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„Es fällt nix vom Himmel, und es gibt keine Tricks“

Die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und der Fernsehmacher Jan Westphal haben ein Projekt gestartet und fünfzig Prominente aus den unterschiedlichsten Bereichen nach den Geheimnissen ihres beruflichen Lebensweges gefragt. Müller-Hohenstein gibt selbst angehenden Nachwuchsjournalisten Karrieretipps. Welche das sind, lesen Sie hier. Ein Buchauszug.  

Was wollten Sie als Kind oder nach der Schule werden?

Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte auch keine großen Pläne. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich kein besonders ehrgeiziger Mensch bin. Ich bin zufrieden, wenn ich mit mir zufrieden bin. Ich wollte schon in der Schule nicht die Beste sein. Mir hat es immer gereicht, mit dem minimalen Aufwand das maximale Ergebnis zu erzielen. So war ich eine der Jüngsten in meinem Abiturjahrgang, mit einem Notenschnitt von 2,8. Ich habe dafür genau die Punkte gesammelt, die ich brauchte, um das Gymnasium verlassen zu können. Was ja auch schon irgendwie clever ist. Ein weiteres Jahr Schule hätte ich als echte Zumutung empfunden. Ich bin nicht der Typ, der stundenlang nur zuhören kann, ich langweile mich schnell, wenn mich etwas nicht interessiert. In Fächern, die ich spannend fand, war ich gut, da habe ich aufgepasst und musste nicht viel lernen. Biologie zum Beispiel, Vererbungslehre. Das kann ich bis heute. Fragen Sie mich bitte alles zur Erbfolge von kräuselhaarigen Meerschweinchen. Kurzum: Ich bin keine für die Theorie, ich brauche die Praxis. Und so habe ich also Abitur – bin aber bis heute nie danach gefragt worden.

Was haben Sie gelernt?

Zwei Semester Theaterwissenschaften. Es war mehr oder weniger eine Verlegenheitslösung. Ich wusste nicht, was oder ob ich überhaupt studieren soll. Da dachte ich mir: Schreibst du dich mal bei Theaterwissenschaften ein. Ich glaube, ich war auch dreimal da. Diese Episode hätte ich mir sparen können. Später habe ich ein Volontariat beim Radio gemacht, das war dagegen ein Volltreffer.

Was war Ihr erster bezahlter Job?

Nach den üblichen Ferienjobs während der Schule war ich nach meinem Abitur zunächst ein Jahr lang Cultural Representative bei Disney World in Florida. Ich war sehr jung bei meinem Abi, jung und planlos, da dachte ich mir, so ein Auslandsaufenthalt bringt dich vielleicht ein Stück weiter. Ich habe den Job über die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt bekommen und musste dafür auch für ein Bewerbungsgespräch ins amerikanische Konsulat nach München fahren. Zwei Wochen später kam der Brief: Willkommen an Bord! Es wurde zu einem der schönsten Jahre meines Lebens. Ich habe im Biergarten des deutschen Pavillons in Epcot als Bedienung gearbeitet, den internationalen Gästen Bier und Bratwürste verkauft. Das klingt unspektakulär, war aber ein Riesenspaß. Das Beste waren die Arbeitszeiten, ich war meist in der Mittagsschicht eingeteilt, die ging um zehn Uhr los und war um vierzehn Uhr vorbei. Manchmal habe ich aber auch Doppelschichten gearbeitet, das war dann richtig gut für den Geldbeutel.

Den Dienstplan konnten wir so flexibel gestalten, dass wir auch zehn Tage am Stück arbeiten konnten, um danach vier Tage frei zu haben. Bahamas, Jamaika, Mexiko, von Florida aus ist das alles nur ein Katzensprung – ich habe in diesem Jahr irre viel gesehen. Unter anderem auch jeden Start der Raumfähre in Cape Canaveral. Und jeden Strand in Florida. Das Zeugnis von Disney habe ich aufgehoben. Darin steht in der schriftlichen Beurteilung: »Katrin, based on your performance at the Biergarten, it is certain that you will be successful at anything that you attempt.« Was für ein Jahr!

Wie sind Sie zu Ihrem Job gekommen?

Mit viel Begeisterung für die Sache. Und Fleiß. Und dem Glauben an mich selbst. Es gibt zwei Momente in meinem Leben, die für meine Karriere ganz entscheidend waren. Erstaunlicherweise waren es zwei Impulse, die von außen kamen. Der erste Impuls kam ganz am Anfang. Ich war gerade aus den USA zurückgekehrt, dort hatte ich nach der Schule zwei Jahre unter anderem bei Walt Disney in Florida gearbeitet. Und in eine länger anhaltende Ratlosigkeit, wie mein Leben denn nun weitergehen würde, brach eines Tages ein Freund aus meiner Clique mit der Botschaft: »In Nürnberg machen ein paar kleine private Radiostationen auf, das wär doch was für dich.« In einer Zeit, in der die mediale Radiolandschaft in Bayern ausschließlich aus dem Bayerischen Rundfunk bestand, lautete die gute Nachricht: Die nehmen alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Und für mich persönlich entpuppte es sich als Volltreffer. Ich habe bei einem winzigen Sender gearbeitet und durfte dort alles machen: Sendungen moderieren, Nachrichten präsentieren, alles nach dem Trial-and-Error-Prinzip, weil es ja keiner besser wusste. Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchsstimmung, wir waren fast rund um die Uhr im Einsatz und hatten alle unheimlich viel Spaß. Von da an war es ein Selbstläufer. Die Sender wurden größer, die Hörer wurden mehr, gelandet bin ich beim erfolgreichsten Privatradiosender in Deutschland. Fünfzehn Jahre war ich bei Antenne Bayern – und habe gefühlt nicht einen Tag davon gearbeitet. Ich durfte »machen« und hatte wohl auch Talent, es fiel mir einfach leicht. Es scheint so, als sei das meine persönliche Erfolgsformel. Ich hatte auf jeden Fall meine Passion gefunden.

Der zweite Impuls kam zu einer Zeit, in der ich es mir in der Radiowelt schon so weit gemütlich gemacht hatte, dass ich niemals erwartet hätte, noch einmal einen ganz anderen, aufregenden Weg einzuschlagen. Ich hatte nie einen Plan. Bis dahin war meine Karriere mehr oder weniger »passiert«. Immer wenn sich auf dem Weg eine neue Tür auftat, bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt. Nicht ein einziges Mal musste ich selber die Initiative ergreifen. Das änderte sich an dem Tag, als mir ein Radiokollege mitteilte: »Das ZDF sucht für das Aktuelle Sportstudio eine Frau. Du kannst das, ruf da an.« Erst Wochen später habe ich seinem Drängen nachgegeben, in erster Linie, damit er Ruhe gibt. Denn mir war vollkommen klar, dass das Fernsehen auf eine Frau vom Radio nicht unbedingt gewartet hat. Das Telefonat mit dem ZDF-Sportchef in Mainz war dann auch schnell beendet, es ging ungefähr so: »Guten Tag, ich habe gehört, Sie suchen eine Frau. – Wie viel Fernseherfahrung haben Sie denn? – Keine. – Oh! – Äh, ja. – Auf Wiedersehen.« Meinen Radiokollegen hat das nicht weiter beeindruckt, er hat mich weiter angefeuert. Und so habe ich dem Chef des Aktuellen Sportstudios geschrieben. Dem war die fehlende Erfahrung egal, der fand mich wohl irgendwie spannend. Wir haben uns in Mainz getroffen, haben uns stundenlang unterhalten, und am Ende hat er mich zu einem Casting eingeladen. Das ist so eine Art Vorturnen unter Live-Bedingungen.

Ich sollte eine verkürzte Ausgabe des Aktuellen Sportstudios moderieren, Beiträge ansagen und ein Interview mit einem Studiogast führen. Der Himmel schickte mir Jürgen Klopp, der damals noch als Experte für das ZDF gearbeitet hat und genau der Richtige war, um sich von der komischen Frau da ein paar Fragen stellen zu lassen. Drei Tage später kam der Anruf: Wir machen das!

Diese Wochen im Herbst 2005 waren aus beruflicher Sicht sicher die aufregendste, intensivste Zeit in meinem Leben. Die schönste war es nicht. Das mediale Interesse an meiner Person war enorm, ständig wollte irgendjemand irgendwas, ich wollte eigentlich nur meine Ruhe. Ganz ehrlich: Ich habe das alles ein bisschen unterschätzt.

Am 28. Januar 2006 hatte ich meine erste Sendung. Ich habe kaum noch eine echte Erinnerung daran, da war ich wie in einer Parallelwelt. Die Erwartungshaltung war riesig, ich hatte den Job, nun sollte ich zeigen, dass ich ihn auch kann – und alle schauten zu. Ich bin froh, dass diese Zeit vorbei ist.

Heute weiß ich: Am Ende ist es nur Fernsehen. Und ich kann es genießen. Seit dem 28. Januar 2006 habe ich unter anderem über 200-Mal das Aktuelle Sportstudio moderiert, war bei acht Fußball-Welt- und -Europameisterschaften und sechs Olympischen Spielen. Manchmal muss ich mich immer noch kneifen.

Was braucht man, um Ihren Job besonders gut zu machen?

Echtes Interesse an der Sache. Gute Nerven, ein heiteres Gemüt und die Gabe, sich selber nicht so wichtig zu nehmen. Ich rate jedem jungen Kollegen, der diese Laufbahn einschlagen möchte, zunächst die eigene Motivation zu überprüfen. Ist es tatsächlich das Interesse am Sport? Oder vielleicht ausschließlich die Verlockung, sich auf großer Bühne selbst zu präsentieren? Sollte Letzteres zutreffen, dann wird das nix, das zeigt mir zumindest meine Erfahrung. Das, was so leicht und spielerisch aussieht, ist am Ende das Ergebnis harter Arbeit. Die muss man gerne machen.

Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Job?

Dass ich mich großteils mit den Themen beschäftigen darf, die mich ohnehin interessieren. Ich habe dazu spontan ein Bild im Kopf. Ich saß neulich an einem Sonntag zu Hause vor meinem Rechner, habe mir zeitgleich die Schwimm-WM im ZDF-Livestream angeschaut, auf dem Second Screen die Tour de France in der ARD, und auf dem Third Screen lief der Ligaauftakt der 2. Fußball-Bundesliga. Da habe ich mir kurz gedacht, jetzt spinnst du komplett. Ich hatte im Sommer 1992 zwei Wochen Urlaub, ich habe von den Olympischen Spielen in Barcelona jede Minute gesehen. Das war lange vor meiner Zeit beim ZDF. Heute kann ich bei vielen großen sportlichen Events live dabei sein. Fußball-WM, Ironman auf Hawaii, es ist wie ein Traum. Am Ende gibt für es für mich aber nach wie vor nichts Größeres als die Olympischen Spiele.

Dass ich gefühlt nie Feierabend habe. Die vielen Abende in Hotelzimmern. Das Warten am Gate auf den Flieger, der mal wieder Verspätung hat. Das ist etwas, was man von außen nicht sieht. Die ständige Reiserei (ich kenne von vielen Städten den Flughafen, die Strecke zum Stadion und das Stadion selbst. Das warʼs. Mit Urlaub hat das nix zu tun) und das Arbeiten in erster Linie an den Wochenenden. Ich will überhaupt nicht jammern, aber ich habe mich von meinem sozialen Umfeld schon zum Teil verabschieden müssen. Weil ich eben fast nie dabei sein kann.

Ich habe zum Beispiel auch einen sehr runden Geburtstag meines Vaters verpasst, weil ich bei Olympia in Rio war. Er hat es sportlich genommen, für mich war es arg. Großes Glück hatte ich mit meinem Sohn, die wichtigen Termine wie achtzehnter Geburtstag, Schul- und Uniabschluss waren alle in einem Jahr ohne großes sportliches Event. Er war schon zehn, als ich beim ZDF angefangen habe. Für mich war das ein Segen, mit einem kleineren Kind hätte ich diese Karriere so sicherlich nicht gemacht. Und manchmal geht mir auch die große Bühne auf den Zeiger. Scheitel links, Scheitel rechts, was hat sie denn heute wieder an? Man wird als Frau sehr viel mehr für Äußerlichkeiten bewertet als jeder Mann.

In Australien hat dazu mal ein Nachrichtenmoderator ein Experiment gestartet. Er hatte ein Jahr denselben Anzug an. Und in der Tat: Es ist niemandem aufgefallen. Dass das, was ich tue, in der Öffentlichkeit stattfindet, ist für mich reiner Zufall. Ich habe die nicht gesucht. Am liebsten bin ich privat.

Wie wichtig war in Ihrer Karriere Mut? Sind Sie Risiken eingegangen?

Ich habe als völliger Nobody in diesem Medium und ohne jede Erfahrung eine der größten Traditionssendungen im deutschen Fernsehen übernommen. Vor einem Millionenpublikum. Das hätte auch total in die Hose gehen können. Ich glaube, da war schon ganz schön viel Mut dabei.

Wie wichtig war in Ihrer Karriere Glück?

Ich glaube nicht an Glück. Höchstens an das Glück des Tüchtigen. Aber ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich immer haben machen lassen und mich auf meinem Weg bestärkt haben. Mein Vater ist Hochschulprofessor. Ich hätte nie gedacht, dass es für ihn vollkommen in Ordnung ist, dass seine Tochter nicht studiert.

Was raten Sie (jungen) Leuten, die vor der Entscheidung stehen: »Was soll ich mal werden?«

Drei Dinge. Erstens: Findet heraus, was ihr wirklich wollt – es muss euch unbedingt Spaß machen. Nehmt euch dafür auch gerne richtig viel Zeit. Zweitens: Findet heraus, was ihr könnt. Ihr müsst für das, was ihr tut, auf jeden Fall eine Begabung mitbringen. Also: Probiert euch aus, Praktika gibt es fast überall. Und drittens: Seid fleißig. Und ich meine, richtig fleißig. Es fällt nix vom Himmel, und es gibt keine Tricks.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Viel Erfolg! Wie wir wurden, was wir sind“ von Katrin Müller-Hohenstein und Jan Westphal, erschienen im Benevento Verlag, München 2020. Hinweis: Das Copyright liegt beim Verlag!

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Katrin Müller-Hohenstein moderiert das Aktuelle Sportstudio im ZDF sowie große Sportevents wie die Olympischen Spiele und die Fußballweltmeisterschaft. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem Bayerischen Sportpreis und der Goldenen Kamera ausgezeichnet.

 

Kommentare
  1. Eva sagt:

    Ich weiß nicht so recht, was ich von der Aussage halten soll: „Seid fleißig. Es fällt nix vom Himmel.“ Natürlich nicht. Dennoch gehört eine gehörige Portion Glück dazu, heute – gerade im Journalismus – schnell eine gute Stelle zu finden. Trotz Studium, Volontariat und langjähriger Erfahrung. Warum? Einerseits wegen Corona, was ganz schnell aus einer bisher sicher geglaubten Sache einen Albtraum machen kann und andererseits, weil man unter einem ungeheuren gesellschaftlichen Leistungsdruck steht. Nehme ich die Stelle im Boulevard an? „Versaue“ ich mir damit nicht für spätere Arbeitgeber den Lebenslauf? Und was tun, wenn ich nicht so mobil bin?

    Außerdem kann man die beste Bewerbung schreiben, der fleißigste Mitarbeiter sein – und am Ende doch nur auf dem Stapel der nie gelesenen Bewerbungsschreiben landen.

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