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Filmkritik zu „Der Fall Richard Jewell“: fernab von Fairness und Ausgewogenheit

Clint Eastwoods Film über die mediale Vorverurteilung von Richard Jewell begeht die gleichen Fehler, die er anklagt – und verschenkt so sein medienkritisches Potenzial.

Wäre Richard Jewell von den Ermittlungsbehörden und den Medien anständig behandelt worden, enthielte sein Leben immer noch genügend Elemente, die ihn für einen Clint-Eastwood-Film interessant machten: Als übergewichtiger Sicherheitsdienstmitarbeiter, der von einer Polizistenkarriere träumt, ist er ein belächelter Underdog, wie man sie in Eastwoods Filmen häufig antrifft. Umso interessanter wird dieser Underdog, als er sich beim Bombenanschlag auf die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta durch sein besonnenes Handeln als Held offenbart. Und für echte amerikanische Helden, vor allem unerwartete, hat Eastwood viel übrig. Sein letztes Biopic Sully (2016) setzte etwa dem Piloten Chesley Sullenberger ein Denkmal, der 2009 ein beschädigtes Flugzeug auf dem Hudson River notlandete.

Doch Richard Jewell ist Unrecht geschehen, obwohl er sich heldenhaft verhalten hatte. Nachdem er in der Nacht des 27. Juli 1996 bei seinen Routinegängen über das volle Besuchergelände der Olympischen Spiele einen verdächtigen Rucksack unter einer Sitzbank entdeckte, informierte er pflichtbewusst seine zunächst genervten Ranghöheren und leitete blitzschnell eine Evakuierung des Geländes ein. Nur drei Minuten später explodierten die aus Nägeln und Dynamit bestehenden Rohrbomben, töteten eine Frau und verletzten 111 Menschen. Am nächsten Tag wurde Jewell von Zeitungen und Fernsehsendern als Held gefeiert. Weitere zwei Tage später ermittelte das FBI gegen ihn – ohne konkrete Beweise zu haben. Und in den Folgetagen ergoss sich ein verheerendes mediales Gewitter über ihn, das amerikanische Journalistenschulen bis heute für Diskussionen über ethische Grundsätze in der Kriminalberichterstattung heranziehen.

„Ich glaube an Recht und Ordnung“

Das Drehbuch zu Der Fall Richard Jewell stammt von Billy Ray, der sich bereits in seinem Drama Shattered Glass mit fehlgeleiteten Vorstellungen von Journalismus auseinandersetzte. Ray orientierte sich bei der Gestaltung seines Skripts für Der Fall Richard Jewell am Sachbuch „The Suspect: An Olympic Bombing, the FBI, the Media, and Richard Jewell, the Man Caught in the Middle“ von Kent Alexander und Kevin Salwen und vor allem an Marie Brenners ausführlichem Vanity-Fair-Artikel zum Fall. Wie Brenner bemüht sich Ray darum, Richard Jewell fair und akkurat zu porträtieren. So setzt Eastwoods Film bereits 1986, zehn Jahre vor den Geschehnissen bei den Olympischen Spielen in Atlanta, ein und zeigt uns Richard Jewell (Paul Walter Hauser) als Büroangestellten in einer Anwaltskanzlei. Dort freundet er sich mit dem ruppigen Rechtsanwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) an, der Richards übertriebener Höflichkeit und Aufmerksamkeit zunächst skeptisch gegenübersteht, aber diese bald als dessen aufrichtige Charaktermerkmale anerkennt.

Eine ähnliche Erfahrung macht man auch als Zuschauer im Verlauf des Films: Richards Hingabe in Bezug auf Regeln aller Art ist etwas verwunderlich. Sie äußert sich in seiner konzisen Art zu sprechen, in seiner allzeit ausgeübten Beobachtungsgabe und seiner tiefen Bewunderung für Polizeibehörden. Sie führt dazu, dass er in seiner weiteren Karriere beim Sicherheitsdienst einer Universität durch übertrieben strenge Auslegung der Campus-Regeln und Schikane von Studierenden auffällt. Als er sich vor dem Dekan dafür rechtfertigen muss, erklärt Richard: „Ich glaube an Recht und Ordnung, Sir“ und verliert seinen Job. Zugleich geht Richards Regelbewusstsein – das streut der Film immer wieder ein – Hand in Hand mit einer tiefen Überzeugung, stets das Richtige – den Gesetzen, der Hilfsbereitschaft und dem Anstand entsprechend – tun zu müssen. So bringt er etwa zu seiner Arbeit auf dem Besuchergelände eine Kühlbox mit Erfrischungsgetränken mit, um sie gegebenenfalls schwächelnden Schwangeren und Älteren reichen zu können.

So gelingt Eastwood tatsächlich ein feinfühliges Porträt eines von einfachen Grundsätzen geleiteten, mitunter etwas übereifrigen, aber sehr anständigen Menschen. Es ist ein rührendes, manchmal haarscharf am Rührseligen vorbeischrammendes Porträt, das zugleich alle, die den zum Zeitpunkt des Anschlags bei seiner Mutter Bobi (Kathy Bates) lebenden übergewichtigen 33-Jährigen zum Verlierertypen erklären mögen, zu Zynikern erklärt.

Verzerrende Darstellungen

Diese Ausgewogenheit lässt Der Fall Richard Jewell aber von Beginn an bei der Darstellung der beiden Institutionen vermissen, die Richards Leben kurz nach dem Anschlag in ein 88 Tage währendes Chaos stürzten: das FBI und die Medien. Das FBI wird personifiziert von Agent Tom Shaw (Jon Hamm), einem von Eitelkeit getriebenen, arroganten Ermittler. Während der Olympiade muss er seinen Dienst auf dem Besuchergelände fristen, wo er genervt über die Macarena-tanzende Meute die Augen rollt und kurz nach dem Anschlag alles daran setzt, seinen Vorgesetzten schnell einen Verdächtigen zu präsentieren. Tom Shaw ist ein fiktionaler Charakter, zusammengesetzt aus belegten zwielichtigen Ermittlungs- und Verhörtaktiken des FBI zu diesem Fall und aus dramatischen Zuspitzungen. Etwas schwieriger wird es, wenn es um die von Olivia Wilde gespielte Kathy Scruggs geht, die 1996 für das Lokalblatt The Atlanta Journal-Constitution, kurz AJC, über Kriminalfälle berichtete.

Kathy Scruggs, die 2001 im Alter von 42 Jahren verstarb, wird in Der Fall Richard Jewell als so skrupellos, gefühlskalt und unprofessionell dargestellt, dass es einen mitunter aus dem bis dahin sachlich erzählten Drama reißt. Als laute, unangenehme Figur irrt sie durch Eastwoods Film, zunächst gelangweilt davon, wie ein Großteil der AJC-Redaktion zur Berichterstattung über die Olympischen Spiele verdonnert worden zu sein. Kurz nach dem Anschlag ist sie aber in Ekstase und äußert ihrem Kollegen Ron gegenüber flehend: „Lieber Gott, wer auch immer dies war, lass ihn uns finden, bevor es jemand anderes tut. Und bitte lass ihn interessant sein.“ Ihr unethisches Gebaren kulminiert schließlich in einer Szene, in der sie Tom Shaw in einer Bar sexuelle Gefälligkeiten im Tausch für Informationen über die Ermittlungen anbietet. Auf diese Weise entlockt sie ihm, dass Richard Jewell, soeben noch als Held gefeiert, ins Zentrum der Ermittlungen gerückt ist.

Diese Szene hat zum amerikanischen Kinostart des Films im Dezember 2019 für große Aufregung gesorgt. Filmkritiker und -kritikerinnen zeigten sich entrüstet darüber, dass Der Fall Richard Jewell das müde Stereotyp der mit ihren Informanten schlafenden Journalistin bedient, wie man es leider tatsächlich schon in unzähligen Filmen gesehen hat. Zugleich drohte die Atlanta Journal-Constitution damit, den Verleih Warner Brothers ob der unbewiesenen Behauptung, Kathy Scruggs hätte Informationen durch sexuelle Beziehungen erhalten, zu verklagen. Drehbuchautor Billy Ray warf der AJC hingegen vor, damit nur von den eigenen Verfehlungen gegenüber Richard Jewell ablenken zu wollen.

Im Kampf gegen übermächtige Institutionen

Tatsächlich ist die Darstellung von Kathy Scruggs dermaßen überzeichnet, dass man dem an anderer Stelle sehr faktenbasierten Film ein klares fiktionales Abdriften anmerkt. Dass sie und Shaw miteinander schlafen, scheint dabei eine symbolische Funktion zu erfüllen. Das FBI und die Medien, „zwei der mächtigsten Institutionen unserer Zeit“, so Richards Freund und Anwalt Watson Bryant an einer Stelle, verbünden sich gegen einen aufrichtigen Helden. Ganz aus der Luft gegriffen ist dies nicht, da ein Ermittler die vertrauliche Information, dass Richard verdächtigt wird, damals tatsächlich an Kathy Scruggs geleakt haben muss. Ihr Artikel erschien am Nachmittag des 30. Juli 1996 in einer Sonderausgabe des AJC mit dem Titel „FBI suspects ‚hero‘ guard may have planted the bomb“ (deutsch: „FBI verdächtigt ,heldenhaften‘ Sicherheitsmann, die Bombe gelegt zu haben“). Im Film bringt dieser Scoop der triumphierenden Kathy Redaktionsapplaus ein. Richard Jewell und seine Mutter hingegen, darauf konzentriert sich der Film, haben fortan mit Dutzenden vor ihrem Haus campierenden Reportern und Fotografen zu kämpfen.

Weder zu diesem noch zu einem späteren Zeitpunkt wird gegen Richard Jewell eine Anklage erhoben, da es für den Verdacht, er selbst habe aus Ruhmsucht die Bombe platziert, keinerlei Beweise gibt. Der Rest des Films zeigt, wie sich das FBI – heute erwiesenermaßen unbegründet – auf ihn einschießt und eine mediale Vorverurteilung stattfindet: Richard wird in mehreren Zeitungsbeiträgen und Fernsehsendungen sowohl zur Witzfigur als auch zum potenziellen Psychopathen erklärt; dabei greift der Film auf Originalmaterial zurück, etwa Jay Lenos beleidigende Äußerungen in seiner damaligen Late-Night-Show. Gemeinsam mit Watson Bryant beginnt Jewell schließlich, sich gegen die unbegründeten Vorwürfe des FBI und der Medien zu wehren, während seine Gesundheit zunehmend leidet.

Verschenktes medienkritisches Potenzial

Obwohl Der Fall Richard Jewell über weite Strecken als überragend gespieltes, in kalten Farben brillierendes Drama beeindruckt, verschenkt es mit der verzerrenden Darstellung von Kathy Scruggs und der alleinigen Konzentration auf die persönlichen Folgen für Richard Jewell einiges an Potenzial. Das ist überaus schade, da der mediale Umgang mit dem Fall noch immer ethische Fragen aufwirft: War die identifizierende Berichterstattung durch die AJC über Richard Jewell als Verdächtigen angebracht? In den amerikanischen Debatten hierüber wird zum einen damit argumentiert, dass Jewell bereits vor den Ermittlungen durch seinen medialen Heldenstatus zur öffentlichen Figur geworden war. Zum anderen wird dabei immer wieder das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit an diesem Kriminalfall thematisiert, das auch dem Deutschen Pressekodex zufolge „im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt“ (Ziffer 8 Schutz der Persönlichkeit, Richtlinie 8.1 Kriminalberichterstattung).

Der Fall Richard Jewell scheint diese Frage nach der Angemessenheit der identifizierenden Berichterstattung schon zu verneinen – mit dem heutigen Wissensstand, dass Jewell tatsächlich unschuldig war und der wahre, einer rechtsradikalen christlichen Sekte angehörende Täter Eric Rudolph 2003 festgenommen wurde. Damit geht das Drama kaum darauf ein, was der AJC und den ihr nacheifernden Medien wirklich angelastet werden kann: eine unfaire Berichterstattung, in der durch den in deklarativen Sätzen geschriebenen Artikel ohne Zitierung und Rückbezug auf die anonyme Quelle eine Vorverurteilung von Jewell stattfand. „Voice of God“ wird diese als veraltet geltende Art der Berichterstattung in den USA genannt, da sie eine allwissende Perspektive einnimmt. Und mediale Vorverurteilung kann in den USA aufgrund des Geschworenensystems für zu Unrecht Beschuldigte weitaus größere Folgen haben als hierzulande.

Für solch eine tiefer gehende medienkritische Auseinandersetzung endet Eastwoods Film zu früh, nämlich mit der erlösenden Einstellung der FBI-Ermittlungen gegen Richard Jewell. Den anschließenden Feldzug Jewells gegen die Medien, die ihn öffentlich diffamiert haben, spart das Drama aus. Damit verzichtet Der Fall Richard Jewell darauf, zur eingängigen „Cautionary Tale“, also einer zur Vorsicht mahnenden Geschichte im Hinblick auf die Berichterstattung über Verdachtsfälle zu werden.

Mit den Fernsehsendern CNN und NBC einigte sich das Anwaltsteam von Jewell außergerichtlich auf Entschädigungszahlen. Die AJC hingegen ließ es auf eine Klage ankommen und siegte 2011 vorm Berufungsgericht in Georgia, das die Berichterstattung als akkurat einstufte.

Ein letztes Ärgernis, das Jewell, der 2007 an den Folgen seines schweren Diabetes im Alter von 44 Jahren verstarb, nicht mehr erlebte. Ebenso wenig wie diesen Film, dem es im Kampf um Jewells Ruf ironischerweise an Ausgewogenheit, Differenziertheit und Fairness fehlt.

Der Fall Richard Jewell
(Originaltitel: Richard Jewell)
USA 2019. 129 Min.
Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Billy Ray
Kamera: Yves Bélanger
Besetzung: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Kathy Bates, Olivia Wilde, Jon Hamm
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=NGObj-znIsU

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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