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Auslandsberichterstattung: „Den Satz ‚Davon habe ich keine Ahnung‘ braucht man gar nicht erst in den Mund zu nehmen“

Interview mit dem Journalisten Christian F. Trippe

Um den Beruf des Auslandskorrespondenten ranken sich viele Mythen, kaum ein anderer Fachbereich des Journalismus gilt als so exotisch und attraktiv. Einer, der weiß, wie es hinter den Kulissen zugeht, ist Christian F. Trippe. Im Interview mit dem „Fachjournalist“ erzählt er über den Alltag des Auslandsjournalisten, welche Voraussetzungen man dafür mitbringen sollte und wie es um die Zukunft seiner Zunft bestellt ist.

Herr Trippe, woher rührt Ihre Sehnsucht nach fernen Ländern? 

Eine gewisse Abenteuerlust scheint mir in die Wiege gelegt worden zu sein. Schon als Kind und Heranwachsender habe ich mit großen Augen Auslandsschalten im Fernsehen verfolgt. Ich wusste immer, dass ich Journalist werden wollte – und in unserer Abi-Zeitung, die ich mitgestaltet habe, habe ich 1981 gesagt, mein Traumberuf sei Auslandskorrespondent. Heute kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Es ist wirklich einer.

Sie waren Leiter der „Deutsche Welle„-Studios in Moskau, Berlin, Brüssel und Kiew und halten nun insbesondere für junge Kollegen Seminare an der ARD.ZDF medienakademie zum Thema „Auslandseinsatz und Auslandskorrespondenten“. Können Sie beschreiben, wofür genau Auslandsjournalisten die Fachleute sind?

Auslandsjournalisten – die in den verschiedenen Mediengattungen Print, TV, Hörfunk, Online arbeiten können – sind Allroundtalente: Sie berichten heute über politische Großereignisse wie die UN-Vollversammlung, morgen über die Eröffnung einer internationalen Kunstausstellung, übermorgen über das Finale der US-amerikanischen Baseball-Profiligen. Den Satz „Davon habe ich keine Ahnung“ braucht man gar nicht erst in den Mund zu nehmen. Ich habe beispielsweise in meiner Zeit in Kiew vom European Song Contest berichtet, auch wenn das nicht gerade meiner persönlichen „Klangfarbe“ entspricht.

Auslandsjournalisten müssen also enorm flexibel sein. Welche Eigenschaften sollten sie idealerweise außerdem noch aufweisen?

Man sollte noch ein bisschen neugieriger sein als sowieso als Journalist, Unbekanntes gut finden und sich in der Fremde wohlfühlen. Dazu muss man sehr aufnahmefähig sein: Viele Auslandskorrespondenten decken zwölf bis 15 Länder ab. Die müssen sie monitoren, bei einem Ereignis ganz schnell hinfahren und berichten – da bleibt keine Einarbeitungszeit. Und eine gewisse Fitness braucht man auch; ein Auslandskorrespondent muss belastbar und robust sein.

Die Arbeitszeiten sind zwar über den deutschen Tarifvertrag geregelt, aber das spielt in der Realität vor Ort keine Rolle, da fragt keiner: „Hast du dich denn auch ordentlich ausgeruht?“ Man muss über viele Tage mit vier, fünf Stunden Schlaf auskommen können. Je nachdem, wo man stationiert ist, spielt auch die Zeitverschiebung eine Rolle.

Wenn einem das Probleme bereitet, gegen die innere Uhr zu arbeiten oder an Orte zu gehen, wo’s nicht so schön ist, wo Epidemien oder Krieg herrschen, sollte man sich einen anderen Beruf aussuchen. Denn ein großer Teil der Auslandsberichterstattung erfolgt aus Kriegs- oder Krisengebieten. Das muss man auch wegstecken können.

Was sollte man tun und was lassen?

Vor einem Auslandseinsatz sollte man sich auf jeden Fall vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten – da kann man gar nicht genug tun: Bücher lesen, Hintergrundgespräche mit ehemaligen Kollegen, Mitarbeitern des Goethe-Instituts oder politischer Stiftungen jedweder Partei führen, die in vielen Hauptstädten der Welt vertreten sind und langjährige Kenntnis der politischen Situation und Kultur des Gastlandes haben. Man sollte sich mit der Mentalität der Menschen im Land auseinandersetzen, denn als Beobachter ist man Gast und muss sich adäquat verhalten. Andererseits wird man auch als Botschafter seines Heimatlandes angesehen und muss Auskunft geben über Deutschland.

Abgesehen von der inhaltlichen Vorbereitung gilt es, den Umzug zu planen und außerdem die Dinge des persönlichen Lebens zu organisieren: (Rückreise-)Versicherungen, Visa- und Statusfragen, ob der Ehepartner vor Ort arbeiten darf, welche Schule die Kinder besuchen werden … denn wenn man einmal in der Umlaufbahn ist, hat man dazu keine Zeit mehr. Da gibt es keine Schonfrist. In meinem Buch „Ausland“ habe ich zum Thema „Vorbereitung“ Checklisten erstellt.

Was man lassen sollte: in ein Land oder ein Gebiet zu gehen, für das man nicht einen Hauch von Sympathie empfindet. Natürlich soll man nicht kritiklos „Hurra!“ schreien, muss Versäumnisse benennen – aber eine interessierte, leitende Empathie sollte schon vorhanden sein. Anders als beim britischen Europa-Korrespondent Boris Johnson, der lange Jahre für den „Daily Telegraph“ in Brüssel tätig war und sich auf haarsträubende Weise die Realität zurechtbog, um seine europafeindlichen Gift-und-Galle-Geschichten schreiben zu können.

Sie selbst waren sieben Jahre in Brüssel. Wie steht es um die Vereinbarkeit von Berufsleben und Familie für Auslandskorrespondenten?

Meine Frau und ich haben bewiesen, dass es machbar ist: Wir haben gerade Silberhochzeit gefeiert – und darauf sind wir stolz! Wir sind oft umgezogen, mussten immer wieder neu anfangen. In Moskau und Brüssel waren meine Frau und unsere beiden Söhne – die heute 24 und 22 Jahre alt sind – mit. Als ich in der Ukraine war, haben wir anderthalb Jahre eine Fernbeziehung geführt. Die Zeit war zu kurz, als dass es sich gelohnt hätte, die Familie ein weiteres Mal zu entwurzeln.

Man zahlt einen Preis, wenn man rausgeht. Aber man gewinnt auch vieles hinzu: für den Intellekt, die Persönlichkeit, die Weiterentwicklung. Die Jahre als Auslandskorrespondent haben mich bereichert, beschenkt. Und dann gilt der alte Satz: Zurückgehen ist schwerer als rausgehen. Du musst dich wieder einfädeln, du selbst hast dich verändert, die handelnden Personen und die Redaktionsstrukturen haben sich verändert. Das ist eine Herausforderung. Du bist quasi ein Redakteur mit Migrationshintergrund.

Aktuell arbeiten Sie als Leiter Sicherheits- und Gesellschaftspolitik bei der Deutschen Welle. Festanstellungen scheinen bei Auslandsjournalisten die Regel zu sein …

Ja, der klassische Auslandskorrespondent ist in der Tat ein fest angestellter Entsandter. Es gibt daneben viele feste Freie, Pauschalisten, die ihre Geschichten immer bestimmten Medien zuerst anbieten, diese also ein gewisses Exklusivitätsrecht haben. Dafür bekommen sie einen Teil der Ausrüstung gestellt oder die Telekommunikationskosten bezahlt. Es gibt immer Phasen, wo Nachrichten aus „deinem“ Land nicht so gefragt sind oder in denen es nichts zu berichten gibt. Das stellt einen als festangestellter Entsandter nicht vor existenzielle Herausforderungen; in der Zeit kann man schöne Reportagen anleiern oder Reisegeschichten machen.

Ganz freie Kollegen überleben diese Durststrecken finanziell nicht – es sei denn, sie haben noch andere Erwerbsquellen und betreiben Auslandsberichterstattung nur als Nebenjob. Wenn man mit Zeilengeld und Buchungen auf Tagesbasis Kind und Kegel zu ernähren und Kredite abzulösen hat – das funktioniert nicht. Innerhalb der EU ist das vielleicht noch machbar, wenn man beispielsweise als Südfrankreich-Korrespondent aus Marseille berichtet. Aber auch dann braucht man einen Bauchladen, kann nicht nur schreiben, sondern muss seine Berichte multimedial anbieten.

Was sehr gut entlohnt wird: Producer zu sein für TV-Anstalten aus anderen Ländern, die der Sprache nicht mächtig sind und die Verhältnisse vor Ort nicht kennen. In jedem Fall sollten Freie eine feste Abnehmerschaft haben, über Stiftungen und Institute oder Verwertungspools.

Wer ist die Zielgruppe für Ihre Kollegen?

Der klassische nationale Auslandskorrespondent hat zwei Zielgruppen:

Erstens: Jeden, der sich für das Land, aus dem er berichtet, und dessen Kultur interessiert. Das ist eine gute Kernzielgruppe, um die man sich nicht eigens bemühen muss.

Zweitens: Alle, die Nachrichten aus diesem Land bekommen möchten, weil sie für ihren Alltag wichtig sind: Geschäftsleute, die mit dem Ausland zu tun haben oder Menschen, die in dieses Land reisen wollen. Bei einem großen Chemie-Unfall in einem angrenzenden Land ist klar: Das ist relevant für mich, das betrifft mich persönlich.

Während beispielsweise ARD- oder ZDF-Reporter ganz klar für Deutschland berichten, haben wir bei der Deutschen Welle ein globales Publikum als Zielgruppe. Wir spiegeln unsere Nachrichten in das Land, aus dem wir berichten, zurück. Insofern sind wir ein einzigartiges Medienunternehmen mit einem Alleinstellungsmerkmal, da wir in 29 Sprachen schreiben, funken, senden und einen Nachrichten-Pool bedienen, auf den alle Zugriff haben.

Ein Beispiel: Ich war ganz frisch in Kiew, als die ehemalige Kampfpilotin und jetzige Politikerin Nadja Sawtschenko mir in einem Interview für unser Magazin  „Focus Europa“ knallhart gesagt hat: Sollte sie zur Präsidentin gewählt werden, würde sie ihr Land zunächst einmal mit diktatorischen Vollmachten in Ordnung bringen. Mein Interview lief dann in allen ukrainischen Nachrichtensendungen als Aufmacher.

Wo sehen Sie die Verantwortung eines Auslandsjournalisten? 

Akkurat zu sein, angemessen und zutreffend zu berichten, sodass sich die Gesellschaft und die Kultur darin wiederfinden. Das Gastland darf sich nicht von einer Interpretationsdampfwalze überrollt fühlen.

Man muss sich ja nur mal YouTube-Videos angucken, wie Auslandskorrespondenten über Deutschland berichten, beispielsweise in Bezug auf die AfD – da bekommt man ein Gefühl dafür, wie schnell man den falschen Ton trifft. Das ist sehr lehrreich.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung Ihres Ressorts? 

Die Chancen für Nachwuchskräfte stehen ganz gut, denn seriöse Berichterstattung aus dem Ausland wird wichtiger. Weil es Abschottungstendenzen gibt, erleben wir vieles als Krise.

Ein anderer Trend läuft dem allerdings entgegen: Immer mehr Sender und Verlage wollen sparen. Auslandsberichterstattung ist nicht billig; in den Städten sind die Büros teuer und die Lebenshaltungskosten hoch.

Meine Prognose: In Zukunft wird es immer mehr halbfreie Auslandskorrespondenten geben, die nicht permanent auf der Gehaltsliste stehen, aber durchaus gewisse Exklusivabsprachen haben.

Inwiefern verändern soziale Medien das Berufsbild des Auslandsjournalisten?

Sie verändern unseren Beruf ganz enorm, denn dadurch hat jeder viel mehr Möglichkeiten, sich mit Nachrichten über fremde Länder einzudecken. Aber wer – wie die Ippen-Gruppe, die das Berliner Hauptstadtstudio geschlossen hat – denkt, aufgrund der Einblicke und Einsichten in ein Land durch Social Media bräuchte man keine Auslandskorrespondenten mehr, ist schief gewickelt. Es braucht unsere Erfahrung, unser Urteilsvermögen, um Ereignisse richtig einzuordnen, um bewerten zu können, ob Kommentare wirklich das Stimmungsbild vor Ort widerspiegeln. Das Internet ist zensuranfällig und leicht von Staats wegen zu manipulieren. Ein Beispiel: Blogger und Trolle, die von autoritären Regimen beauftragt werden, die offiziöse Sicht dieser Regierung unters Volk zu bringen und die Meinung im Ausland gezielt zu beeinflussen. Oft richtet sich das, was da von Staats wegen gemacht wird, gegen die Arbeit der Korrespondenten in diesen Ländern.

Im Netz verbreitete Tatsachenbehauptungen aus politisch unfreien Gesellschaften müssen von Journalisten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Dies dürfte zukünftig eine der größten Herausforderungen für Auslandsjournalisten sein.

Herr Trippe, vielen Dank für das Gespräch.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Christian TrippeChristian F. Trippe (Jahrgang 1961) studierte Geschichte, Politik und Anglistik. Seit Ende der 1980er-Jahre arbeitete er u. a. für den Deutschlandfunk, das WDR-Fernsehen, die BBC (Radio) in London; seit 1993 ist er für die Deutsche Welle (DW) tätig. 1999 übernahm er die Leitung des DW-Studios in Moskau, ab 2002 leitete er das Hauptstadtstudio in Berlin, von 2007 bis 2014 war er DW-Studioleiter in Brüssel, von 2016 bis 2017 leitete er das Korrespondentenbüro in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Als Projektleiter „Video-Journalismus“ führte er diese Produktionsart bei der DW ein. Heute arbeitet der Auslandsjournalist, dessen Schwerpunkt die Außen- und Sicherheitspolitik ist, als Leiter Sicherheits- und Gesellschaftspolitik bei der Deutschen Welle. Er ist Mitherausgeber des Handbuchs „Kriegs- und Krisenberichterstattung“ (2008) und des Kompendiums „Ausland“ über den Auslandsjournalismus (2016).

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