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Joseph Roth und Tom Wolfe – von Grenzgängern zu „Autorenmarken“: Rezension zu „Literarische Journalisten – Journalistische Literaten“ von Fanny Opitz

Die Grenzen zwischen Literatur und Journalismus sind fließend – dies wird am beispielhaften Vergleich des Schaffens zweier Grenzgänger deutlich. Was den Romancier und Feuilletonisten Joseph Roth (1894 – 1939) und den US-amerikanischen „New Journalist“ und späten Romanautor Tom Wolfe (1930 – 2018) verbindet, beantwortet die Literaturwissenschaftlerin Fanny Opitz in dieser komparatistischen Monografie.

Was macht einen Vergleich der beiden Autoren, deren Schaffen kulturell so unterschiedlich eingebettet ist und das auch zeitlich weit auseinanderliegt, für uns interessant? Diese Frage erörtert Opitz in der Einleitung ihres Werkes.

Zu den beleuchteten Gemeinsamkeiten der beiden gehört, dass sie zugleich erfolgreiche Journalisten und Literaten waren. Sie wirkten jeweils in Zeiten, in denen einerseits die Strömung der Neuen Sachlichkeit im Deutschland der Weimarer Republik und andererseits jene des New Journalism in den 1960er- und 1970er-Jahren in den USA zu einer starken Annäherung zwischen Literatur und Journalismus führte. Durch programmatische Stellungnahmen prägten beide die entstehenden öffentlichen Debatten um die Leistung journalistischer und literarischer Textsorten maßgeblich und stellten tradierte Wertungen, welche das literarische Schreiben höher schätzten als das journalistische, infrage. Opitz zeigt auf, wie beide ihre zwischen Journalismus und Literatur changierende Autorschaft als „Marke“ inszenierten.

Neuer Autortypus

Die Literaturwissenschaftlerin proklamiert die Entwicklung eines neuen Autortypus im 20. Jahrhundert, für die Roth und Wolfe repräsentativ seien. Dieser zeige Wertungsunterschiede zwischen literarischer und journalistischer Autorschaft auf, mache sie für sich produktiv und versuche, sie zu nivellieren (vgl. S. 16). Die Entwicklung dieses Typus wird in Perioden dargestellt: Roths Autorschaft wird aus der Perspektive der „Professionalisierung“, Wolfes in der Folge unter jener der „Ästhetisierung“ betrachtet.

Die Einteilung erklärt sich daraus, dass Roth seine Autorschaft innerhalb eines bestehenden Berufsbildes verhandelte. In der Zeit der Weimarer Republik befand sich die Professionalisierung des Journalismus nämlich in ihrer finalen Phase, wie Opitz, anknüpfend an eine Arbeit des Geschichtswissenschaftlers Jörg Requate, angibt. Rund ein halbes Jahrhundert später löste Wolfe sich von den institutionellen Grenzen des Berufsstandes. Er lotete seine Autorschaft jenseits von Rollenzuschreibungen und sein Schreiben genreübergreifend aus. Wolfe „ästhetisierte“ seine berufliche Persönlichkeit und inszenierte sich – nicht zuletzt, indem er als Dandy auftrat und das Tragen eines weißen Anzuges zu seinem Markenzeichen machte – als Star (vgl. S. 22 f.).

Einige der in der Arbeit erörterten Inszenierungspraktiken der Autoren werden in der Folge herausgegriffen.

Joseph Roth:  „private“ und öffentliche Selbstinszenierung

Neben seinem heute bekannten Schaffen als Romanautor war Roth journalistisch unter anderem als Feuilletonist, Redakteur und Korrespondent für die Frankfurter Zeitung (FZ) tätig. Einblicke in eine Analyse von drei Briefwechseln zeigen, wie unterschiedlich er sich im Hinblick auf seine Rolle im Zeitungsgeschehen neben öffentlichen Stellungnahmen auch „privat“ inszenierte. Opitz untersuchte seine Korrespondenzen mit dem berühmten Schriftsteller Stefan Zweig, dem Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung, Benno Reifenberg, sowie mit seinem jungem Kollegen Bernard von Brentano. Letzteren wollte Roth als Autor für die FZ gewinnen und Brentano wurde sein Nachfolger im Berliner Büro der Zeitung. Vor ihm zeigte Roth „ein reflektiertes Selbstverständnis als Journalist“ (S. 67). Er spricht sich etwa für redaktionelle Eingriffe in journalistische Texte aus und gibt „konkrete Hinweise, wie man im Medien- und Literaturbetrieb zu schreiben habe und wie man sich als Autor im redaktionellen Gefüge positioniere“ (S. 65). Zweig gegenüber stellte er das journalistische Tagesgeschäft hingegen als notwendiges Übel dar, das ihm zwar dazu dient, seinen Lebensunterhalt zu sichern, ihn aber vom Schreiben seiner Romane abhält (S. 58 ff.). Anders verhandelte er das Zeitungsgeschäft wiederum vor Reifenberg: Das Schreiben für das angesehene Feuilleton der Frankfurter Zeitung bezeichnete er als „große Ehre“ (S. 68).

„Repräsentativer Kopf“

Roth wird bei Opitz in der Zeitungswelt der Weimarer Republik als „repräsentativer Kopf“ gezeigt, der – als Journalist wie als Romancier – „auch um seinen Marktwert weiß“ (S. 72). Sie erörtert ausführlich, wie der Autor die Debatte um seinen Roman „Flucht ohne Ende. Ein Bericht der seit seiner Veröffentlichung 1927 bis heute im Kontext der Neuen Sachlichkeit kontrovers rezipiert wird, hervorrief und beeinflusste (vgl. S. 72 – 117). Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der „Reportage-Kultur“ (vgl. etwa S. 121) der 1920er- und 1930er-Jahre, in der Leistung und Relevanz von Journalismus und Literatur in den Zeitungsfeuilletons breit diskutiert wurde, konstatiert sie, dass Roth in seinen öffentlichen Stellungnahmen generell eine positive Bewertung des Journalismus vornahm und den Mehrwert aufzeigte, den journalistische Darstellungstechniken für Literaten haben können (S. 150).

Tom Wolfe: Autonomiebestrebungen

Jahrzehnte später forcierte Tom Wolfe, wie auch andere Autor:innen der Zeit, unter dem Schlagwort „New Journalism“ ebenso eine Aufwertung journalistischer gegenüber literarischer Darstellungsformen – und auch die seiner eigenen Autorschaft. Er bemühte sich um die Deutungshoheit über die Definition des Begriffes „New Journalism“ und um eine Selbstverortung in der journalistischen Strömung. Wolfe provozierte mit seinen Veröffentlichungen den Literatur- und Medienbetrieb nicht zuletzt durch Angriffe auf tradierte Wertungen, die nur Romanschriftsteller:innen, nicht aber Journalisten und Journalistinnen eine künstlerische Leistung zugestanden.

Zu den Gegner:innen der genreübergreifenden Ideen der New Journalists zählte der Kritiker Dwight McDonald. Er bezeichnete deren Schreibstil – zu dessen Kennzeichen etwa eine subjektive Perspektive sowie der Einsatz literarischer Stilmittel neben dem Anspruch auf journalistische Faktentreue zählen – als „Parajournalismus“, der weder literarischen noch journalistischen Ansprüchen gerecht wird (vgl. S. 188 ff.). Nichtsdestotrotz legte die Herausgabe der Anthologie „The New Journalism 1973 durch Tom Wolfe und E. W. Johnson den Grundstein für eine Kanonisierung ausgewählter Texte, die im Kontext der Strömung entstanden (vgl. S. 194 ff.). Beigetragen haben zu dieser Sammlung bis heute bekannte Schriftsteller:innen wie Truman Capote, Joan Didion und Hunter S. Thompson.

Aufwertung des Reporterberufs

Mediengeschichtlich betrachtet ist mit der Neuen Sachlichkeit ebenso wie mit dem New Journalism eine Aufwertung des Reporter:innenberufes zu beobachten (vgl. S. 172). Anders als in Deutschland gab es in den USA jedoch keine Feuilletontradition: Die Auseinandersetzung mit dem überlieferten Standesunterschied von Journalismus und Literatur wurde dort an neuen, unkonventionellen Orten geführt, wie in Magazinen und Beilagen von Zeitungen und Zeitschriften. Dazu gehörten der etablierte Esquire; aber auch der noch junge Rolling Stone (vgl. S. 156). Anders als Roth, der immer wieder die Einbindung in den institutionalisierten Zeitungsbetrieb suchte, kehrte Wolfe dem Alltagsjournalismus den Rücken zu, wie Opitz berichtet. Der promovierte Yale-Absolvent hatte nach dem Studium bei angesehenen Zeitungen zwar als Journalist Anerkennung gefunden, bevorzugte es jedoch, unabhängig zu arbeiten. Das Streben nach Autonomie war für New Journalists wie Wolfe kennzeichnend und Teil seiner Inszenierung als Marke. Dazu gehörte auch ein markanter, eigener „Look“ (vgl. S. 212).

Postmoderner Dandy

Ein wesentlicher Bestandteil seiner Selbstinszenierung ist Wolfes „Markenzeichen“, der weiße Anzug. Gestützt auf andere Untersuchungen erläutert Opitz die Bedeutungsebenen seines Bekleidungsstil, mit dem er sich provokant und Aufmerksamkeit heischend als „postmoderne[r] Dandy“ (S. 224) präsentierte. Die Farbe Weiß spielte eine Schlüsselrolle in der Pop-Kultur, was etwa anhand des berühmten „White Albums“ der Beatles dargestellt wird (vgl. S. 229 – 231). Außerdem kann der weiße Anzug als kultivierter Gegenpol zu den – in Wolfes Augen – oft allzu leger gekleideten jüngeren Journalistenkollegen gesehen werden und diente ihm als „Akt der Selbstnobilitierung“ (S. 235). Seine Kleidung unterstrich auch die Beobachterposition des Reporters und zeigte Distanz zum Geschehen und zu den Protagonisten und Protagonistinnen an (vgl. S. 236).

„Etikettenschwindel“

Wolfes mit 57 Jahren verfasstes Roman-Debut „Fegefeuer der Eitelkeiten“ erschien 1987 und wurde ein Bestseller. Seine erfolgreiche Hinwendung zum Romanschreiben in späten Jahren provozierte wiederum: Die drei bekannten Schriftsteller Norman Mailer, John Updike und John Irving sprachen Wolfe, der 1998 anlässlich der Veröffentlichung seines zweiten Romans „A Man in Full“ auf dem Time-Cover abgebildet war, in unterschiedlichen öffentlichen Stellungnahmen die Qualität eines Romanautors ab. Als Journalist sei er mit seinem Schreiben zudem nur an finanziellen Erfolgen interessiert, er begehe also „Etikettenschwindel“ (vgl. S. 241). Der Konflikt um den Wertungsunterschied literarischer und journalistischer Autorschaft war also auch um die Jahrtausendwende noch nicht abgeschlossen (vgl. Kap. 3.3, hier S. 244).

Opitz führt den Gedanken weiter und schlüsselt abschließend aktuelle journalistische Fälschungsskandale auf. Sie identifiziert sie als ein falsch verstandenes Epigonentum des Stils und der Selbstinszenierung Tom Wolfes. Dabei nennt sie mit dem journalistischen Ethos der oder des Einzelnen ein Qualitätskriterium, das man wohl als Voraussetzung ansehen muss, um mit einer zwischen Literatur und Journalismus angesiedelten Autorschaft Bestand zu haben (vgl. S. 272 – 278).

Fazit

Das Buch besticht durch kurze Textpassagen unter „knackigen“ Zwischenüberschriften. Es gibt Einblicke in die Inszenierungspraktiken zweier renommierter Autoren, die sich als Marke zu etablieren wussten. Das Werk leistet zudem einen Beitrag zu einer Historisierung von Prozessen, die im 20. Jahrhundert den Journalismus prägten, und zeigt die Entwicklung eines zwischen Journalismus und Literatur changierenden Autortypus auf.

 

Autorin: Fanny Opitz
Titel: Literarische Journalisten – Journalistische Literaten. Autorschaft und Inszenierungspraktik bei Joseph Roth und Tom Wolfe.
Preis: 44,99 Euro
Umfang: 318 Seiten
Erscheinungsjahr: 2021
Verlag: transcript (Reihe Lettre)
ISBN: 978-3-8376-5460-8

Fanny Opitz (geb. 1987) promovierte 2019 an der Universität Potsdam. Ihr Forschungsinteresse gilt der europäischen und amerikanischen Journalismusgeschichte, besonders der komparatistischen Reportage-, Feuilleton- und Magazinforschung. Sie ist für die Kulturwellen des SWR und des WDR als Moderatorin, Autorin und Produzentin tätig. Außerdem ist sie Dozentin am Institut für Medienkulturwissenschaft der Universität Freiburg.

Weiterführende Links:

Gespräch: Fanny Opitz – Literarische Journalisten – journalistische Literaten. Aus der Sendung vom So., 27.6.2021 17:05 Uhr, SWR2 Lesenswert Magazin.

https://www.swr.de/swr2/literatur/fanny-opitz-literarische-journalisten-journalistische-literaten-100.html

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Friederike SchwabelDie Autorin Friederike Schwabel, Dr. phil., promovierte im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und ist Absolventin der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Sie ist für die Bereiche Kommunikation und Online-Redaktion beim DFJV verantwortlich. Zuvor arbeitete sie als freie Fachjournalistin und Texterin insbesondere in der Kultur- und Kreativbranche. Als Literaturwissenschaftlerin veröffentlichte sie Buchbeiträge und schreibt Rezensionen für Fachmedien, wie für das Buchmagazin des Literaturhauses Wien.

 

 

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