind frei. Besonders bei (Video-)Interviewsituationen ist das wichtig.
  • Wenn kein Tisch oder keine ebene Fläche in der Nähe sind, ist ein ausziehbares Dreibein-Stativ gefragt. Hier gibt es ein breites Angebot, je nach Größe und Verarbeitung des Stativs reicht die Preisspanne von niedrigen zweistelligen bis in den hohen dreistelligen Euro-Bereich. Wer unterwegs “nur” sein Smartphone auf ein Dreibein stellen will, braucht aber kein Profi-Stativ, das für schwere Spiegelreflexkameras konzipiert ist. Die Befestigung erfolgt immer über das standardisierte Stativ-Gewinde.

Für Smartphones gibt es tonnenweise Zubehör: Objektive, Tastaturen, Akkus, Leuchten, externe Festplatten. Am wichtigsten sind aber meistens vernünftige Mikrofone und Stative. Hier sollten Sie zuerst investieren.

Basisausstattung für mobilen Journalismus: Externes Mikrofon, Dreibein-Tischstativ, Smartphone, Smartphone-Halterung, externer Akku.

Basisausstattung für mobilen Journalismus: Externes Mikrofon, Dreibein-Tischstativ, Smartphone, Smartphone-Halterung, externer Akku.

3.2. Apps zum Aufnehmen und Editieren

Noch länger als die Zubehörliste ist die Liste der Apps, die sich zum Aufnehmen und Editieren eignen.

Da Apple 2007 mit dem iPhone das erste komplette Smartphone auf den Markt brachte, war das Gerät auch beim Mobile Reporting führend. Daran hat sich bis heute nichts Grundlegendes geändert. Viele Hersteller entwickeln ihre Aufnahme- und Editier-Apps zuerst für das mobile Apple-Betriebssystem iOS. In den letzten Jahren hat Googles Android aufgeholt, auch hier gibt es inzwischen eine große Auswahl an Mobile-Reporting-Apps. Einige dieser Apps wie Snapseed, Storehouse oder Evernote sind für beide Plattformen erhältlich.

Bei neueren Smartphones sind die eingebauten Kameras inzwischen so hochauflösend, dass die Aufnahmequalität von Fotos und Videos für eine Veröffentlichung (im Web) locker ausreicht. In iOS wird die Kamera mit der gleichnamigen App gesteuert, die auch gut zoomen und per Fingerberührung auch fokussieren kann.

Die Auswahl an solchen Aufnahme- und Editier-Apps ist groß. Die Tabelle gibt eine kleine Übersicht über beliebte Apps für Aufnahme und Schnitt in den Betriebssystemen iOS und Android.

Beliebte Apps für Aufnahme und Schnittt in iOS und Android

 iOSAndroid
Foto- und VideoaufnahmeKamera (vorinstalliert)
Filmic Pro
ProCam 3
Camera FV-5
Camera MX
Open Camera
Foto- und VideoschnittiMovie (vorinstalliert)
Voodio (Audio und Video)
Pinnacle Studio
Snapseed

Kinemaster
VideoShow
Adobe Premiere Clip
Snapseed

Audioaufnahme und -schnittiRig
Hindenburg
Ferrite
Field Recorder
RecForge II Pro Audio Recorder
Audio Evolution Mobile Studio

4. Wo: Mobile is social

Zur Natur des Mobile Reporting gehört von der ersten Stunde an das Veröffentlichen in sozialen Netzwerken. Oder anders ausgedrückt: Mobile is social. Kurze Texte und Links auf Twitter, Facebook, Google+ und Co. Fotos auf Instagram und Pinterest, Videos auf YouTube und Vimeo, Audio-Files auf Soundcloud. Live-Streams auf Periscope, Meerkat und Bambuser. Live-Ticker auf ScribbleLive oder LiveBlog. Oder eine Mischung aus Text, Foto und Video auf (Micro-)Blogging-Plattformen wie WordPress oder Tumblr. Gerade ganz groß im Kommen ist Snapchat – ein Instant-Messaging-Dienst, mit dem man aus Fotos und Videos Storys erstellen und teilen kann – oft garniert mit Emojis, Filtern und Linsen.

Natürlich ist das nicht alles per se journalistisch. Soziale Netzwerke werden in erster Linie von Nicht-Journalisten genutzt. Aber Journalisten nutzen sie eben auch – mal mehr, mal weniger professionell. Die mobilen Reporter können so direktes Feedback für ihre Berichte bekommen – oder das Publikum selbst ein wenig Regie übernehmen lassen: So konnten die Periscope-Zuschauer beim G-7-Gipfel der Redaktion Fragen stellen. Die klassischen Reichweiten-Effekte durch vielfaches Teilen gelten für das mobile Reporting natürlich genauso. Über die in fast allen sozialen Netzwerken vorhandene Embed-Funktion findet der Inhalt seinen Weg auf die eigene Website.

Fazit

In wenigen Jahren hat sich die Aufnahmequalität von Smartphones so stark verbessert, dass sie absolut vollwertige Werkzeuge für Journalisten geworden sind. Praktische Werkzeuge noch dazu, weil sie so klein und leicht sind – und überall und immer benutzt werden können. Wer auf ein stabiles Bild und einen guten Ton achtet, kann mit geringen Mitteln tolle Ergebnisse erzielen. Durch gute inhaltliche Vorbereitung und Konzeption kann richtig guter Journalismus daraus werden, der sich direkt in sozialen Netzwerken veröffentlichen lässt. Das Mobile Reporting bricht sich immer weiter Bahn – und wird bald so selbstverständlich sein, dass der Begriff überflüssig werden wird.

Links zu Ausrüstung und Apps fürs Mobile Reporting:

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Foto: Andreas Unger

Foto: Andreas Unger

Der Autor Bernd Oswald ist freier Medienjournalist, Trainer und Trendscout im digitalen Journalismus. Er interessiert sich für die Weiterentwicklung des Journalismus an der Schnittstelle zwischen Redaktion, Programmierung und Design. Deswegen hat er Hacks/Hackers München mitgegründet, wo Journalisten, Programmierer und Designer neue Formate diskutieren und konzipieren. Zu diesen Themen twittert er als @berndoswald und bloggt zudem auf www.journalisten-training.de. Eine Auswahl seiner Arbeitsproben präsentiert er auf seinem Torial-Profil.

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