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Rezension zu „The Newsroom“: Die Windmühlenkämpfer

Aaron Sorkins HBO-Serie The Newsroom (2012 – 2014) feiert die Wiederentdeckung altehrwürdiger journalistischer Ideale und scheitert dabei glorios. Eine Kritik von Dobrila Kontić.

Mit gerade einmal drei Staffeln und insgesamt 25 Folgen wäre die Serie The Newsroom (2012 2014) des US-amerikanischen Kabel- und Satelliten-TV-Netzwerks HBO (Home Box Office) eher eine Randnotiz in der Geschichte um den Siegeszug amerikanischer Qualitätsserien seit der Jahrtausendwende. Dass dieser Serie bis heute dennoch mehr Bedeutung zugeschrieben wird, liegt vornehmlich daran, dass sie aus der geschätzten Feder von Drehbuchautor Aaron Sorkin stammt. Dieser hatte zuvor schon mit der Politserie The West Wing (1999-2006) und dem Film The Social Network (2010) Kritiker und Publikum für sich eingenommen. Der intelligente, blitzschnelle Wortwechsel beim hektischen Umherlaufen – das sogenannte „Walk and Talk“ – gehört zu Sorkins liebsten Stilmitteln, ebenso wie das gelegentliche Abgleiten ins Pathetische. Wer das wusste und ihn dennoch schätzte, freute sich auf The Newsroom und das zentrale Thema dieser Serie: die Rettung des Qualitätsjournalismus. Ein Thema, das damals für entsprechende Aufmerksamkeit vonseiten der Fernsehkritiker sorgte und bis heute nachhallt.

Ein gebrochener Mann in einem gespaltenen Land

The Newsroom beginnt mit einer Patriotismus-Kontroverse, die hierzulande nicht allzu nachvollziehbar scheint. Will McAvoy (Jeff Daniels), Nachrichtensprecher in der abendlichen Sendung „News Night“ des fiktiven New Yorker Fernsehsenders ACN (Atlantis Cable News), ist zu Gast in einer Talkrunde auf dem Campus der Northwestern University. Er ist ein populärer Anchorman, zugleich wird ihm aber seine harm- und kritiklose Art der Berichterstattung und des Interviewens vorgeworfen. Sorkin inszeniert seinen Helden in dieser ersten Szene als um Distanz ringenden, erschöpften Mann, der im wörtlichen wie übertragenen Sinne zwischen den Stühlen sitzt: Auf dem Podium ist er platziert zwischen einem Republikaner und einer Demokratin, die über seinen Kopf hinweg aufgebracht debattieren. Während die beiden vom Moderator nur schwer im Zaum gehalten werden können, begegnet Will dessen Fragen mit ironischem Witz und trockenen Gegenfragen.

Um so schockierter ist das versammelte Publikum, als Will auf die ernst gemeinte Frage, „wieso Amerika das großartigste Land der Welt ist“, ausnahmsweise ehrlich antwortet: „Es ist nicht das großartigste Land der Welt.“ Er bombardiert das patriotische Publikum mit nüchternen Fakten zu Freiheit und Fortschritt in Amerika und erschreckenden Statistiken zur Alphabetisierung und Gefängnisinsassen. Schließlich stimmt er das Hohelied auf die gute alte Zeit an, als Amerika noch für etwas stand, den Armen half und den gerechten Kampf kämpfte – was alles nur möglich gewesen sei, weil seine Bürger informiert wurden „durch tolle Menschen, Menschen, die wir achteten.“

Rückeroberung der vierten Gewalt

Welche Menschen hier gemeint sind, verdeutlicht der Vorspann der ersten Staffel: Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 1950er und 1960er-Jahren zeigen Nachrichtengrößen wie Edward R. Murrow und Walter Cronkite, untermalt von einem pathetischen, violinengetränkten Thema. Damit wird eine altehrwürdige Tradition von Fernsehnachrichten heraufbeschworen, in der diesem Medium und seinen Repräsentanten noch Vertrauen und ungeteilte Aufmerksamkeit entgegengebracht wurden. Wills Wutrede und dieser Vorspann dienen Sorkin als Ausgangspunkt für einen Aufbruch zur Rettung des rein quotenorientierten und von Irrelevantem durchzogenen Fernsehjournalismus der amerikanischen Gegenwart. Eingeleitet wird die Rettungsaktion von Wills Vorgesetztem Charlie Skinner (Sam Waterston), der alt genug ist, um sich an die Hochphase des geschätzten Fernsehjournalismus zu erinnern. Zum Ende der ersten Folge verrät er Will das Geheimrezept, das damals wie heute gelten soll: „In den alten Zeiten zeigten wir gute Nachrichten. Und weißt du, wieso? Wir hatten uns einfach dazu entschieden.“

Um diese Entscheidungsfreude in die Gegenwart zu überführen, hat Charlie die etablierte Nachrichtenproduzentin Mackenzie McHale (Emily Mortimer) angeheuert, die schon vor drei Jahren für „News Night“ arbeitete und damals Wills Freundin war. Den von so viel Veränderungswillen brüskierten Will versucht sie mit ihrer Vision von einer Rückeroberung der vierten Gewalt zu überzeugen: „Eine tägliche Nachrichtensendung mit einer Debatte, die einer großen Nation würdig ist. Anstand, Respekt, eine Rückkehr zu dem, was mal wichtig war. Schluss mit Zankereien, mit Klatsch und Voyeurismus. Wir müssen den Idioten die Wahrheit sagen. Kein demokratisches Kuschelplätzchen, sondern ein Ort, an dem wir alle zusammenfinden.“

Eine der vielen flammenden Reden von The Newsroom, die bei einigen Fernsehkritikern für Augenrollen sorgten. Der New Yorker beschrieb die hier und an anderen Stellen formulierte Vision eines ehrbaren Journalismus als „so naiv, dass es schon irgendwie zynisch ist.“ Vor allem Sorkins zeitlicher Rückgriff in diesem Zusammenhang wurde bemängelt. So versetzte er die Handlung von The Newsroom zwei Jahre zurück, um den vorbildlichen Umgang der „News Night“-Redaktion anhand realer Nachrichtenereignisse von 2010 zeigen zu können. In der ersten Folge ist dies etwa die Ölkatastrophe auf der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko. Während andere Sender noch zögern, sind sich die Macher von „News Night“ nach eiliger, aber dennoch sehr genauer Recherche sicher, dass sie es hier mit einer Meldung von nachhaltiger Bedeutung zu tun haben. Auf Zeit Online brachte David Hugendick diese Altklugheit aus der Rückschau zu Recht auf: „Preiswerter lässt sich der real existierende Journalismus nicht kritisieren.“

Doch oft genug trifft The Newsroom mit seiner Kritik an der Unterwanderung journalistischer Standards ins Schwarze. Zum Beispiel im Fall des Attentats auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords im Januar 2011. Als fast alle amerikanischen TV-Sender die schwer verletzte Giffords voreilig für tot erklären, drängt der CEO des ACN-Mutterkonzerns die „News Night“-Redaktion dazu, dies ebenso zu tun. Diese weigert sich und ACN-Produzent Don (Thomas Sadoski) äußert einen wichtigen journalistischen Grundsatz, wenn es um Leben und Tod geht: „Sie ist eine Person. Ein Arzt erklärt sie für tot. Nicht die Nachrichten.“

Die Wahrung solcher Prinzipien ungeachtet des Aktualitätsdrucks wird in The Newsroom zur unverzichtbaren Tugend für eine seriöse Nachrichtensendung erhoben, ebenso wie eine Rückbesinnung auf harte Relevanzkriterien. Der seit den 1970er-Jahren zunehmenden Zersetzung von US-Nachrichtensendungen durch Klatsch, Kriminalität und sogenannten Human-Interest-Stories, setzt Mackenzie als Produzentin eine Rückbesinnung auf Hard News entgegen: Den Zuschauern sollen nur solche Informationen präsentiert werden, die für sie bei der nächsten Wahl von Belang sein könnten. „Nur mit dem Blick auf eine mündige Wählerschaft kann Journalismus seine öffentliche Pflicht erfüllen“, ist das Credo der neuen „News Night“-Macher.

Im Verlauf der ersten Staffel zeigt Sorkin aber auch, wie die hehren Ideale von „News Night“ unter Druck geraten – zunächst etwa durch Leona Lansing (Jane Fonda), der resoluten Eigentümerin des Medienkonzerns Atlantis World Media. Zu ihrem Schrecken kündigen gewichtige Unternehmer die Werbeverträge mit ihrem Sender auf, nachdem Will in „News Night“ offen die radikalkonservative Richtung der Tea Party-Bewegung kritisiert. Zudem sinken mit dem neuen, der wertvollen Information verhafteten Konzept die Quoten von „News Night“ kontinuierlich. Da Will und seinem Team aber sehr daran gelegen ist, relevant genug zu bleiben, um die Wahldebatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten abzuhalten, gehen sie mitunter faule Kompromisse ein und berichten etwa über den reißerischen Kriminalfall um die mutmaßliche Kindsmörderin Casey Anthony und über das öffentlich gewordene Sexleben des demokratischen Kongressabgeordneten Anthony Weiner. Der Kampf um journalistische Tugenden im Fernsehnachrichtengeschäft, so wird hier deutlich, ist ein schwieriger und nicht unbedingt dankbarer Balanceakt.

Erhaben oder überheblich?

Dass The Newsroom nach der ersten Staffel nicht nur Naivität, sondern auch Überheblichkeit unterstellt wurde, ist angesichts des darin zum Kampf der Gerechten stilisierten Richtungswechsels einer Nachrichtensendung zunächst verständlich: „Wir sind die Medienelite“, erklärt etwa Will vor laufender „News Night“-Kamera die neue Mission der Sendung. Es gibt viele weitere solche Äußerungen in The Newsroom, die – nicht nur aus dem Kontext gerissen – so unfassbar anmaßend erscheinen wie die Vorannahme, dass „Amerika das großartigste Land der Welt“ sei. Es scheint nicht zu reichen, eine wertvolle und der Wahrheit verpflichtete Fernsehsendung zu machen – nein, das US-amerikanische Superlativ muss her und diese Nachrichtensendung die wertvollste und wahrhaftigste aller Zeiten werden.

In diesen Extremen bewegt sich Sorkin ebenfalls, wenn es um die Darstellung von Journalisten geht, die in The Newsroom entweder Huren oder Heilige sind. Die Heiligen sind die Mitarbeiter von „News Night“: rechtschaffene, der Wahrheit verpflichtete Aufklärer, die für die Aufdeckung von Missständen mitunter ihre Gesundheit und ihre Freiheit riskieren. So muss der „News Night“-Digitalexperte Neal (Dev Patel) in der dritten Staffel kurzfristig das Land verlassen, nachdem er dem FBI den Namen seiner anonymen Quelle nicht verraten will. Auf der anderen Seite stehen hingegen etwa Klatschkolumnisten, die für ihre skandalösen Stories Privatsphären verletzen und bewusst Rufmord begehen. Oder auch überehrgeizige Manipulatoren wie Jerry Dantana, der in der zweiten Staffel von The Newsroom dafür sorgt, dass „News Night“ eine Falschmeldung zu einem angeblichen Giftgaseinsatz US-amerikanischer Truppen in Pakistan ausstrahlt. Journalismus, so stellt sich an diesen Beispielen dar, ist für Sorkin kein Job, sondern eine Berufung für diejenigen, die reinen Herzens sind und nicht dem Ruhm, sondern selbstlos der Wahrheit zustreben.

Und diesem idealisierten Bild von Journalismus entspricht in The Newsroom kurioserweise einzig und allein und ausgerechnet der Fernsehjournalismus, der bereits Jahrzehnte zuvor in Sidney Lumets Network demontiert wurde. Es mutet schon anachronistisch an, wie in der Serie The Newsroom, die 2010 einsetzt, die zunehmende Konkurrenz durch Online-Nachrichtenformate komplett ausgespart wird. In der ersten Staffel noch belächelt, wird der Online-Journalismus in der dritten Staffel vollends verteufelt. Letzteres wird an der Beziehung zwischen dem „News Night“-Senior Producer Jim (John Gallagher Junior) und seiner Freundin, der Online-Journalistin Hallie (Grace Gummer), exemplifiziert. Während sie sich zu Beginn ihrer Beziehung wegen ihrer Zugehörigkeit zu den verfeindeten Lagern „New Media“ und „Old Media“ noch gegenseitig aufzogen, erwächst daraus sehr bald ein alles infrage stellender Streit. Und dieser drängt die Zuschauer auf die Seite von Jim, der Hallies neuen, von Klickzahlen bestimmten Job scharf kritisiert und sie auslacht, wenn sie von der „digitalen Revolution“ schwärmt.

Kämpfen auf längst verlorenem Posten

Trotz dieser berechtigten Vorwürfe der Überheblichkeit und der Naivität, lässt sich The Newsroom nicht so einfach als minderwertige Serie abtun. Die großartige Darstellerriege, die hitzigen und intelligenten Dialoge sowie der über drei Staffeln zunehmend komplexer werdende Wechsel der Zeitebenen bieten unbestreitbar gute Unterhaltung. Auch milderte Sorkin in der zweiten und dritten Staffel das hochtrabende Gebaren seiner Figuren etwas ab und konfrontierte sie mit der Realität. So begeht die „News Night“-Redaktion in der zweiten Staffel schwerwiegende Recherchefehler und hat sich entsprechend zu verantworten. Zudem befindet sich die Quote der Nachrichtensendung trotz oder eben wegen ihrer hohen Ansprüche im freien Fall.

Dass die „News Night“-Verantwortlichen ihre Ideale trotz dieser katastrophalen Entwicklungen weiter hochhalten, ist eine auf Handlungs- und Motivebene der Serie selbst reflektierte Idiotie: So ist nicht rein zufällig der antike Mythos von einer untergegangenen Stadt der Namensgeber für den Sender ACN – Atlantis Cable News. Und ausgerechnet Miguel de Cervantes‘ Roman Don Quijote dient Charlie und Mackenzie als Inspiration für die angestrebte Veränderung von „News Night“: Ein Roman, der sich auf tragikomische Weise der Inkongruenz von Traum und Wirklichkeit, von Ideal und Realität widmet.

Darauf verweist auch die allerletzte, zwischen Melancholie und Euphorie schwankende Folge von The Newsroom. Sie rekurriert auf den Beginn der revolutionären Umgestaltung von „News Night“ und schließt damit einen Kreis um diese Geschichte von Geblendeten, die etwas heraufbeschwören wollen, das entweder nie in dieser Form existiert oder schon längst an Wert verloren hat. Wer ihnen dennoch gern dabei zuschaut, ist nicht frei von fantastisch anmutenden Idealen – was keine schlechte Erfahrung ist.

The Newsroom

USA 2012 – 2014, 25 Episoden in 3 Staffeln

Episodenlänge: ca. 60 Min.

Idee & Drehbuch: Aaron Sorkin

Kamera: Todd McMullen

Besetzung: Jeff Daniels, Emily Mortimer, John Gallagher Jr., Alison Pill, Thomas Sadoski, Dev Patel

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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