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Kinotipp zu „Die letzten Reporter“: Wie steht es um den Lokaljournalismus

Für seinen aktuellen Dokumentarfilm begleitete Regisseur und Grimme-Preisträger Jean Boué drei Lokalreporter*innen bei ihren täglichen Einsätzen in der norddeutschen Provinz. Entstanden sind das fein gezeichnete Bild eines Berufsstandes unter Druck und gleichzeitig die Porträts von Journalist*innen, die mit Leidenschaft, Empathie und Genauigkeit ihrer Arbeit nachgehen. Die Doku ist für den deutschen Filmpreis nominiert.

„Oft höre ich aus dem Lokalen: Ich will mich selbst nicht so wichtig machen. Es kommt doch auf die Inhalte an. Kompletter Bullshit! 90 Prozent der Inhalte sind weder exklusiv noch breaking (Anm. die Redaktion – von breaking news). Wichtig ist, dass man eine Marke ist oder wird“, beschwört der Dozent beim Digitalisierungs-Workshop die Seminarteilnehmer*innen. Die Kamera schwenkt langsam über ungerührt bis skeptisch blickende Menschen im Auditorium, viele im fortgeschrittenen Alter. Mit dieser Szene eröffnet Jean Boué seinen Dokumentarfilm über drei Lokalreporter*innen und ihren Arbeitsalltag.

In den folgenden eineinhalb Stunden lernt man als Zuschauer dann drei komplett unterschiedliche Journalist*innen kennen, für die zwar tatsächlich die Inhalte im Vordergrund stehen – die aber nichtsdestotrotz auch Marken sind.

Die Lokalreporter*innen

Allen voran wird Werner Hülsmann vorgestellt, Gesellschaftsreporter beim Anzeigenblatt Osnabrücker Nachrichten. Der agile „dauertextende“ 64-Jährige nennt sich selbstironisch den „Baby Schimmerlos von Osnabrück“. Seit 30 Jahren präsentiert er bei den ON und beim Lokalradio OS-Radio seine Kolumne Werners Cocktail“: „Ich bin ein Rennpferd, mit 90 Kolumnen, 80 CDs und 40 bis 45 Interviews im Jahr“, berichtet er stolz. Dass er beim Formulieren seiner Kolumne rhetorisch oft überzieht und nicht immer treffend formuliert, nimmt er selbstironisch in Kauf – er hat ein Erkennungszeichen draus gemacht. Später werden wir ihn beim Joggen mit einem Freund erleben und erfahren, dass er beim Kardiologen in Behandlung ist und schlecht abschalten kann.

Wir treffen Thomas Willmann, seit 25 Jahren Sportreporter bei der Schweriner Volkszeitung. Bevor er auf dem Platz eintrifft, „wird das Spiel nicht angepfiffen“. Willmann sagt, dass er seinen Beruf liebt und nach zweieinhalb Wochen Urlaub in die Redaktion zurück möchte, zu den Kollegen, zu seinen Freunden. Dann erfahren wir aber auch, dass seine regelmäßigen Wochenendeinsätze für den Lokalsport ihn seine Beziehung gekostet haben.

Die 25-jährige Anna Petersen von der Landeszeitung Lüneburg komplettiert das Trio von Boués Protagonist*innen. Sie steht für den Nachwuchs, hat soziale und kulturelle Nachhaltigkeit studiert, über den Bürgerbus in ihrem Heimatort Bienenbüttel ihre Bachelorarbeit geschrieben und möchte nirgendwo anders leben und arbeiten, „als in der Provinz“. Beim Praktikum im gläsernen Verlagsgebäude des Magazins der Süddeutschen Zeitung fühlte sie sich zu weit weg von den Menschen auf der Straße, erzählt sie. Über ein Projekt ihrer Zeitung, das die Bürger*innen in die Berichterstattung einband, haben wir bereits am Beispiel der Crowd-Recherche Wem gehört Lüneburg berichtet.

„Cadavers on the floor“

Später wird der Film wieder zurückkehren zum Digital-Storytelling-Workshop aus der Anfangsszene. „Dann werden Sie zu cadavers on the floor – zu Leichen, die am Boden zurückbleiben“, prophezeit die Dozentin der schweigsamen Gruppe der Lokalredakteur*in- nen. Sie sagt dann noch, dass „Kadaver am Boden“ zu werden droht, wer es verpasst, sich online als zusätzlichen Ausspielkanal zu erschließen, wer es nicht schafft, zu den 100 oder 120 Zeilen Print plus Foto auch Videos zu produzieren, wer kein Audio einsetzt – kurz: alle, die nicht „mobile first“ zu denken lernen. Sportreporter Willmann kontert trocken: „Ich hab einen alten Knochen als Handy – damit gehen solche Sachen gar nicht”.

Trotzdem ziehen sich die Digitalisierung des (Lokal-)Journalismus und die äußeren (Know-how, Ausstattung) und inneren Widerstände („Ich bin halt eher der haptische Typ“) der Kolleg*innen gegen diese Veränderung kontinuierlich durch Die letzten Reporter. Auch hier zeigen die drei Protagonist*innen pragmatische Haltungen und oft hellsichtige Meinungen.

So sagt Anna Petersen einmal, dass Lokaljournalismus für sie mehr mit persönlicher Nähe und weniger mit Facebook zu tun hat. Trotzdem teasert sie ihren Beitrag über einen syrischen Geflüchteten bei der Freiwilligen Feuerwehr als Video für den Webauftritt an. Online sieht sie eher für die schnelle Newsübermittlung, Print eher für den Hintergrund geeignet.

Achtsamkeit als Prinzip

Boués Schnittmuster (Montage Thomas Wellmann), in die Episoden der Arbeitseinsätze seiner drei Held*innen immer wieder Szenen aus Workshops, Fortbildungen und Konferenzen einzubauen, bei denen die großen Fragen und die Krise des Lokaljournalismus verhandelt werden, geht voll auf.

Die verschiedenen Erzählebenen und Handlungsstränge treten in einen wunderbaren Dialog miteinander: hier die (wirtschaftliche) Vogelperspektive und die Worthülsen der Unternehmensberater und Verlagsmanager*innen – dort der Alltag der Reporter*innen. Der ganz anders aussieht als die Reißbrett-Strategien und trotzdem funktioniert.

Hier die älteren Kolleg*innen mit ihren Notizblöcken, dem abgegriffenen Zettelkasten („Ob ich das nochmal wiederfinde?“), dem DUDEN auf dem Schreibtisch und den im Leitz-Ordner abgehefteten Beiträgen. Dort die chicen Folien aus der Fortbildung, die den alten Hasen erklären wollen, wie Journalismus 2.0 auszusehen hat.

Erfreulicherweise führt kein übergeordneter, einordnender Off-Kommentar durch den Film. Wir werden alleingelassen mit vielen verschiedenen Stimmen und Eindrücken und sind genau deshalb am Ende ein Stück schlauer. Die drei Reporter*innen kommentieren ihre Arbeit selbst aus dem Off, lesen aus ihren Reportagen, denken laut über ihre persönliche und berufliche Zukunft nach, treffen ihre Interviewpartner*innen, oft alte Bekannte, in einer Mischung aus Profession und Passion.

Die letzten Reporter nimmt sich oft sehr viel Zeit für diese Arbeitsszenen. Deren Interviews lässt Boué laufen, auch die Produktionszenen in der Redaktion. Er zeigt das Handwerk – Zuhören, Nachfragen, Verstehen. Er bebildert nicht Thesen. Oft ist der Erzählton dabei so trocken wie der norddeutsche Humor seiner Protagonist*innen. Als Anna Petersen einen Landwirt zu seinem missglückten Versuch, die Energiepflanze Silphie anzubauen, interviewt, fragt sie einmal leise lächelnd nach: „HTK steht für Hühner-Trockenkot, oder? Eines der ersten Worte, die ich im Lokaljournalismus gelernt habe.“ Manchmal bringt auch die Filmmusik eine leichte Ironie in die Szenerie, wenn sie die über den Bildschirmen brütende und ab und an mit der Technik hadernde ältere Männerclique mit einem leicht beschwingten Thema unterlegt. Nie macht sich Boué aber lustig über die so Beobachteten.

Für diese achtsame Arbeitsweise hat er bereits dreimal den Grimme-Preis bekommen. Zuletzt 2020 für Die Unerhörten, sein Porträt von Wahlkämpfern in der Brandenburgischen Provinz. Begründung der Jury: „ ,Die Unerhörten‘ bricht nicht die Bundespolitik aufs Lokale herunter. Es ist eher andersherum: Die kleinen Themen werden in die große Diskussion eingespeist. Die Region jedenfalls darf ihre eigenen Fragen stellen.“ Dieser Befund gilt auch für Die letzten Reporter.

Die Perspektive: bürgernah – und unkritisch?

Auch visuell ist der Film äußerst ökonomisch und unprätentiös umgesetzt. Die Close-ups (Kamera: Anne Misselwitz) – in der engen Turnhalle, auf dem Rücksitz des Bürgerbusses –sind oft den Drehsituationen geschuldet. Dramatisierende Nahaufnahmen sind selten und selbst dann oft unergiebig, weil die Handlung durch die Unaufgeregtheit und die Authentizität seines Personals so wenig Drama und Doppelbödigkeit zu bieten hat.

Immer wieder öffnen aber Totalen den Blick: in eine Fußgängerzone, wenn Petersen von der Nähe ihrer Leserschaft spricht, auf die Hochhaussiedlung, wenn drinnen beim Workshop über Content gesprochen, auf das Feld, wenn Petersen den Landwirt interviewt. Dann macht der Film immer wieder das Arbeitssetting seiner Figuren deutlich – das hier spielt am Rand, in der Mittelstadt, in der Provinz, nicht in der Metropole.

Wenn dann allerdings Sportreporter Tom Willmann beim Leichtathletik-Fest schwärmt: „Deshalb macht mir das auch Spaß, am Wochenende hier zu sein. Das lebt einfach“, dann möchte man das Leben auch sehen. Erst beim Wettbewerb der Ringer am Ende des Films wird das eingelöst, wird das Material lebendig, dynamisch, aufregend und vermittelt die Faszination des Jobs.

Die letzten Reporter lässt aber auch die Grauzonen des Lokaljournalisten-Lebens nicht aus. Manches erscheint zunächst irritierend. Oft erscheint einem die Nähe von Willmann und Hülsmann zu ihren Gesprächspartner*innen sehr „kumpelig“ und man fragt sich unwillkürlich: „Fragen die auch mal kritisch nach? Kommen hier auch negative Themen aufs Tapet?“ Tom Willmann spricht es offen aus, in einer Szene: „Die Tatsache, dass du mit den Leuten, über die du schreibst, häufiger zu tun hast, sollte für dich auch zu einer Verpflichtung werden … Du willst niemanden bloßstellen.“

Fortsetzung folgt?

Am Ende des Films wird dann Tom Willmann der erste Kollege in der Sportredaktion sein, der Beiträge auch online postet. Der nimmermüde Baby Schimmerlos Werner Hülsmann wird, trotz seiner Besessenheit vom Yellow-Press-Leben die Rente ansteuern. Anna Petersen ist inzwischen für eine der im Film gezeigten Recherchen mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet worden.

Aufführungstermine https://die-letzten-reporter.de/kino-tour/

Website zum Film https://die-letzten-reporter.de/

Die letzten Reporter
Deutschland 2020. 98 Min.
Kinostart: 24.06.2021
Regie:Jean Boué
Kamera: Anne Misselwitz
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=u3EHAo0jVlQ

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Gunter Becker schreibt seit Beginn der 1990er Jahre als freier Autor über elektronische Medien, Internet, Multimedia und Kino. Anfangs für die taz, dann für den Tagesspiegel und im neuen Millennium vorwiegend für Fachmagazine, wie ZOOM und Film & TV Kamera. Für das verdi-Magazin Menschen Machen Medien verfolgt er die Entwicklung nachhaltiger Filmproduktion, die Diversität in den Medien und neue Medienberufe.

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