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Serienkritik zu „Tokyo Vice“: Enthüllungen eines Außenseiters

Die erste Staffel der Journalismus-Serie „Tokyo Vice“ bietet Hochspannung in kühler Ästhetik, aber keine unanfechtbare Authentizität hinsichtlich ihrer Thematik.

Es ist ein temporeiches, von treibenden Beats unterlegtes Leben, das der junge US-Amerikaner Jake Adelstein (Ansel Elgort) 1999 in seiner Wahlheimat Tokio führt: Im dichten Gedränge der bevölkerungsreichen Metropole hetzt er von seinem Job als Englischlehrer zur Aikidō-Stunde, dazwischen und danach versucht er, sich so viel Lernstoff über Japan wie möglich einzuverleiben, bevor er feiern geht und schließlich in seiner winzigen Wohnung müde ins Bett fällt. Am nächsten Tag nimmt Jake an der aufwendigen Aufnahmeprüfung der (fiktiven) Tokioter Tageszeitung Meicho Shimbun teil, die pro Tag von zwölf Millionen Menschen gelesen wird, damit die höchste Auflage in Japan erreicht und bislang kein einziges ausländisches Redaktionsmitglied beschäftigt.

„Wer hat den Ausländer hier reingelassen?“

Dass Jake, der fließend Japanisch spricht, trotz eines Patzers als erster ausländischer Kandidat das schwierige Aufnahmeverfahren besteht, mag wie eine unwahrscheinliche Plot-Idee anmuten, ist aber tatsächlich dem Werdegang des US-amerikanischen Journalisten Jake Adelstein zu entnehmen. An dessen Memoiren „Tokyo Vice: Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt“ (2009) orientiert sich diese Serie. Von 1993 bis 2005 war Adelstein bei der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun beschäftigt und berichtete vor allem über Kriminalfälle und zunehmend über die Machenschaften des organisierten Verbrechens in Japan. 2008 sorgte er schließlich für Aufsehen, als er in der Washington Post und den Los Angeles Times aufdeckte, dass sich einige ranghohe Mitglieder der Yakuza in Kalifornien Lebertransplantationen unterzogen und dabei durch hohe Geldspenden die übliche Warteliste umgangen hatten.

Außenseiter: Der US-Amerikaner Jake Adelstein (Ansel Elgort) wird in die Redaktion einer japanischen Tageszeitung aufgenommen. © Eros Hoagland

Diese erste Staffel von „Tokyo Vice“, an dessen Produktion so gewichtige Regie-Größen wie Michael Mann („Heat“, „Insider“, „Miami Vice“) und Alan Poul („The Newsroom“) beteiligt sind, hebt wiederholt den Außenseiterstatus des Protagonisten hervor: Obwohl Jake mit seinen Japanisch-Kenntnissen und seinem Wissen über das Land die Redaktionsleitung beeindruckt hat, fällt er an seinem ersten Tag – meist unverschuldet – negativ auf. Gleich bei der ersten Begegnung ruft ihm Baku (Kōsuke Toyohara), der Leiter des Kriminalressorts, keineswegs scherzhaft zu: „Wer hat den Ausländer hier reingelassen?“ Und auch bei seiner Vorgesetzten Emi Maruyama (Rinko Kikuchi) kommt Jakes joviale Art nicht gut an – die Atmosphäre in der Redaktion der Meicho Shimbun ist schließlich sehr formell und konservativ: Die Männer tragen Anzüge, der Frauenanteil ist verschwindend gering und allen hier Beschäftigten wird eine hohe Loyalität abverlangt. Zur Begrüßungsfeier am Abend werden die Neuankömmlinge mit den Worten eingeladen: „Ab heute gehört ihr Leben dieser Zeitung.“

Blick unter die Oberfläche der Stadt

Unbeirrt davon, dass ihm seine Position als „Gaijin“ (japanisch für „Fremder“, „Außenseiter“) bei der Recherche stets vorauseilt, macht sich Jake an die Arbeit und ist willens, im Kriminalressort nicht nur die offiziellen Polizeiberichte zu paraphrasieren. Sein erster Artikel soll sich mit einem schrecklichen Leichenfund an den U-Bahn-Gleisen beschäftigen. Durch beherzte Recherchen deckt Jake bald eine Verbindung zu einer Kreditfirma auf, die in diesen Todesfall involviert zu sein scheint und hinter der er wiederum eine Yakuza-Bande vermutet. Doch dem cholerischen Ressortleiter Baku ist Jakes forsche Art ein Dorn im Auge, vor allem, weil sich dieser nicht an eine wichtige Formalie hält: Von einem Mord dürfe erst explizit geschrieben werden, wenn die Polizei eine solche Tat bestätigt habe. Und diese gebraucht das Wort „Mord“ nur zögerlich, wie der Polizist Miyamoto (Hideaki Itō) Jake später im Vertrauen (und gegen ein bezahltes Abendessen) erklärt: „Wenn es jemand berichtet und wir den Fall nicht lösen, geht unsere Aufklärungsrate in den Keller.“

Dass Jake sich in seinem Ansinnen, „unter die Oberfläche der Stadt zu dringen“, immer wieder über die üblichen redaktionellen Verfahrensweisen hinwegsetzt und mit mehr Elan und Tiefe recherchiert als seine beiden jungen japanischen Kollegen, die er scherzhaft „Trendy“ und „Tin Tin“ nennt, entspricht einerseits der häufig in Journalismusfilmen und -serien anzutreffenden Figur des unerfahrenen, aber engagierten „Rookie-Journalisten“. Andererseits läuft „Tokyo Vice“ hier aber auch Gefahr, den in der Film- und Fernsehkritik in jüngerer Zeit häufig beklagten „White Savior“-Komplex zu bedienen: Ein weißer US-amerikanischer Jungjournalist „rettet“ durch seine mutige Berichterstattung die japanische Gesellschaft vor sich selbst, könnte man dem Plot von „Tokyo Vice“ unterstellen.

Dank einiger kluger Entscheidungen in der Plot- und Figurengestaltung kriegt diese erste Staffel von „Tokyo Vice“ aber gerade noch die Kurve: Der Fokus bleibt nicht die gesamte Zeit auf Jake, sondern wechselt immer wieder auf gewichtige einheimische Nebenfiguren. Neben Jakes stets besonnen agierender Vorgesetzten Emi ist dies vor allem der Polizeidetektiv Hiroto Katagiri (Ken Watanabe), der Jake bald Einblick in die Polizeiarbeit gibt, ihn über die Hierarchien innerhalb und Konkurrenz zwischen den Yakuza-Banden aufklärt, aber auch häufig bei eigenen Ermittlungen und mit seinem Familienleben als autonome Figur in Erscheinung tritt.

Preis und Wert von Information

Im Verlauf der acht Episoden von „Tokyo Vice“ entwickelt sich bald eine sehr spannende Mischung aus Kriminal- und Detektivplot, die fein mit Jakes investigativen Recherchen verwoben wird. Während er weitere Nachforschungen zur Kreditfirma anstellt, lernt er im Nachtclub Onyx über die amerikanische Hostess Samantha Porter (Rachel Keller) das noch rangniedrige und gesprächsbereite Yakuza-Mitglied Sato (Show Kasamatsu) kennen. Trotz Hirotos Warnungen, sich bloß nicht auf Deals mit den Yakuza einzulassen, gerät Jake bald in Versuchung, sich von Satos Boss Hitoshi Ishida (Shun Sugata) lukrative Informationen zuspielen zu lassen. Ishida hofft, auf diese Weise die öffentliche Aufmerksamkeit auf seinen Rivalen Shinzo Tosawa (Ayumi Tanida) lenken zu können, dessen Bande äußerst aggressiv auftritt und versucht, sich alle Geschäfte im Rotlichtviertel Tokios unter den Nagel zu reißen.

Jake stößt aufgrund des auf ihm lastenden Drucks als Jungredakteur bei der Tageszeitung und wegen seines schon krankhaften Ehrgeizes zunehmend an ethische Grenzen. Entsprechend setzt sich die zweite Hälfte dieser ersten Staffel mit der Frage nach der Verantwortung im Umgang mit brisanten Informationen auseinander. Mit väterlicher Strenge versucht Hiroto immer wieder, den Jungjournalisten zu bremsen, damit dessen Berichte nicht die polizeilichen Ermittlungen gegen Tosawa gefährden – und letztlich auch Jake selbst. Auch Emi als Vorgesetzte versucht, Jake zu überzeugen, bei der Publikation von brisanten Informationen auf Nachhaltigkeit zu setzen: „Man muss eine Mauer aus Informationen errichten, Stein für Stein, Bericht für Bericht, bis die Fakten nicht mehr ignoriert werden können. Und dann müssen sich die Dinge ändern.“

Anmutig, aber nicht unbedingt authentisch

Dieses Kernthema überzeugt bis zum atemberaubenden Finale von „Tokyo Vice“, das eine fast ausnahmslos aufregend inszenierte erste Staffel voller interessanter Erzählstränge abschließt. Hier und da scheinen die Hintergründe mancher Figuren nicht unbedingt mühelos eingeflochten zu sein – vor allem Jakes schwierige Beziehung zu seiner Familie in Missouri mutet als etwas ungelenker Versuch an, dem Protagonisten mehr Tiefe zu verleihen. Dafür überzeugt aber das Setting durchgehend: Durch eine kühle Ästhetik – für die wohl vor allem Michael Mann verantwortlich ist – erscheint Tokio hier als pulsierende Metropole von eleganter Rauheit, in der Tradition und Moderne unvergleichlich aufeinandertreffen.

Überzeugendes Setting: Tokio als pulsierende Metropole, in der Tradition und Moderne aufeinandertreffen. © Eros Hoagland

Generell scheint „Tokyo Vice“ dabei auch um Authentizität bemüht: Über weite Strecken dominiert untertiteltes Japanisch in den Dialogen, gedreht wurde tatsächlich unter strengen Auflagen in Tokio. Mit Alan Poul ist dabei ein ausführender Produzent am Werk, der einst selbst mehrere Jahre in Japan gelebt hat. Nichtsdestotrotz muss man die in „Tokyo Vice“ präsentierte Geschichte um Jake Adelsteins Recherchen in kriminellen Kreisen mit Vorsicht genießen: Inzwischen wurden mehrfach Zweifel am Wahrheitsgehalt von Adelsteins Memoiren laut, die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zufolge so manche Übertreibung bis Verzerrung enthielten.

Die an der Produktion der Serie Beteiligten stellen inzwischen auch klar, dass „Tokyo Vice“ von dieser Vorlage nur inspiriert sei und es sich um einen fiktiven Plot handle. Dieser kommt als sehenswerter und schneidig inszenierter Thriller daher, dessen Bild vom investigativen Journalismus in Japan entsprechend mit Vorsicht zu genießen ist.

Tokyo Vice
USA 2022
Serie, 1 Staffel, 8 Episoden à 58 Min.
Buchvorlage: „Tokyo Vice: Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt“ (2009) von Jake Adelstein
Showrunner: J. T. Rogers
Regie: Michael Mann, Josef Kubota Wladyka, Hikari, Alan Poul
Drehbuch: J. T. Rogers, Karl Taro Greenfeld, Arthur Phillips, Naomi Iizuka, Adam Stein, Jessica Brickman, Brad Caleb Kane
Kamera: John Grillo, Diego García, Katsumi Yanagijima, Daniel Satinoff
Besetzung: Ansel Elgort, Ken Watanabe, Rachel Keller, Hideaki Itō, Show Kasamatsu, Ella Rumpf, Rinko Kikuchi, Tomohisa Yamashita

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Dobrila Kontić hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK) studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Film- und Serienkritikerin in Berlin.

 

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