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Filmkritik zu Der Moment der Wahrheit: Im Zweifel für das Risiko?

James Vanderbilts Drama Der Moment der Wahrheit setzt sich mit einem bis heute nicht hinreichend geklärten Medienskandal auseinander, ignoriert aber drängende Fragen.

Das Ausmaß des Medienskandals, den James Vanderbilts Der Moment der Wahrheit thematiert, lässt sich an der Vielfalt seiner Bezeichnungen ablesen. Offiziell ist von der Killian Documents Controversy die Rede, wenn es um die Präsentation scheinbar gefälschter Dokumente in einem Fernsehbeitrag des amerikanischen Senders CBS am 08. September 2004 geht. Doch die meisten Medien griffen in Anlehnung an den Watergate-Skandal lieber zum populären Suffix „-gate“:

Memogate nannten einige diesen Skandal in direktem Bezug auf die Dokumente, die der Fernsehjournalist Dan Rather damals als Aktenvermerke vom 1984 verstorbenen Garde-Lieutenant Jerry B. Killian präsentierte. Sie sollten belegen, dass der damals amtierende US-Präsident George W. Bush durch Seilschaften seines Vaters Ende der 1960er Jahre in die texanische Nationalgarde aufgenommen wurde, so dem Einsatz im Vietnamkrieg entkam und zudem eine Vorzugsbehandlung in dieser Einheit genoss. Andere Medien sprachen von Fontgate und fokussierten dabei die konkreten Fälschungsvorwürfe gegenüber den Schriftstücken, die aus den 1970er stammen sollten, aber anscheinend Anachronismen in ihrer Typografie aufwiesen. Und zum Schluss sprach man nur noch von Rathergate, da der Skandal zur Folge hatte, dass sich Rather, der legendäre CBS-Anchorman und Fernsehjournalist, 2005 vorzeitig in den Ruhestand verabschiedete – ein Karriereende, das von vielen Seiten als seiner herausragenden journalistischen Verdienste nicht würdig empfunden wurde.

Journalismus im Wahlkampfmodus

Der Moment der Wahrheit erzählt diesen Skandal aus Sicht der damaligen CBS-Nachrichtenproduzentin Mary Mapes und beruht auf deren Memoiren, die sie 2005 unter dem Titel Truth and Duty: The Press, the President, and the Privilege of Power veröffentlichte. Die Rahmenhandlung des Films setzt im Oktober 2004, einen Monat nach der Ausstrahlung des besagten Beitrags, im Büro ihres Anwalts ein. Gemeinsam mit diesem bereitet sich Mary Mapes – von Cate Blanchett als getriebene, aber häufig am Abgrund wankende Kämpferin gespielt – auf die Befragung durch das von CBS beorderte Untersuchungsgremium zum Fall vor. Mapes hat zu diesem Zeitpunkt bereits 15 Jahre für den Sender CBS gearbeitet und im April 2004 zunächst einen großen Triumph erlebt: Ihr Team hatte in der von Dan Rather moderierten CBS-Sendung 60 Minutes die Kriegsverbrechen im amerikanischen Militärgefängnis Abu Ghuraib enthüllt, inklusive der erschütternden Bilder, die anschließend um die Welt gingen. In der Rückblende zelebriert Der Moment der Wahrheit diesen Moment berechtigterweise als Sternstunde des investigativen Journalismus, für den Mapes gemeinsam mit dem von Robert Redford ikonengleich verkörperten Dan Rather einsteht. Ein Zeitsprung von fast sechs Monaten führt uns dann aber in eine andere Art von Berichterstattung ein.

Nur wenige Monate vor den US-Präsidentschaftswahlen 2004 lieferten sich Amtsinhaber George W. Bush und sein demokratischer Herausforderer John Kerry ein Kopf-an-Kopf-Rennen – samt zugehöriger, in der Presse ausgetragener Schlammschlacht. Im Film wird mehrfach die Schmutzkampagne thematisiert, die darauf abzielte, Kerrys Verdienste als Navy-Offizier im Vietnamkrieg herunterzuspielen. Zugleich kursierten damals in der Presse immer wieder Nachrichten über Bushs Pflichtverletzungen während seines zeitgleichen Dienstes in der texanischen Nationalgarde. Mapes nimmt sich gemeinsam mit ihrem Team des letzteren Themas an und macht zwei Informanten ausfindig: Ben Barnes (Philip Quast), der vor laufender Kamera bezeugen kann, dass er selbst Bush auf Druck dessen Vaters in die Nationalgarde gebracht hatte. Und den undurchsichtigen ehemaligen Garde-Soldaten Bill Burkett (Stacy Keach), der Mary Kopien von internen Memos des Garde-Lieutenants Jerry B. Killian zuspielt, aber zunächst nicht über deren Herkunft sprechen möchte: „Ich habe nur die Kopien bekommen. Und fragen Sie mich nicht, von wem, oder ich sage gar nichts mehr.“ Die Kopien enthalten belastende Informationen zu Bushs Dienst in der Nationalgarde, von denen sich Mapes und ihr Team versprechen, dass sie wahlentscheidend sein werden. Auf einem Flug nach New York erklärt Teammitglied und Ex-Offizier Roger (Dennis Quaid) seiner Kollegin Lucy (Elisabeth Moss) gar, dass Mary mit einer ähnlichen Spur zu dieser Story im Jahr 2000 Bush bereits von seiner Präsidentschaft hätte abhalten können – wäre ihre Mutter damals nicht gestorben. Und auch Dan Rathers Einführung in die 60 Minutes-Sendung vom 08. September 2004 unterstreicht dieses Ansinnen, das wiederum an die damaligen amerikanischen Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan geknüpft ist: „Die Militärakten der beiden Kandidaten für das Amt des Präsidenten sind in diesem Wahlkampf Teil des politischen Arsenals geworden. Ein Instrument zur Stärkung oder Schwächung des Zutrauens in jeden dieser beiden als Amerikas nächstem Oberbefehlshaber.“

Dieser Ausgangslage entsprechend ist es also nicht nur der im Fernsehjournalismus übliche Zeitdruck, der das 60 Minutes-Team seine Bush-Story etwas übereilt ausstrahlen lässt, sondern auch der Wille, Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen, welche die Entscheidung der Wähler und die Zukunft des Landes beeinflussen könnten.

Beweislast und Ablenkungsmanöver

Der Hauptakt von Der Moment der Wahrheit ist von den Konsequenzen dieser Sendung bestimmt, die ein Interview mit Ben Barnes zu der von ihm vermittelten Einschleusung von Bush in die Nationalgarde und anschließend die Killian-Dokumente präsentiert. Kurz nach deren Ausstrahlung äußern rechtskonservative Blogger starke Zweifel an der Echtheit der Dokumente. So sei der Schrifttyp Times New Roman 1973 auf Schreibmaschinen ebenso wenig verfügbar gewesen wie die proportionierten Zeilenabstände und das hochgestellte „th“ (verwendet bei englischen Datumsangaben), die die präsentierten Memos aufweisen. Von ihren Vorgesetzten unter enormen Druck gesetzt, beginnt für Mary und ihr Team die fieberhafte und recht spannend inszenierte Suche nach Gegenbeweisen. Doch auch als sie belegen können, dass es zur Entstehungszeit der Dokumente durchaus Schreibmaschinen mit diesen Funktionen gegeben hat, ebben die Zweifel an der Story, deren Mängel inzwischen von mehreren Print- und Fernsehmedien aufgegriffen werden, nicht ab.

Beschäftigt man sich näher mit der Kontroverse um diesen CBS-Beitrag, stößt man auf ein komplexes Gemenge an widerstreitenden Aspekten, von denen James Vanderbilts Film leider nur wenige oberflächlich streift. Zum einen erscheinen die Reaktionen konservativer Blogs wie FreeRepublic.com und Power Line auf den CBS-Beitrag keineswegs spontan, sondern von ihren stark in der republikanischen Partei vernetzten Betreibern sorgsam geplant, wie etwa Aaron Barlow in seinem 2007 erschienenen Buch The Rise of the Blogosphere erläutert. Barlows Hauptthese hierzu ist, dass es diesen Bloggern weniger darum ging, eine Fälschung zu beweisen, sondern einfach nur wirksam Zweifel in der Öffentlichkeit zu schüren, um so von den plausiblen Inhalten der Sendung abzulenken. In Vanderbilts Film wird auf diese Blogger nicht näher eingegangen, aber das Ablenkungsmanöver wird über Marys Rechtfertigung vor dem Untersuchungsgremium aufgegriffen: „In unserem Bericht ging es darum, ob Bush seine Pflichten verletzt hat. Niemand will darüber sprechen, sondern nur über Schriftarten, Fälschungen und über Verschwörungstheorien, weil jetzt das die bewährte Methode ist, wenn den Leuten ein Bericht nicht gefällt. […] Und wenn das dann endlich aufhört, dann war das Gezeter und Getöse so laut, dass wir alle gar nicht mehr wissen, worum es ursprünglich mal ging.“

Ein anderer Aspekt, der in Der Moment der Wahrheit behandelt wird, betrifft die Frage, welche Beweislast Journalisten für Enthüllungsberichte zu tragen haben und was der angemessene Standard hierfür wäre. Im Film selbst kommt diese Frage wieder nur in den Szenen der Rahmenhandlung auf, in denen Mary vom gegen sie allzu voreingenommen scheinenden Untersuchungsgremium verhört wird. Auf den ihr vorgeworfenen Mangel an Beweisen entgegnet sie: „Würden Sie das auch sagen, wenn es um die Times ginge und die Pentagon-Papiere? Oder die Information von Deep Throat?“ Und tatsächlich haben einige amerikanische Journalisten und Presserechtsexperten den abschließenden Bericht des CBS-Untersuchungsgremiums dahingehend kritisiert: So wurde Mapes und ihren Kollegen unter anderem vorgeworfen, keine sogenannte „Chain of Custody“ (Beweismittelkette) hinsichtlich der von Burkett erhaltenen Dokumentkopien vorweisen zu können. James C. Goodale, der langjährige rechtliche Berater der New York Times, schrieb in einem Beitrag hierzu: „Während solche Beweise im Gerichtssaal relevant sind, sind sie für Journalisten oft irrelevant. Nur wenige Geschichten, die auf Dokumenten basieren, würden jemals geschrieben werden, wenn dies der Standard wäre.“

Streiflicht statt Lupe

Es sind interessante presserechtliche Fragen, die bei der Auseinandersetzung mit diesem Film und der Affäre um die Killian-Dokumente aufkommen, zumal bis heute weder die Echtheit noch die Fälschung der präsentierten Schriftstücke bewiesen ist. Der Moment der Wahrheit hätte sich mit diesen Fragen näher auseinandersetzen können – und dafür gute Gründe gehabt: Er kam 2016 in die Kinos, rund zwölf Jahre nach dem Skandal, und hätte an die Gegenwart mit ihren damals aufkommenden Fake-News-Vorwürfen gegenüber Mainstream-Medien anknüpfen können. Doch James Vanderbilts Film ist seiner Vorlage und damit auch Mary Mapes‘ Sichtweise verpflichtet. Diese kommt mitunter sehr rechtfertigend daher, etwa, wenn die übereilte Recherche und das Ausklammern berechtigter Zweifel einiger Dokumentprüfer mit dem schweren Stand anspruchsvoller Nachrichtensendungen begründet wird. Mehrfach wird auf die Reality- und Trash-Fernsehformate wie Survivor und Dr. Phil angespielt, die auf CBS damals für hohe Quoten sorgten und mit seriösen Formaten wie 60 Minutes um die besten Sendeplätze konkurrierten. In diesem Zusammenhang erklärt Josh, Marys Vorgesetzter: „Die Nachrichten bezahlen nicht die Miete.“ Der anspruchsvolle Fernsehjournalismus wird auch von Mapes als stark bedroht dargestellt, wenn sie ihrem Informanten Burkett erklärt: „Sie haben es vielleicht nicht gemerkt, aber im Nachrichtenbereich findet kaum noch das statt, was wir machen. Wir sind 60 Minutes. Wir sind die erste Liga.“ Spräche das nicht dafür, einem Vertrauensverlust seitens der Zuschauer durch höchste Sorgfalt bei der Recherche entgegenzuwirken? Und sich mit der Herkunft der Dokumente genauer auseinanderzusetzen?

Der Aspekt des Vertrauens- und Relevanzverlusts seriöser Medien wird in Der Moment der Wahrheit, wenn überhaupt, dann auf einseitige und völlig unvermittelte Weise behandelt. Dies verwundert, wenn man an James Vanderbilts nuanciertes und kluges Drehbuch zu David Finchers Zodiac – Die Spur des Killers (2007) zurückdenkt. Von diesem nachdenklichen Werk ist Vanderbilts Regiedebüt Der Moment der Wahrheit weit entfernt: Durch die perspektivische Bindung an Mary Mapes, die tragischerweise im Anschluss an die Kontroverse von CBS entlassen wurde und seitdem nie wieder fürs Fernsehen tätig war, werden hier persönliche Aspekte stark miteinbezogen. So dient Marys von den Misshandlungen durch ihren Vater geprägte Kindheit als Begründung für ihre Abneigung gegen Machtmissbrauch und ihre journalistische Risikobereitschaft. Und dies wird leider auf allzu plumpe Weise in den Film integriert, der sich sichtlich Mühe gibt, die Zuschauer durch hochemotionale Momente, die sich häufig in Zeitlupe abspielen und von einer rührseligen Filmmusik untermalt werden, auf die Seite von Mary und ihren Kollegen zu bringen.

Damit spiegelt sich in Der Moment der Wahrheit, der im amerikanischen Original den hochtrabend einfachen Titel Truth (Wahrheit) trägt, das zentrale Problem der auf CBS ausgestrahlten Story um Bushs Militärdienst wider: Die dargestellte Geschichte, die sich um Ungerechtigkeit, Bevorzugung von Eliten und perfide Ablenkungsmanöver dreht, ist in sich plausibel und logisch, aber die gewählten Beweis- und Erzählmittel sind nicht über jeden Zweifel erhaben – und darauf zu bestehen, schürt die Zweifel umso mehr.

INFOKASTEN ZUM FILM:
Der Moment der Wahrheit
(Originaltitel: Truth)
USA 2015. 125 Min.
Regie und Drehbuch: James Vanderbilt
Kamera: Mandy Walker
Besetzung: Cate Blanchett, Robert Redford, Topher Grace, Elisabeth Moss, Bruce Greenwood, Stacy Keach, Dennis Quaid
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ZZ5IXbuej9o

 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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