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Filmkritik zu „Shattered Glass“: Schwachstelle Charme

Das US-amerikanische Drama Shattered Glass erzählt von einem denkwürdigen journalistischen Fälschungsskandal und ringt um Erklärungsansätze für redaktionelles Versagen.

Es war nicht der größte aller bis dahin erlebten Medienskandale und auch nicht der der folgenden, als sich 1998 mehrere Dutzend Artikel des US-amerikanischen Journalisten Stephen Glass als grob ausgeschmückt bis hin zu frei erfunden herausstellten. Der Großteil dieser Texte wurde im Politmagazin The New Republic publiziert, das mit einer (damals) wöchentlichen Auflage von 80.000 Exemplaren nicht einmal zu den breitenwirksamsten Medien gehörte. Doch ein mit Shattered Glass betitelter Vanity-Fair-Artikel von Harry Gerard „Buzz“ Bissinger hob die Tragweite und das Faszinierende des Falles hervor: Innerhalb von drei Jahren war Stephen Glass vom unscheinbaren Universitätsabsolventen zu einem der gefragtesten Journalisten in Washington D. C. aufgestiegen – durch Lügen, Betrug und Manipulation. Ebendieser Artikel ist die Vorlage für den 2003 erschienenen Spielfilm Shattered Glass.

Bis heute ist Shattered Glass ein dem breiten Publikum eher unbekannter Film, auf den aber in journalistischen Kreisen gern verwiesen wird. So wird er aktuell erwähnt in „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, Juan Morenos Buch zum Skandal um Claas Relotius, der vor rund einem Jahr die deutsche Medienlandschaft aufschreckte. Relotius, so heißt es in Morenos Buch, habe den Film als Journalismusstudent in einem Seminar an der Hamburg Media School gesehen – als „auflockerndes Element im Themenblock Recherche“. Dabei geht Shattered Glass kaum auf das offensichtliche Versagen der redaktionellen Faktenprüfung im Fall Stephen Glass ein. Stattdessen hebt er die fatale Gruppendynamik in der Redaktion von The New Republic als große Schwachstelle hervor.

Jungredakteure für Altehrwürdiges

Shattered Glass thematisiert diese Dynamik bereits im Vorspann, in dem mehrere schriftliche Einblendungen den Kontext der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte darstellen: Als „feste Größe kritischer politischer Berichterstattung“ habe sich The New Republic seit seinem Gründungsjahr 1914 etabliert. Fast schon im Kontrast zu diesem altehrwürdigen Renommee von TNR, wie das Magazin abgekürzt genannt wird, steht die ausgesprochen junge Redaktion: Das 15-köpfige Redaktionsteam habe 1998 ein Durchschnittsalter von 26 Jahren aufgewiesen, erfahren wir. „Der Jüngste von ihnen war Stephen Glass.“ Man könnte diese Hervorhebung zu Beginn von Shattered Glass einfach als unbedeutende Überleitung zur ersten Szene abtun, in der wir den jungen Stephen Glass (Hayden Christensen) mit kindlichem Erstaunen durch eine skurrile Messeveranstaltung zur Affäre von Bill Clinton und Monica Lewinsky wandeln sehen. Aber es steckt mehr dahinter, wie sich herausstellt, wenn im Folgenden die Redaktion des TNR fokussiert wird.

An deren Spitze steht der Chefredakteur Michael Kelly (Hank Azaria), der allen jungen Redakteuren als wohlwollende Vaterfigur erscheint, die sie ermutigt und gegen ungerechte Kritik schützt, wie sie etwa vonseiten des cholerischen Herausgebers Marty Peretz (Ted Kotcheff) häufig erklingt. Der in Socken durch das Büro schlendernde und Komplimente verteilende Stephen ist das schillernde Küken dieser Redaktion, das von seinen Kolleginnen umsorgt und behütet wird. Zugleich ist Stephen aber ein Wunderkind, zu dem alle aufgrund seiner spektakulären Artikel, nicht nur für TNR, sondern unter anderem auch für den Rolling Stone und Harper’s, aufsehen. Eine seiner aufschlussreichen Gegenwartsbetrachtungen („Spring Breakdown“) handelt von einer Gruppe junger Republikaner, die sich nach einem Parteitreffen im Hotel gemeinsam betrinken und anschließend eine junge Frau belästigen. Als TNR vonseiten der Partei auf Ungereimtheiten in diesem Artikel aufmerksam gemacht wird, fragt Chefredakteur Michael bei Stephen nach – behutsam. Denn das Wunderkind ist als Sensibelchen bekannt, das sein Gegenüber stets mit der Frage „Bist Du sauer auf mich?“ entwaffnet. Stephen räumt einen marginalen Fehler in der beanstandeten Story ein, woraufhin Michael bald von seinen Zweifeln ablässt und sich schützend vor seinen Redakteur stellt.

„Charmanter Soziopath“ trifft spröden Skeptiker

Wie diese familiär anmutende Redaktionsdynamik von einem Hochstapler wie Stephen Glass ausgenutzt werden kann, ist das zentrale Thema von Shattered Glass. Der Drehbuchautor und Regisseur Billy Ray hat sich im Vorfeld seines Films mehrere Monate mit den in den Fall involvierten Redaktionsmitgliedern (mit Ausnahme von Stephen Glass) unterhalten, allen voran Charles Lane, der von allen Chuck genannt wurde. Als Michael Kelly 1997 vom Herausgeber Marty Peretz aufgrund von Unstimmigkeiten hinsichtlich der Leitlinie von The New Republic entlassen wurde, trat Chuck Lane seine Nachfolge an. Er leitete das Magazin, als sich die Mehrzahl der 41 von Stephen darin veröffentlichten Artikel als Fälschungen herausstellten. Seine Sichtweise auf Stephen Glass legte er zuletzt 2004 in einem Kommentar für die Washington Post zum damals aktuellen Fälschungsskandal um Jack Kelley von USA Today dar. Darin zog er folgende Parallele zwischen Jack Kelley und Stephen Glass: „Für mich ist die wahre Geschichte das Chaos, das entsteht, wenn ein charmanter Soziopath das Büro infiltriert.“

In Shattered Glass wird Chuck von Peter Sarsgaard als zurückhaltender, pragmatischer Redakteur gespielt, den sein eigener Aufstieg überrascht und angesichts der großen Beliebtheit des entlassenen Michael Kelly auch ängstigt. Zu Recht: Die jungen Redakteure können mit Chuck nicht viel anfangen, halten ihn für steif und humorlos und unterstellen ihm (natürlich hinter seinem Rücken), dass er sich beim Herausgeber eingeschmeichelt hätte. Chuck ist das Gegenteil vom allseits geschätzten Stephen – in einer Redaktion, in der Beliebtheit mit Fähigkeit gleichgesetzt und mitunter verwechselt wird. Während Chuck etwa als langweiliger Bedenkenträger gilt, wird Stephen nicht zuletzt wegen seiner unterhaltsamen Pitches außergewöhnlicher Geschichten verehrt. Wir sehen, wie er die letzte davon in einer Redaktionssitzung zum Besten gibt, die Kollegen zum Lachen bringt und auf ihre Ermutigung hin schließlich in TNR unter dem Titel „Hacker-Himmel“ (im Original „Hack Heaven“) veröffentlicht. Es ist diejenige, die Stephen Glass zu Fall bringen und das Magazin unter Leitung von Chuck Lane dabei fast mit sich reißen wird.

Unvorhersehbare Vertrauensbrüche

Billy Ray inszeniert die Enttarnung von Stephen Glass als spannendes und fast schon schmerzhaftes Drama. Schließlich verfolgt man als Zuschauer mit, wie sich Chuck Lane und dem Redaktionsteam graduell das unglaubliche Ausmaß von Stephens Lügen offenbart. Denn trotz vorangegangener öffentlicher Medienskandale scheint keine Redaktion mit solch einem Vertrauensmissbrauch zu rechnen. Nicht einmal Adam Penenberg (Steve Zahn), damals Redakteur beim jungen und belächelten Onlinemedium Forbes Digital Tool. Er wird auf zahlreiche faktische Fehler in Stephens Artikel aufmerksam und trägt diese schließlich an Chuck Lane heran, erfasst sie aber nicht als Lügen. Stattdessen gehen er und seine Kollegin Andy (Rosario Dawson) davon aus, dass Stephen den Lügen einiger junger Hacker Glauben geschenkt hat. Und selbst Chuck Lane, der von Beginn an die Beanstandungen ernster nimmt, als es sein Vorgänger Michael Kelly getan hätte, gelangt im Verlauf von Shattered Glass nur schrittweise zu der bitteren Erkenntnis, dass die gesamte TNR-Redaktion über Jahre hinweg von Stephen Glass manipuliert wurde.

Um dem Zuschauer die Unvorhersehbarkeit solcher Vertrauensbrüche zu vermitteln, greift Billy Ray schließlich auch zu einem bewusst manipulativen Erzählmittel: Die Haupthandlung von Shattered Glass ist von einem Erzählstrang durchwoben, in dem Stephen Glass den Schülern seiner einstigen Highschool in einem Vorort von Chicago seinen Beruf erklärt. Bewundernd blicken sie zu ihm auf, während er von Rechercheprinzipien und dem Redigierprozess erzählt – schließlich ist er ein bekannter und viel gerühmter Journalist. Zum Schluss, der mit dem Ende der Haupthandlung von Shattered Glass zusammenfällt, applaudieren sie ihm – und plötzlich ist Stephen allein im leeren Klassenzimmer. Dieser Highschool-Auftritt hat in der filmischen Realität nie stattgefunden. Und diese Szene ist ein Twist, ein umdeutendes Ende, das uns in Shattered Glass vor Augen führt, wie schnell man getäuscht werden kann.

Im Zweifel gegen die Spekulation

Die Frage ist, ob man diese in Shattered Glass betonte Unvorhersehbarkeit von Vertrauensbrüchen im redaktionellen System als Erklärung für den Skandal durchgehen lässt. Es ist ein Punkt, der auch im Zuge der Enthüllung des Relotius-Skandals debattiert wurde: Hat die Faktenprüfung des Spiegel versagt oder war sie verständlicherweise einfach nicht auf die bewusste Täuschung durch einen Redakteur eingestellt? In einer Szene von Shattered Glass wird (ausgerechnet von Stephen Glass) der umfassende redaktionelle Redigierprozess beim TNR inklusive Faktencheck durchexerziert und als bewährter Prozess beschrieben. Nur eine Schwachstelle habe er, so Stephen: Der Redakteur muss zwar Recherchebelege einreichen, aber bei vielen Storys muss sich die Redaktion auf die Recherchenotizen als Beleg verlassen. Da Stephen Glass sowohl seine Recherchenotizen als auch -belege (unter anderem Visitenkarten, Briefköpfe, Websites und E-Mail-Adressen) gefälscht hat, entlastet dieser Hinweis wohl kaum die Faktenprüfung, die gleich mehrere Schwachstellen aufweist.

Dass Shattered Glass aber zum Erklärungsansatz einer ungünstigen und auf Vertrauensbrüche nicht eingestellten Redaktionsdynamik greift, die von einem Betrüger infiltriert wird, ist nachvollziehbar. Schließlich hat sich Billy Ray bewusst dagegen entschieden, den Film aus Sicht von Stephen Glass zu schildern, der auf Rays Gesprächsanfragen auch nicht reagiert hatte. Dementsprechend sieht man in Shattered Glass Stephen zwar als Unschuldslamm agieren, Zuflucht bei seinen Kolleginnen suchen und sich bei der Befragung von Chuck winden, aber man sieht ihn nie beim Fälschen und erhält auch keinen Einblick in seine wahren Gedankengänge und Motive. Es sind alles von seinen ehemaligen Kollegen belegbare Handlungen. Diese Darstellung entspricht dem Satz, den Stephen zu Beginn des Films in einem Voice-over als eines seiner journalistischen Prinzipien ausgibt: „Journalismus ist die Kunst, Verhaltensweisen einzufangen.“ In diesem Fall, wie auch in vielen anderen Fällen von überführten journalistischen Fälschern, wäre alles andere haltlose Spekulation. Denn nur der Fälscher selbst kennt seine Gedanken und Motive – und vielleicht nicht einmal er.

Shattered Glass
USA 2003. 94 Min.
Regie und Drehbuch: Billy Ray
Kamera: Mandy Walker
Besetzung: Hayden Christensen, Peter Sarsgaard, Chloë Sevigny, Melanie Lynskey, Hank Azaria, Steve Zahn, Rosario Dawson
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=n4hzFG3cTAY

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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