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Namibia – irgendwo in Afrika

Weiblicher Auslandsjournalismus weltweit

„Nigeria?“, werde ich mit fragenden Augen und einem Stirnrunzeln angelächelt. „Nein, Namibia!“, stelle ich zum dritten Mal klar und erkenne, dass mein Gegenüber die Informationen noch immer nicht verarbeitet hat. „Das liegt neben Südafrika“, erkläre ich weiter, als hätte Namibia kein Existenzrecht an sich, bloß weil mein Gesprächspartner nicht weiß, wovon ich rede.

Als ich 2018 das erste Mal für einen kulturweit-Einsatz bei der Deutschen Welle Akademie nach Namibia kam, war ich nicht viel besser. Damals hätte ich auch nie gedacht, dass ich einmal als Korrespondentin aus Namibia berichten würde. Die ersten drei Monate meines Aufenthalts lebte ich in einer Wohnung mit einem Kühlschrank, einer Matratze auf dem Boden, unzähligen Kakerlaken und ohne Wifi. Ich wäre am liebsten am nächsten Tag wieder nach Deutschland geflogen.

Das deutsch-namibische Verhältnis

Obwohl ich im Schulunterricht vom Genozid an den Herero und Nama gehört hatte, wusste ich bis zu meiner Reise nicht, dass sich dieser im heutigen Namibia ereignet hatte. Oder dass der deutsche Kolonialismus dort tiefe Spuren hinterlassen hat, die noch immer deutlich sichtbar sind.

Wer durch die Straßen Windhuks läuft, kann den Relikten des deutschen Kolonialismus kaum entgehen. Von der Deutschen Höheren Privatschule geht es von der Talstraße an der Windhuker Buchhandlung und der Luisen-Apotheke vorbei bis zum kolonialen Artefakt Alte Feste, in dem vor Jahren das sogenannte Reiterdenkmal platziert war, dann hinunter zum Café Schneider, wo Apfelstrudel in der Vitrine steht. Deutsche Touristen lieben es, wenn sie von der Christuskirche am Goethe-Institut vorbeigehen und von deutschen Reiseführern begleitet werden. Warum hier Deutsch gesprochen wird, das hinterfragen die Wenigsten.

Was wissen die Menschen in Deutschland über Namibia? Wenig. Der Völkermord an den Herero und Nama ist kaum jemandem bekannt. Wenn es gut läuft, wird das Land als Touristenparadies angepriesen. Welche Geschichten aus Namibia ziehen in deutschen Medien? Die, die einen Bezug zu Deutschland haben.

Eine deutsche Fotografin stellt in Namibia aus? Deutschland beschließt ein Versöhnungsabkommen? Habeck reist nach Namibia, um über grünen Wasserstoff zu sprechen? So verfestigen wir immer wieder dieselben Stereotype und Bilder – dass Deutsche in ferne Länder reisen, um ihnen Entwicklung zu bringen. Dass Deutsche die Macher sind und Namibier*innen diejenigen, die Hilfe benötigen.

Ein weißer Fleck

Afrika ist für viele Menschen der westlichen Welt ein weißer Fleck auf der Landkarte. In der Berichterstattung geht es häufig um Krankheit, Konflikt und Korruption. Dabei gibt es in den 55 Ländern dieses Erdteils so viel Vielschichtigkeit und Innovation. Das Problem liegt auch darin, dass oftmals nur eine einzige Person als Korrespondent*in den gesamten Kontinent abdecken soll. Manchmal gibt es aber auch für jede Region – gemeinhin unterteilt in Nord-, Ost-, Süd- und Westafrika – eine Person, die für die Berichterstattung zuständig ist. In europäischen Ländern sieht das ganz anders aus, dort sind teilweise ganze Teams für ein Land zuständig.

Afrikanische Länder sehen nicht aus wie in dem auf Marvel-Comics basierenden Film „Wakanda Forever“. Ebenso wie Länder in Europa stehen sie vor Herausforderungen, die sich aus ihrer historischen und geografischen Lage erklären lassen. Die Folgen des Klimawandels sind schon in mehreren Gebieten Afrikas erkennbar. Ostafrikanische Staaten wie Somalia und Kenia stehen vor der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten. Aber wenn sich in einem solchen Land ein tödlicher Unfall ereignet, sollte das vielleicht keine Meldung für deutsche Medien sein, sondern für nationale Zeitungen. Denn eine solche negative und reduzierte Berichterstattung verzerrt die Realität vor Ort.

Es gibt mehrere Gründe für dieses Phänomen. Zum einen gibt es zu wenig Aufmerksamkeit von Redaktionen, zum anderen zu wenig Interesse aufseiten der Leserschaft – ein Teufelskreis. Dadurch schrumpft das Budget, das für Berichterstattung aus afrikanischen Ländern übrig bleibt. Als freie Journalistin zu überleben, wird schwierig. Ohne freie Korrespondierende fehlt es den Redaktionen aber an Mitarbeitenden, die wichtige Informationen liefern. Auch hier zeichnet sich ein gefährlicher Trend ab.

Bias in den Medien

Obwohl nicht alle Menschen in Deutschland weiß sind, gibt es insbesondere im Journalismus zu wenig Diversität. Viele Medienhäuser haben einen Bias. Kein Wunder also, dass Geschichten vom afrikanischen Kontinent, der geografisch und kulturell weit weg von Europa ist, nicht oft durchkommen.

Wer an Afrika denkt, hat Assoziationen von weiten Savannen, Steppenlandschaften oder üppigen Regenwäldern – nicht aber von einer innovativen Start-up-Szene, wirtschaftlichen Möglichkeiten oder fortschreitender Digitalisierung. Journalismus erzählt Geschichten von Menschen. Diese müssen wir zurück ins Bild einfügen.

Ein weiblicher Blickwinkel

Als Korrespondentin aus Namibia zu berichten, ermöglicht mir Zugang zu Personenkreisen, die andere Journalisten nicht unbedingt haben. So konnte ich über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf namibische Frauen in Townships berichten. Sie haben mich zu sich in ihr Zuhause eingeladen und davon erzählt, wie die Pandemie sie doppelt und dreifach belastet hat. Themen waren unter anderem Trauer und Ausbeutung, Gewalt und Isolation.

Allerdings war das nur möglich, weil ich mit der Berliner Fotografin Julia Runge zusammengearbeitet habe und wir ein Stipendium für die gemeinsame Umsetzung erhielten. In einer Redaktion gibt es für solche Arbeiten oftmals keine Zeit – und vor allem kein Geld.

Frauenrechte sind Menschenrechte. Als Journalistin sehe ich Themen, die meine männlichen Kollegen vielleicht nicht finden würden. Beispiele gefällig? Demonstrationen für die Legalisierung von Abtreibung, Proteste gegen Gewalt an Frauen, Periodenarmut oder warum digitale Rechte auf Twitter mit Frauenrechten einhergehen.

Als freie Journalistin zu arbeiten heißt, ohne Unterstützung auszukommen: Es gibt keine Redaktion im Rücken, niemanden, der einen schützt. Bei Recherchen über einen Ölkonzern, der Aktivistinnen und Aktivisten einschüchterte, musste ich vorsichtig vorgehen. Die Redaktion entschied sich nach meinen Recherchen, einen Teil des Artikels nie zu publizieren. Namibia hat nur 2,5 Millionen Einwohner – und insbesondere in Windhuk kennen sich die Menschen. Durch meine Recherche machte ich auf mich aufmerksam. Im Endeffekt entschied die Redaktion, dass ich dieses Risiko umsonst auf mich genommen hatte.

Natürlich gibt es auch Vorteile in einer solch kleinen Bubble. Ich kenne die Tochter des Energieministers und konnte mit den Olympia-Athletinnen Christine Mboma und Beatrice Masilingi einen Tag in ihrem Zuhause in Grootfontein verbringen, wo wir Xbox spielten und zusammen im Fitnessstudio trainierten.

Eigene Privilegien reflektieren

Die unterschiedlichen Erfahrungen machen das journalistische Arbeiten in Namibia so spannend. Ungleichheit ist eines der drängendsten Probleme im Land – von den Townships an der Küste des Landes zu den opulenten Hochzeiten im Norden, auf denen sich die politische Elite trifft. Dass ich all diese Beobachtungen machen und Erfahrungen sammeln kann, liegt vor allem an meinen eigenen Privilegien.

Als weiße, deutsche Frau in Namibia ist es unabdingbar, meine eigene Rolle als Journalistin zu reflektieren. Wie Julia Neumann es im Libanon erlebt, bedeutet auch hier weiß zu sein, dass sich viele Türen leichter öffnen als für schwarze namibische Journalistinnen. Dabei ist es unmöglich, vor Ort als deutsche Journalistin zu arbeiten und seine eigene Identität auszuklammern.

Das bedeutet, sich kritisch mit der Entwicklungszusammenarbeit der deutschen Regierung oder auch dem Versöhnungsabkommen zwischen Deutschland und Namibia auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bedeutet es auch, Visa-Prozeduren als ungerecht anzuerkennen und nicht nur Hotels und Restaurants im Besitz von Deutschen zu frequentieren.

Kolonialismus kontextualisieren

Wer als Journalistin in einer postkolonialen Gesellschaft lebt, muss seinem Publikum erklären, dass der Kolonialismus tiefe Gräben hinterlassen hat, die bis heute sichtbar sind und spürbar nachwirken. Viele Probleme und Konflikte in Namibia entstehen aufgrund von Ungleichheit, die durch eine hohe Arbeitslosenquote vorangetrieben wird. Diese existiert aber hauptsächlich wegen des deutschen Kolonialismus und des Apartheidsystems, dessen materielle Gegebenheiten sich in den letzten 30 Jahren seit der namibischen Unabhängigkeit nicht ungeschehen machen ließen.

Als Journalistin heißt es, Aufklärung zu leisten. Deswegen muss der „parachute journalism“, also der Fallschirm-Journalismus bei der Auslandsberichterstattung, aufhören: Wer für eine Geschichte eingeflogen wird, kann niemals einordnen, wie schwer bestimmte Realitäten wiegen.

In Namibia gelten andere Maßstäbe als in Deutschland. Wenn es um mediale Berichterstattung geht, geht es auch um Macht. Im Journalismus wird das offenkundig: Wer journalistisch arbeitet, extrudiert die Geschichten von Menschen, denen manche Chancen verwehrt bleiben, und verdient damit sein Geld. Die Menschen in den Townships aber leben von der Hand in den Mund.

Zuhören lernen

Manchmal lohnt es sich, an einem Ort zu bleiben, der sich unbequem anfühlt. Dort lässt sich viel lernen. Namibia ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden, der ich mit Faszination und Frustration gegenüberstehe. Vor fünf Jahren hätte ich das nicht erwartet. Auch als Journalistin bin ich an den Geschichten meiner Protagonistinnen und Protagonisten gewachsen. Trotzdem weiß ich, dass sich in der Zukunft etwas verändern muss. Namibier*innen sollten zunehmend Chancen bekommen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen – und wir als Deutsche öfter mal zuhören.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Die Autorin Lisa Ossenbrink arbeitet als freie Journalistin in Wort, Ton und Bild im südlichen Afrika. Ihre Arbeiten wurden bereits von Al Jazeera, der Deutschen Welle und der Deutschen Presse-Agentur veröffentlicht. Ihre Themen reichen von Technologie und Digitalisierung über Aktivismus zu Politik und internationalen Beziehungen.

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