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„Zu uns kommen eher Menschen als Medien“

Interview mit dem Researcher Ashkan Cheheltan.

Als ZDF, SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und zahlreiche andere Medien über die rassistischen Morde in Hanau berichteten, stützten sie sich auf Investigationen von Researcher:innen der Londoner Agentur Forensic Architecture (FA) und ihrer deutschen Schwesteragentur Forensis. „FA“ ist eine wissenschaftliche Einheit der Goldsmiths University of London und entwickelt neue Methoden zur Untersuchung von staatlicher Gewalt. Ashkan Cheheltan hat Architektur studiert und ist Assistant Researcher bei Forensis. Im Interview beschreibt er seine Arbeitsweise, seine Motive und das Zusammenspiel zwischen seiner Agentur und den Medien.

An welchen Investigationen, die über die Medien kommuniziert wurden, warst du persönlich beteiligt?

Direkt beteiligt war ich zum Beispiel an den Recherchen zum rassistischen Anschlag in Hanau und zum Völkermord an den Herero und Nama durch deutsche Schutztruppen in Namibia.

Ein anderes bekanntes Beispiel für unsere Arbeit ist die Recherche zur Tötung der palästinensischen Journalistin Shrin Abu Akleh durch israelische Besatzungstruppen. Das war allerdings eine Arbeit unserer Londoner Agentur FA und ich war daran nicht beteiligt.

Kannst du eure Agentur kurz vorstellen?

Grundsätzlich operieren wir als eine Art von forensischer Agentur, allerdings auf dem Gebiet der Counter Forensics. Counter Forensics kommt zum Einsatz, wenn zivilgesellschaftliche Organisationen Anhaltspunkte dafür haben, dass behördliche oder staatliche Forensiker ihre Arbeit – wissentlich, unwissentlich oder ganz bewusst – nicht gut oder gar nicht gemacht haben. Vielleicht, weil staatliche Organisationen in irgendeiner Art in den Fall verwickelt sind. Dann kommen wir ins Spiel und untersuchen das Geschehen mit unseren Methoden.

Wir sind kein Unternehmen, das mit seiner Arbeit Geld verdienen will oder muss. Wir finanzieren unsere Arbeit durch Crowdfunding, durch Ausstellungen, durch Investigationsaufträge, aber auch durch akademische Stipendien und Fundings oder durch Preise.

Wie arbeitet ihr bei euren Investigationen?

Wir nutzen architektonische Verfahren und Werkzeuge, um Menschenrechtsverletzungen weltweit zu untersuchen. Ein Bestandteil unserer Arbeit sind sogenannte OSINT, also Open Source Investigations. Darunter zu verstehen ist die Analyse von Bildern und Videos aus den sozialen Medien.

Dabei versuchen wir, Partnerschaften mit den Betroffenen aufzubauen – was normalerweise bei OSINT nicht üblich ist. Wir vertreten auch politische Forderungen, wie etwa Dekolonialisierung oder Anti-Rassismus. Trotzdem arbeiten wir wissenschaftlich objektiv.

Welchen beruflichen Background haben eure Teams?

Ich persönlich habe einen Background als Architekt. Der Architektur-Zusammenhang unserer Arbeit besteht, abgesehen von einigen digitalen Werkzeugen und Methodologien, die aus dem Architekturbereich kommen, darin, dass Architektur bei uns als „Zeuge“ abgefragt wird. Wir übersetzen durch unsere Arbeit die Sprache des Objektes, das uns seine Geschichte erzählen möchte, und stellen diese als Evidenz vor.
Bei uns arbeiten Architekten mit Künstlern, Journalisten und Webdevelopern zusammen. Beraten werden wir unter anderem von Biologen, Filmemachern und Soundexperten. Wir beziehen aber auch Botaniker oder Experten für Explosionen in unsere Projekte mit ein.

Wie sieht dein Tätigkeitsbereich konkret aus?

Mein Tätigkeitsfeld umfasst nicht nur klassische journalistische Investigationen, sondern auch viele technische Jobs, zum Beispiel 3-D-Modelling und Videoproduktion. Dafür verwenden wir normalerweise verbreitete Open-Source-Software-Tools für Architektur, Gamedesign oder Animation, allerdings in sehr einzigartiger Art und Weise.

Bei der Hanau-Investigation haben wir zum Beispiel sehr aufwendig und komplex die Simulation von Schall eingesetzt, um die Aussagen von Polizisten zu überprüfen, die behauptet hatten, sie hätten die Schüsse im Täterhaus nicht gehört. Weil wir wenige Bilddatenpunkte hatten, haben wir Soundanalysen durchgeführt. In ähnlicher Weise hatten wir zuvor bereits bei einer NSU-Komplex-Untersuchung gearbeitet.

Bild 1: Rekonstruktion des rassistischen Anschlags in Hanau durch FA/ Forensis – 3D-Modell des Hauses des Attentäters. © FA / Forensis

Bild 2: Rekonstruktion des rassistischen Anschlags in Hanau durch FA/ Forensis / Messung der Lautstärke von Schüssen. © FA / Forensis

Ich trete aber auch bei Interviews, Lectures oder Vorträgen auf, zum Beispiel im Deutschlandfunk, bei einer Sendung zu unserem Namibia-Projekt. (Anmerk. d. A.: Forensic Architecture recherchierte Schauplätze des Anfang des 20. Jahrhunderts an den Herero und Nama in Namibia durch die deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermords.)

Habt ihr festgelegte Prozesse bei der Zusammenarbeit mit den Medien?

Für die Kooperation mit den Medien, etwa dem SPIEGEL oder Al Jazeera, gibt es kein eigentliches Protokoll. Tatsächlich werden wir öfter von Nichtregierungsorganisationen, also NGOs, Angehörigen von Opfern oder Initiativen angefragt und beauftragt als von Medienpartnern. Zu uns kommen eher Menschen als Medien.

Es kommen aber auch oft Journalisten, die uns zu unseren Projekten interviewen und so unsere investigativen Untersuchungsergebnisse verbreiten. Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, da wir unsere Erkenntnisse in die Gesellschaft tragen wollen und viele Untersuchungen ja hinter geschlossenen Türen und in Gerichtssälen stattfinden und nicht in die Öffentlichkeit dringen. Transparenz ist uns sehr wichtig, weil wir die untersuchten Ereignisse öffentlich machen wollen. Aber auch, weil wir unsere Methoden und Arbeitsweisen für alle verständlich und nachvollziehbar darstellen möchten.

Wir führen unsere Projekte also unabhängig von unseren Medienpartnern durch – die machen uns diesbezüglich keine Vorschriften – und sind autonom in unserer Arbeitsweise. Gleichzeitig möchten wir aber natürlich, dass im öffentlichen Interesse darüber berichtet wird. Übrigens bauen Medienunternehmen, wie die New York Times oder die Deutsche Welle, selbst solche Expertenteams für visuelle, akustische und räumliche Analysen auf.

Nennst du uns ein konkretes Beispiel für eine Medienkooperation?

Beim Namibia-Projekt ist der SPIEGEL-Reporter Maximilian Popp mit uns in dieses Land gereist, hat das Thema und die verschiedenen Aspekte bearbeitet und hatte durch uns Zugang zu relevanten Gesprächspartnern. Dann hat er seine Story Schritt für Schritt zusammengebaut. Dabei haben wir unsere Untersuchungsergebnisse mit ihm geteilt.

Rekonstruktion des Völkermordes an den Herero und Nama: Lokalisierung zerstörter Siedlungen durch FA / Forensis bei Otjozondjupa (Waterberg). Researcher-Beitrag. © FA / Forensis

Bild 4: Rekonstruktion des Völkermordes an den Herero und Nama: Photogrammetrisches Modell einer Hinrichtungsstätte durch FA / Forensis. © FA / Forensis

Auch beim Hanau-Fall hatten wir keine regelrechte Medienpartnerschaft. Wir waren von der Initiative 19. Februar und Angehörigen der Opfer beauftragt worden, standen aber mit Journalisten in Kontakt und informierten über unsere Recherchen. Nachdem wir unsere Ergebnisse veröffentlicht hatten, berichteten die Medien, etwa das ZDF, über unsere Arbeit.

Kennst du formale Ausbildungswege zum Researcher, zur Researcherin?

Es ist schwierig, einen formalen Ausbildungsgang zu nennen, der auf den Beruf des Researchers vorbereitet. An der Goldsmiths University of London kann man einen Master of Arts in Research Architecture absolvieren. Aber es gibt immer mehr Architekten und auch Universitätsprofessoren, die sich mit ihren Studierenden mit solchen Themen beschäftigen.

Gleichzeitig fällt es uns schwer, geeignete Kollegen zu finden, weil die verlangten Skills sehr speziell sind und bisher in anderen Ausbildungen, etwa zum Journalisten, Filmemacher oder Architekten, noch nicht vermittelt werden.

Ganz generell gibt es ein stark wachsendes Interesse an Forensik, weil dort auch Gegenstände quasi als „Zeugen“ dienen können. Bisher waren ja vorwiegend Unterlagen und Menschen Zeugen. Mit unseren wissenschaftlichen Methoden können aber auch Objekte und Dinge sozusagen zu Zeugen werden.

Gibt es einen Gehaltskorridor für Researcher, den man nennen könnte?

Normalerweise startet man bei uns als Assistant Researcher, wird dann Researcher und schließlich Projektkoordinator. Das Gehalt im Bereich Researcher würde ich als fair bezeichnen. Es liegt etwa bei dem eines Architekten, ist aber nicht so üppig wie das eines Softwareingenieurs in der freien Wirtschaft.

Welche Kompetenzen und Skills sollte man mitbringen?

Man braucht vor allem ein politisches Bewusstsein für die Dinge, die wir untersuchen. Wichtig sind aber natürlich auch technische Skills, wie 3-D-Modellierung oder Video Editing. Dazu kommen journalistische Kompetenzen, etwa Interviewführung oder Präsentationsfähigkeit, aber auch Veranstaltungsorganisation.

Was schätzt du an deinem Job besonders?

An meinem Job schätze ich, dass er der Gesellschaft Nutzen bringt, Sinn stiftet und deshalb eigentlich mehr ist als ein normaler Job. Das sehen auch meine Kolleginnen und Kollegen so, soweit ich das beurteilen kann. Deshalb herrschen bei uns ein starker gemeinsamer Spirit und gute Vibes.

Das Gespräch führte Gunter Becker. 

Das Interview ist Teil einer Fachjournalist-Reihe, in der wir sich wandelnde journalistische Berufe und neue Jobprofile in den Medien vorstellen.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

 

Ashkan Cheheltan arbeitet als Research Assistant bei der NGO Forensis, der Berliner Schwesteragentur von Forensic Architecture. Er ist Architekt, Researcher und Computational Designer und hat seinen BA und MA an der Berliner Universität der Künste absolviert. Unter anderem war er an den Hanau-Recherchen und am Namibia-Projekt von Forensic Architecture beteiligt.

 

 

 

 

 

 

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