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Serienkritik zu „Press“: Die Tabloid-Teufel von gegenüber

Die BBC-Serie „Press“ klagt die Durchtriebenheit des sich volksnah gebenden britischen Boulevardjournalismus an, aber überführt sich dabei selbst des Klassendünkels.

Obwohl Großbritannien nach Deutschland den zweitgrößten Zeitungsmarkt in Westeuropa stellt, assoziiert man hierzulande mit britischen Tageszeitungen nicht unbedingt Vielfalt, sondern vor allem einen enthemmten Boulevardjournalismus. Viele Vorwürfe mussten sich die britischen Tabloids über die Jahre gefallen lassen, in jüngster Zeit etwa, den Brexit herbeigeschrieben oder Windsor-Prinz Harry und seine Gemahlin aus dem Land geekelt zu haben.

Doch während diese Vorwürfe zumindest diskutabel sind, war die Beweislast im 2011 öffentlich gewordenen Abhörskandal um die Boulevardzeitung News of the World erdrückend. Über ein Jahrzehnt lang, so kam damals heraus, hatten britische Boulevardjournalisten, allen voran Redakteure von News of the World, für ihre Geschichten auf einem florierenden Schwarzmarkt persönliche Daten von Berühmtheiten, Opfern von Terroranschlägen und Morden erworben, deren Voicemails abgehört und zum Teil damit sogar Polizeiermittlungen behindert. Im Verlauf der anschließenden Untersuchungen der „Leveson-Kommission“ wurden weitere Vorwürfe gegenüber den im Besitz von Medienmogul Rupert Murdoch stehenden Boulevardmedien laut: Bestechung von Polizisten, erpresserische Recherchemethoden, Scheckbuchjournalismus und ein besorgniserregender Grad an Klüngelei zwischen den Blattmachern und britischen Politikern.

Das öffentliche Interesse an den Praktiken der britischen Boulevardmedien stieg dermaßen, dass der britische Drehbuch- und Theaterautor Mike Bartlett in den Folgejahren tatsächlich realisieren konnte, was er schon Jahre zuvor vergeblich mehreren Fernsehsendern angeboten hatte: eine Drama-Serie über britische Tageszeitungen. Schlicht und ergreifend „Press“ hieß dann die vom britischen Fernsehsender BBC One produzierte und von Regisseur Tom Vaughan realisierte Serie, zu der Bartlett das Drehbuch schrieb und deren sechs Episoden ab September 2018 ausgestrahlt wurden.

Zwei Zeitungen, zwei Welten

Im Zentrum der Serie stehen die Macher und Redakteure zweier konkurrierender, fiktiver Tageszeitungen, die sowohl realen Vorbildern entlehnt sind als auch für zwei Systeme stehen: Da wäre das mächtige Tabloid „The Post“, das Bartlett zufolge ein „Amalgam“ aus dem Murdoch-Blatt The Sun und dem Daily Mirror ist. Dagegen stellt „The Herald“ ein sogenanntes „Broadsheet“ dar, also eine dem seriösen Journalismus verpflichtete Zeitung, das britische Serienkritiker als glasklare Kopie des Guardian identifiziert haben. In hellblauen Lettern prangt der Zeitungstitel am mehrstöckigen Redaktionsgebäude des „Herald“, durch dessen in harmonischen Tönen gehaltenes Inneres leger gekleidete Redakteure hetzen. Weitaus größer und nur einen Katzensprung entfernt ragt der moderne Hochglanzbau der „Post“ hervor, zu dessen Büros die allesamt in Business-Montur erscheinenden Mitarbeiter auf Rolltreppen hochfahren. Grellrot ist ihr Zeitungstitel, den auch als „Red-Tops“ bezeichneten britischen Boulevardmedien entsprechend. Trotz dieses Zwei-Welten-Szenarios sind aufgrund der gleichen Profession Begegnungen zwischen Angehörigen beider Lager unvermeidlich, wenn nicht bei der Vor-Ort-Recherche, dann am mobilen Kaffeestand zwischen den beiden Gebäuden.

Dass sich zwei Zeitungen in London örtlich gegenüberstehen, wurde in britischen Rezensionen zur Serie bereits als einer von vielen Anachronismen bemängelt – schließlich seien die Tage, als fast alle überregionalen Blätter dicht an dicht in Gebäuden in der Londoner Fleet Street untergebracht waren, längst vorbei. Mittlerweile lägen die Redaktionen weit verstreut in der gesamten Hauptstadt und bestünden aus deutlich weniger Mitarbeitern, als wir in „Press“, situiert in der damaligen Gegenwart von 2018, zu Gesicht bekommen. Ins vorrangige Zuschauerinteresse rücken in „Press“ aber vor allem die zwei gegensätzlichsten Charaktere: Holly Evans (Charlotte Riley), die als engagierte Redakteurin des „Herald“ dessen Selbstauffassung als „preisgekröntes, kämpferisches, linksliberales Blatt, das Heuchelei und Korruption aufdeckt“ verkörpern soll – ihr Privatleben ist dabei natürlich auf der Strecke geblieben. Und Duncan Allen (Ben Chaplin), der teuflisch unbekümmerte Chefredakteur der „Post“, der in der ersten Episode recht offen das vorgebliche Hauptanliegen seiner Zeitung formuliert: „Das Leben ist hart, unsere Leser wollen kichern, so einfach ist das. Wir machen die Nachrichten, aber wir heitern die Leute auf.“

Kritik am Boulevard, Verständnis für Broadsheets

Wie die „Post“ diesen hohen Unterhaltungsfaktor erreicht, fokussiert gleich die erste Episode von „Press“: Redakteursneuling Ed Washburn (Paapa Essiedu) muss seinen ersten sogenannten „Death Knock“ absolvieren, der ihn in diesem Fall zum Haus der trauernden Eltern eines kürzlich verstorbenen Fußballspielers führt. Dieser hatte Selbstmord begangen, weil ein Ex-Liebhaber drohte, ihn mit kompromittierenden Fotos öffentlich zu outen. Auf Druck seiner Vorgesetzten tut Ed, was hierzulande auch als „Witwenschütteln“ bezeichnet wird: Er fordert ausführliche Interviews ein und droht, ansonsten seine eigene, die Hinterbliebenen brüskierende Fassung zu schreiben.

An der Figur von Ed, der in den weiteren Episoden immer tiefer in Gewissenskonflikte gerät, aber gleichzeitig eine Neigung zur Rücksichtslosigkeit an sich entdeckt, demonstriert „Press“ die ethisch bedenklichen alltäglichen Recherchemethoden des britischen Boulevardjournalismus. Noch interessanter wird es aber, wenn sich „Press“ der Chefetage widmet und den direkten Draht offenbart, den Duncan Allen zum Premierminister Matthew Harper (Elliot Levey) hat, der schon mal darum bittet, einen verleumderischen Artikel über den Chef der Stahlarbeitergewerkschaft zu schreiben. Ein Wunsch, den Duncan gern erfüllt – im Gegenzug für eine exklusive, auflagentreibende Homestory über den Premier und seine Familie. In diesem „Eine Hand wäscht die andere“-Verhältnis zwischen Medien und Politik wird Duncan von George Emmerson (David Suchet), dem Chief Executive Officer (CEO) des hinter der „Post“ stehenden Medienimperiums, gesteuert. Dieser wird nicht müde zu betonen, dass die „Post“ ihm trotz ihrer Marktführerschaft nur Verluste bereitet. Als der Premier die seit Langem bestehende Wechselbeziehung zwischen der „Post“ und der Landesführung aufkündigen will, erklärt ihm Duncan den Krieg, muss sich aber zugleich Emmerson beugen, der als Geschäftsmann Interesse an einem guten Verhältnis zum Premier hat.

Das sind wiederum Probleme, von denen Amina Chaudury (Priyanga Burford), Chefredakteurin des „Herald“ nur träumen kann – wobei sie natürlich aufgrund der allzeit in „Press“ demonstrierten Prinzipientreue des „Herald“ ohnehin nie von Quidproquo-Arrangements mit Politikern träumen würde. Sie hat stattdessen mit weitaus größeren Verlusten in der Leserschaft und bei Anzeigenerlösen zu kämpfen und laviert zunehmend zwischen der seriösen Berichterstattung über gesellschaftlich relevante Themen und bessere Verkaufszahlen versprechende Artikel mit Entertainment-Faktor. Und so wird mitunter sowohl bei der „Post“ als auch beim „Herald“ wiederholt über dieselben Inhalte in der Redaktionskonferenz entschieden – etwa, ob und wie man die jahrzehntealten Nacktfotos einer feministischen Politikerin thematisiert. Für Unmut sorgt bei den „Herald“-Redakteuren, die schon Zeuge von einigen Entlassungen wurden, zudem die zunehmende Vorsicht Aminas, wenn es um Enthüllungsberichte über die Mächtigen geht. „Du warst mal mutiger“, raunt ihr Investigativ-Reporter James (Al Weaver) zu, als sie die Story über Kinderarbeit für britische Textilfirmen aufgrund der minderjährigen Quellen ablehnt. Doch als sie grünes Licht für Hollys Artikel über das sexuelle Fehlverhalten eines mächtigen britischen Wohltäters gibt, hat der „Herald“ prompt eine Klage am Hals und darf in einer dramatischen Volte die aktuelle Ausgabe nicht veröffentlichen.

Und ewig lockt der Tabloid-Teufel

Es sind durchaus spannende und an reale Berichterstattungsfälle angelehnte Themen, die „Press“ in seinen sechs einstündigen Episoden verhandelt – nur leidet diese Serie leider an einer ärgerlichen Unausgewogenheit, was die Komplexität ihrer Charaktere betrifft. So kristallisiert sich bereits nach den ersten zwei Episoden Duncan Allen aufgrund seiner moralischen Ambivalenz, seiner ungeniert berechnenden und gleichzeitig unberechenbaren Art als interessanteste Figur heraus. Dies ist natürlich auch der grandiosen Darbietung Ben Chaplins zu verdanken. Aber ihm wurde von Drehbuchautor Mike Bartlett auch einfach mehr an die Hand gegeben als Schauspielerin Charlotte Riley, die als Holly Duncans moralisches Gegenstück verkörpern soll, aber dabei als konstant bierernste und in ihrer journalistischen Arbeit stets vorbildlich agierende Figur notgedrungen blass bleibt. Daher gehören die Szenen, in denen Duncan über den progressiven „Herald“ herzieht und versucht, Holly als Redakteurin für die „Post“ abzuwerben, zu den sehenswertesten von „Press“. Und seiner Kritik daran, dass der „Herald“ sich vergeblich an Nebenschauplätzen abarbeitet, während die „Post“ tatsächlich etwas bewirkt, hat Holly leider nichts entgegenzusetzen: „Während ihr versucht, die kleinen Heucheleien der Online-Welt aufzudecken, die es nicht wirklich gibt, beeinflussen wir Wahlergebnisse. Wir schützen das staatliche Gesundheitssystem, die Armen, die Stimmlosen. Aber wir machen es durch das unerhörteste Storytelling der Welt.“

Weltbild und Klassendistanz

Damit bestätigt Mike Bartlett in seiner Serie selbst, wessen sich die Tabloid-Journalisten in „Press“ durchweg rühmen: Sie machen einfach mehr Spaß. Dass dies ganz bestimmt nicht der eigentlichen Absicht seiner Serie entspricht, wird schmerzhaft auffällig in der Porträtierung der „Herald“-Angehörigen, die in ihren anklagenden Reden so verbissen wie bieder wirken. Dabei haben schon etliche Filme und einige Serien gezeigt, dass die Darstellung von vorbildlichem Journalismus keineswegs langweilige Figuren produzieren muss, etwa, wenn diese wie in „Die Unbestechlichen“ mit geschickter Abgebrühtheit glänzen oder wie in der Serie „The Newsroom“ ihre hohen Ideale selbst kritisch reflektieren.

Bei „Press“ hingegen geht diese Ehrenhaftigkeit Hand in Hand mit einer gekränkten Herablassung gegenüber der anvisierten Leserschaft, die den „Herald“ nur aus Unwissenheit verschmähen kann. In einer unfreiwillig entlarvenden Szene schulmeistert etwa die Chefredakteurin Amina einen Taxifahrer, der Nachrichten am liebsten über einen personalisierten Newsfeed auf seinem Mobiltelefon konsumiert: „Newsfeeds schränken Ihr Weltbild ein. Sie werten aus, was Sie mögen und geben Ihnen dann mehr davon. Sie sollten eine Zeitung kaufen – das ist besser für Sie.“ In einer besseren Serie wäre an dieser Stelle eine Diskussion darüber entstanden, inwiefern eine Tageszeitung mit dezidierter politischer Haltung das Weltbild eines Lesers erweitert oder einschränkt. In „Press“ fragt der Taxifahrer (den wir nur aus der Rückansicht sehen) Amina stattdessen bewundernd nach ihrem Werdegang aus und gibt dann folgsam Gas, damit sie es rechtzeitig in die Redaktion schafft. Aus dieser misslungenen Szene lässt sich die Art von Klassendünkel einiger progressiv-liberaler Medien herauslesen, die Boulevardmedien nur zu gern ausnutzen, um sich (zu Unrecht) als wahre Kämpfer für die Arbeiterklasse aufzuspielen. Und so trifft die ansonsten  durch und durch polemische Rezension der Sun zur Serie leider ins Schwarze, wenn darin die Rede davon ist, dass Mike Bartlett „wahrscheinlich auch noch nie einen Boulevardleser getroffen hat, ohne ihm zu sagen: Behalten Sie das Wechselgeld“.

Press

(BBC-Serie)
Großbritannien 2018
1 Staffel, 6 Episoden à ca. 60 Min.
Regie: Tom Vaughan. Drehbuch: Mike Bartlett
Kamera: Kate Reid
Besetzung: Charlotte Riley, Ben Chaplin, David Suchet, Priyanga Burford, Elliot Levey
Trailer: https://www.dailymotion.com/video/x6sdbp1

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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