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Rezension: Krimi, Krise, Korruption – Barbara Wimmers „Jagd im Wiener Netz“

Stefanie Laudon ist Investigativjournalistin mit Leib und Seele. Bei ihren Recherchen um zwei Mordfälle gerät sie ins Visier der Täter und muss sich gleichzeitig ihrer Vergangenheit stellen. Der Wiener Cyber-Krimi „Jagd im Wiener Netz“ folgt auf den ersten Roman der Netzjournalistin Barbara Wimmer „Tödlicher Crash“ und erzählt von einer überwachten Medienbranche in der unmittelbaren Zukunft sowie von den Gefahren einer vernetzten Welt. Ein Kriminalroman mit Potenzial.

Die Investigativjournalistin Stefanie Laudon wollte nach ihrem letzten großen Fall und der Story über den Tod des österreichischen Finanzministers Wolfgang Steinrigl ihren Job an den Nagel hängen. Denn die Geschichte rund um den Ermordeten rückte sie selbst ins Visier der Täter. Schlussendlich blieb sie der Zeitung treu, doch die Arbeitsbedingungen machen ihr schwer zu schaffen. Als einzige Investigativjournalistin des Blattes weiß sie um ihre wichtige Funktion und wehrt sich gegen zu viel Kontrolle vonseiten des Arbeitgebers. So viel zur Arbeitssituation der Hauptfigur, die erneut – ebenso wie im Debüt „Tödlicher Crash“ der Verfasserin Barbara Wimmer – aufgrund ihrer journalistischen Arbeit in die Schusslinie von Mördern gerät.

Doch nun zum Kriminalfall, dem Plot dieses Romans. Wien 2028: Der einstige Staranwalt Stefan Huss, mittlerweile bei seinen Kollegen und Parteifreunden in Ungnade gefallen, wird tot im Dehnepark des 14. Bezirks aufgefunden – Herzinfarkt. Ein kleiner Zettel, den jemand dem Toten in die Hand gelegt hat, straft die vermeintlich natürliche Todesursache Lügen. Darauf ist neben „52 Tage“ ein großes „X“ vermerkt. Die frühere Klientel von Huss war meist mächtig, stinkreich und in unlautere Machenschaften verstrickt.  Doch dank seiner exzellenten Strategien sorgte Huss als Verteidiger  stets für Freisprüche und war hoch angesehen. Damit war nach seinen Verwicklungen in einen Bankenskandal Schluss. Nachdem er zudem mit riskanten Aktiengeschäften viel Geld verloren hatte, sagten sich die Firmenbosse, Lobbyisten und Parteifreunde von ihm los. Huss war zur Persona non grata in seinem eigenen korrupten Rechtskosmos geworden. Aufträge blieben aus.

Doch warum wurde Huss ermordet? Und was hat der mysteriöse Zettel mit all dem zu tun? Dies sind die Fragen, mit denen sich nicht nur die Reporterin Laudon beschäftigt, sondern auch Kriminalkommissar Michael Leyrhofer. Dieser kennt die Journalistin schon von seinem letzten aufsehenerregenden Fall, bei dem er Laudon kurzzeitig zu Unrecht als Hauptverdächtige angab und sie so einer belastenden Medienhetze aussetzte. Die beiden arbeiten nun enger zusammen und ergänzen sich gut. Laudon liefert auch dank ihres Freundes Paul Mond, einem Hacker, immer wieder entscheidende Hinweise und bringt auch ein wichtiges Dossier in die Ermittlung ein. Als sie mit Mond Urlaub am Attersee macht, stolpert das Paar über Leiche Nummer zwei. Von einem sich versteckenden Verdächtigen kann die Journalistin sogar ein Foto machen, das wenig später mittels ausgeklügelter Software zu diesem führt … Während die Reporterin und der Kriminalkommissar den Drahtziehern auf der Spur sind, breitet die Autorin Barbara Wimmer vor den LeserInnen eine Welt von schlecht abgesicherten Computersystemen, Cyberkriminalität, Überwachung und Korruption aus.

Mehrwert und Informationsvorsprung

Wie schon in Wimmers erstem Krimi gerät die Protagonistin selbst in die Schusslinie und auch die Themenwahl ist ähnlich gelagert. Eben diese zählt zu den Stärken des Buches. Die Autorin, eine preisgekrönte Netzjournalistin, weiß, worüber sie schreibt, und webt Informationen zum Thema Datenschutz, IT-Sicherheit und Überwachung gekonnt in ihren Plot ein. Vieles davon ist für das Lesepublikum spannend und regt auch abseits der Romanhandlung zum Nachdenken an.

Immer wieder legt man das Buch beiseite, um nachzulesen, worum es sich zum Beispiel beim Precrime-Computer oder den Passenger Name Records (PNR) handelt. Beide Begriffe hat sich die Autorin für ihre Handlung nicht ausgedacht, sondern von der realen Welt geborgt. So verlangen viele Staaten seit den Anschlägen von „9/11“ am 11. September 2001 neben den als normal geltenden Fluggastdaten vermehrt auch persönliche Daten, die in den PNR gespeichert werden müssen. Diese reichen von der Sitzplatznummer bis hin zu Informationen über die Gepäckstücke und Essenswünsche wie vegetarisch, halāl oder koscher.

Hier schafft Wimmer es, geschickt Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die Themen Datenschutz und Privatsphäre zu schaffen. Ein Blick in die Realität unterstreicht den von der Wiener Autorin gewählten inhaltlichen Schwerpunkt: Laut Kriminalstatistik stieg die Cyberkriminalität im Jahr 2021 in Österreich um knapp 30 Prozent. Insgesamt wurden 46.179 Fälle zur Anzeige gebracht. Der österreichische Innenminister Gerhard Karner reagierte im Oktober 2022 und stockte das Budget auf, um mehr Geld in Cybersicherheit investieren zu können. Auch das Cybercrime-Competence-Center im Bundeskriminalamt, das in ähnlicher Form auch in der Krimihandlung vorkommt, soll in den nächsten drei Jahren auf fast doppelt so viele ExpertInnen wie derzeit aufgestockt werden.

„Das wird nicht einfach werden“

Stilistische Unsauberkeiten trüben jedoch manchmal das Lesevergnügen. Gleich zu Beginn des Textes finden sich entbehrliche Wiederholungen von Adjektiven wie „schön“ oder „wunderschön“ im selben Satz. Eine Ruine ist natürlich „geheimnisvoll“ und der Blick über die Stadt „fantastisch“. Warum der Wiener Stadtwanderweg 4 als „berühmt-berüchtigt“ vorgestellt wird, fragt man sich als LeserIn zu Recht: Eine Erklärung fehlt. Über diese Kleinigkeiten kann man zwar leicht hinwegsehen, doch zeugen sie von der versäumten Chance, den Text sorgfältig zu verbessern. Ein aufmerksameres Lektorat hätte wohl auch das bereits köchelnde Nudelwasser, das wenig später noch einmal aufgesetzt wird, ausgemerzt. Ähnlich verhält es sich mit manch seltsam klingenden Formulierungen wie „sie fand keine Lösung aus dem Dilemma“…

Schade ist zudem, dass die Figuren oft blass bleiben, wenig greifbar sind und sich manchmal konträr zu der ihnen zugedachten Charakterisierung verhalten. So lässt die Autorin ihre ansonsten ehrgeizige Investigativjournalistin lieber am Ufer des Attersees sitzen, anstatt sich mit dem heiß ersehnten Dossier, das Einblicke in die korrupten Machenschaften diverser Parteibonzen und Firmenbosse liefert, zu beschäftigen. Als einer jener Firmenchefs von Laudon interviewt werden soll, sagt diese zu ihrer jungen, ihr nacheifernden Kollegin: „Das wird nicht einfach werden. Ich erinnere mich noch, dass mich seine Assistentin wochenlang vertröstet hat.“ Eine Seite weiter heißt es plötzlich, dass man eine Art Firmenporträt plane, „dann wird er uns sicher gerne empfangen“. So naiv kann kein Firmenchef sein, einer bekannten Investigativjournalistin Glauben zu schenken, wenn sie vorgibt „eine Art Imagevideo“ drehen zu wollen.

Seicht bleibt auch ein gedungener Mörder, der wirkt, wie aus einem B-Movie gecastet: Der Mann Mitte 40 ist muskelbepackt und hat als hervorstechendes Merkmal neben der obligaten Glatze wenig Grips direkt darunter. Der Gangster hat wohl noch wenig Erfahrung im Krimi(nellen)-Milieu, denn nachdem er mehrfach auf sein Opfer geschossen hat – was nicht unbemerkt bleibt, da dieses unter Polizeischutz steht –, verharrt er auf der kaum als Versteck zu bezeichnenden Dachterrasse und wartet. Als wenig später rund 15 Polizeiwagen mit schwer bewaffneten Beamten auftauchen, gibt sich der Unbedarfte überrascht, „dass seine paar Schüsse so ein Polizeiaufgebot hervorrufen würden“. Hier wurde für den Plot eine Realität geschaffen, die einer Überprüfung nicht wirklich standhält.

Einsichten einer Branchenkennerin

Die Autorin und Journalistin Wimmer macht sich sichtlich Sorgen um ihre Branche. Sie zeichnet anhand der fiktiven Zeitung 24 Stunden kein schönes Bild vom Journalismus der Zukunft. Immer wieder flicht sie Informationen über die Lage der Medienbranche im Jahr 2028 ein. So hat der in die Position gehievte Chefredakteur zwar keine Ahnung vom Journalismus, doch scheint dies auch nicht gefordert zu sein: Er soll das Medienhaus wirtschaftlich neu aufstellen und mittels Key Performance Indicator (KPI) die vermeintlich unproduktiveren Redakteure aussortieren. Dass dies in ihrer Branche nicht funktionieren kann, ist Stefanie Laudon klar. Die Abwanderung der Journalismus-KollegInnen in die besser zahlenden PR-Abteilungen von Unternehmen und Politik ist hoch. Denn 2028 sind die Journalisten breit aufgestellt: Sie bedienen Print und Online gleichermaßen und machen neben Podcasts selbstverständlich noch Videos.

Der Journalismus als vierte Säule ist in Gefahr – nicht erst 2028. Inserate, Abos und Werbeschaltungen sind wichtiger denn je. Und das Schlimmste: Den Mächtigen darf man nicht zu sehr auf die Füße treten. Dagegen wehrt sich die Hauptfigur vehement. Hier vermischt die Autorin mit Blick auf die österreichische Politik Fiktion und Realität und prangert gleichzeitig die Verschränkungen im herrschenden politischen System an.

Fazit

Ein leicht lesbarer Kriminalroman, der sich wichtiger Themen wie Privatsphäre, Cyberkriminalität und Überwachung angenommen hat. Das Einbauen realer technischer sowie digitaler Sachverhalte wie PNR oder einer Überwachungssoftware am Arbeitsplatz in den Plot aktiviert beim Lesepublikum die eine oder andere Google-Suche. Der so erworbene Wissenszugewinn bügelt so manche Schwäche aus.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Barbara Wimmer ist eine preisgekrönte österreichische Netzjournalistin, Buchautorin und Vortragende. Sie schreibt seit mehr als 15 Jahren als Redakteurin für unterschiedliche tagesaktuelle Print- und Onlinemedien über Technikthemen wie IT-Sicherheit, Netzpolitik, Datenschutz und Privatsphäre. 2018 erhielt sie den Journalistenpreis „WINFRA“ für Wiener Infrastrukturberichterstattung, 2019 wurde sie mit dem Dr. Karl Renner Publizistikpreis und dem Prälat Leopold Ungar Anerkennungspreis jeweils für ihre Online-Berichterstattung zu netzpolitischen Themen ausgezeichnet. Nach „Tödlicher Crash“ legt sie mit „Jagd im Wiener Netz“ ihren zweiten Kriminalroman vor.

 

 

Buchdaten:
Autorin: Barbara Wimmer
Titel: Jagd im Wiener Netz
Preis: Euro 14,50 (Softcover)
Umfang: 344 Seiten
Erscheinungsjahr: 2022
Verlag: Gmeiner
Reihe: Kriminalromane im GMEINER-Verlag
Jounalistin Stefanie Laudon, Band 2
ISBN: 978-3-8392-0269-2

 

Die Rezensentin Carola Leitner, Dr. phil., promovierte 2016 im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet(e) als Buchhändlerin, Buchproduzentin, Lektorin und Reise- und Kulturjournalistin. Tätigkeit für den Residenz Verlag, Ueberreuter, Metro Verlag, die Tageszeitung Der Standard oder ORF.at. Sie unterrichtet Journalismus an der FH Wien der WKW sowie Verlagswesen an der Universität Wien. Sie lebt und arbeitet Wien.

 

 

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