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Warum Fake News sich so gut in deinem Gedächtnis festsetzen

Ihr Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ ist längst ein Bestseller geworden. Maren Urner beschreibt in ihrem Buch, wie die tägliche Informationsflut unserem Gehirn schadet. Der Fachjournalist veröffentlicht einen Auszug aus dem Buch, dieser sich mit der Verankerung von Fake News in unserem Gehirn widmet.

Ende Januar 2017 berichtet die Trump-Beraterin Kellyanne Conway von zwei irakischen Männern, die während der Obama-Präsidentschaft in die USA einreisten, sich dort radikalisierten und die Drahtzieher hinter dem Bowling-Green-Massaker seien. Einige Tage später beklagt sich Präsident Donald Trump während einer Ansprache, dass die »dishonest press« (»unehrliche Presse«) zu wenig über Terrorangriffe berichten würde. Es dauert nicht lang, bis sich herausstellt, dass das angebliche Massaker frei erfunden war. Conway rudert zurück und bezeichnet ihre Aussage via Twitter als einen »ehrlichen Fehler«. Also alles nicht so schlimm? Doch! Denn der Schaden ist bereits angerichtet. Eine Woche später stimmen in einer Befragung 51 Prozent der Trump-Unterstützer folgender Aussage zu: »Das Bowling-Green-Massaker zeigt, warum Trumps Einwanderungspolitik notwendig ist.« Typisch, die dummen Trump-Unterstützer … Moment, nicht so schnell! Auch du bist anfällig für solche Fehler. Denn auch der Großteil deines Gedächtnisses ist nichts weiter als eine fehlerhafte Abbildung der tatsächlichen Ereignisse, eingefärbt durch bestehende Muster in deinem Gehirn. Das glaubst du nicht? Dann hast du sicher nichts gegen einen kleinen Test:

Lies dir selbst folgende 15 Wörter einmal laut vor:

Tür – Glas – Scheibe – Schatten – Sims – Haus – offen – Gardine – Rahmen – Blick – Brise – Flügel – Blende – Jalousie – Aussicht

Fertig? Dann geht es erst mal weiter im Text.

Korrekturen haben es schwer in deinem Kopf

Angesichts der anhaltenden Debatte um Fake News fordern Medien und Politik meist mehr Fact-Checking, also eine stärkere Überprüfung von Fakten. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn es
Menschen und Maschinen gibt, die den ganzen Mist da draußen korrigieren, können wir den Fake News etwas entgegensetzen, und die Mythen in unseren Köpfen werden beseitigt.

So einfach ist die Sache aber leider nicht, denn dein Gehirn löscht falsche Informationen nicht einfach, wenn sie sich als falsch herausstellen, sondern hält beharrlich an ihnen fest. So sind die Menschen, die weiterhin davon überzeugt sind, es habe ein Massaker in Bowling Green gegeben, nicht einfach dumm, sondern ihr Gedächtnis funktioniert genau wie deines. Seit vielen Jahren erforschen Wissenschaftler, wie wir mit Korrekturen von Falschinformationen umgehen, und sämtliche Ergebnisse deuten darauf hin, dass dies nicht so abläuft, wie wir es uns erhoffen.

»Notruf aus einer Lagerhalle eingegangen!« So beginnt der kurze Zeitungsartikel, den die Versuchsteilnehmer in einer amerikanischen Studie vorgelegt bekamen. Darin wird ein fiktiver
Vorfall eines Brands in einer Lagerhalle beschrieben. Bei ihren Ermittlungen entdeckt die Polizei Gasflaschen und Ölfarben, die dort laut Sicherheitsvorschriften nichts zu suchen haben.
Ein klarer Fall von Nachlässigkeit.

Im Anschluss an den Zeitungsartikel werden allen Versuchsteilnehmern weitere Nachrichten zum Brand vorgelegt. Darin erfährt ein Teil der Probanden (Gruppe A), dass sich die Polizei geirrt habe, es wurden weder Gasflaschen noch Farbeimer gefunden. Der Vorwurf der Nachlässigkeit wird also zurückgezogen.

Für die übrigen Versuchsteilnehmer (Gruppe B) bleibt es bei der ursprünglichen Feststellung.
Werden die Versuchsteilnehmer aus beiden Gruppen nach dem Grund für die giftigen Flammen gefragt, nennen beide gleich häufig »brennende Farbe«. Gleiches gilt für andere Fragen,
die indirekt die Anwesenheit der Gasflaschen und Farbeimer überprüfen. Werden die Teilnehmer allerdings konkret nach dem Grund des Feuers gefragt, nennen nur circa 30 Prozent der Teilnehmer in Gruppe A Farbeimer und Gasflaschen. Zum Vergleich: Knapp 80 Prozent von Gruppe B gibt diese Antwort. Fast alle Befragten von Gruppe A können sich auf direkte Nachfrage an die Korrektur erinnern.

Wie kann das sein? Obwohl ein Großteil der Teilnehmer aus Gruppe A die Korrektur abgespeichert hat, nutzen viele weiterhin die nicht vorhandenen Farbeimer und Gasflaschen als Argumentationsgrundlage. Irgendetwas ist in ihrem Gedächtnis durcheinandergeraten.
Übertragen auf das vermeintliche Massaker in Bowling Green, können wir uns fragen, wie die Antwort der Trump-Unterstützer ausgesehen hätte, wenn sie direkt gefragt worden wären, ob
es ein Massaker in Bowling Green gegeben habe (anstatt zu fragen, ob sie der Aussage zustimmen, dass das Massaker zeige, dass Trumps Einwanderungspolitik notwendig sei).

Und damit zurück zu meinem kleinen Test: An welche Wörter von der ersten Liste erinnerst du dich?
(Merk sie dir oder schreib sie dir auf, aber lies erst dann weiter!)

Jalousie – Haus – Schlaf – Matte – Balkon – Fenster – Küche – Schrank – Gardine – Sofa– Dusche – Blick – Scheibe – Bett – Glas

Fertig? Dann lies ganz normal weiter.

Dein Gedächtnis ist kein Video der Realität

Über 80 Prozent der Menschen, die diese zweite Wörterliste vorgelegt bekommen, erinnern sich an das Wort Fenster. Obwohl es nicht auf der Wörterliste stand, die du zuerst gesehen hast.
Wenn du mir nicht glaubst, blättere einfach kurz zurück. Das kleine Experiment zeigt, dass unsere Erinnerung und unser Gedächtnis nicht einwandfrei funktionieren. Es ist ein wenig wie mit den Puzzleteilen der täglichen Berichterstattung: Auch hier setzt du imaginäre Puzzleteile zwischen die vorhandenen Teile, um ein zusammenhängendes Bild zu formen. Du suchst nach Schemata und greifst dabei auch auf Ideen zurück, die bereits widerlegt wurden. Das hat mit der Funktionsweise unseres Gedächtnisses zu tun: Wenn wir über ein bestimmtes Thema nachdenken, werden automatisch alte, bestehende Vorstellungen im Gehirn aktiviert. Denn auch wenn du es dir vielleicht manchmal wünschst, kannst du alte Informationen nicht nach Belieben wie auf einer Festplatte löschen.

Unser Gedächtnis funktioniert einfach nicht wie eine Kamera, die alles um uns herum aufzeichnet. Wenn du dich an etwas erinnerst, drückst du nicht einfach einen mentalen Wiedergabe-Knopf,
sondern bastelst dir basierend auf all deinen Erfahrungen und Mustern ein Bild zusammen. Das kann auch dazu führen, dass Versuchsteilnehmer, wenn sie direkt gefragt werden, wissen, dass keine Farbe in der Lagerhalle gefunden wurde, sich aber gleichzeitig mit der ja gar nicht vorhandenen Farbe das heftige Feuer erklären. Weil sie schließlich wissen, dass Farbe gut brennt. Und immerhin irgendwo in dem Zeitungsartikel etwas von Farbe berichtet wurde. So puzzeln sie sich eine logische – aber falsche – Erinnerung zusammen.

Wenn der Schuss nach hinten losgeht

Im schlimmsten Fall können Korrekturen sogar nach hinten losgehen und den Glauben an Falschinformationen oder eigene fehlerhafte Erinnerungen verstärken. Das kann schwerwiegende
Folgen haben, zum Beispiel wenn es um gesellschaftliche Themen, etwa aus dem Gesundheitsbereich, geht. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der weitverbreitete Mythos, die Mumps-Masern-Röteln-Impfung (MMR) könne Autismus auslösen. Der Grund für diesen Irrglauben ist eine Studie mit gefälschten Daten aus dem Jahr 1998. Noch heute glauben viele Menschen, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfungen im Allgemeinen und Autismus gebe. Wäre unser Gehirn eine Wahrheitsmaschine, die Entscheidungen aufgrund der vorliegenden Beweislage trifft, ließe sich ein solcher Irrglauben ganz einfach korrigieren. Häufig passiert jedoch genau das Gegenteil: Lesen impfkritische Eltern Informationsbroschüren, die erklären, dass es keine wissenschaftlichen Befunde für einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt, sinkt deren Bereitschaft, ihre Kinder zu impfen, noch weiter. Das, obwohl sie gleichzeitig angeben, weniger als zuvor an den nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen zu glauben. Selbst wenn ein Irrglauben erfolgreich korrigiert wurde, kann er also weiterhin dein Verhalten beeinflussen. Dein Gehirn macht dir dabei manchmal einen Strich durch die Rechnung, weil es zurückfeuert, wenn jemand versucht, alte Annahmen in deinem Kopf zu widerlegen. Entsprechend wird dieses Phänomen als Backfire-Effekt bezeichnet.

Spricht eine Beraterin des US-Präsidenten also über einen ausgedachten Anschlag wie das Massaker in Bowling Green, passt diese Information in zahlreiche bereits existierende Denkmuster, zum Beispiel: die Angst vor Terroranschlägen, die Vorstellung, Migranten seien gefährlich, die Annahme, die Presse berichte nicht über das, was passiert usw. Die Assoziation mit diesen Mustern ist bei manchen Menschen so stark, dass eine nachträgliche Richtigstellung nicht ausreicht. Die bestehenden Denkmuster sind im Gehirn so fest verankert, dass einer oder gar mehrere Korrekturversuche dagegen nicht ankommen.

Dein Gehirn austricksen

Um Falschinformationen nicht zu hartnäckigen Mythen werden zu lassen, sind wir alle gefragt, egal ob als Gesprächspartner im Alltag, Politiker oder Journalist. Vier Dinge können wir dabei
besonders beachten:

1. Wiederholungen vermeiden (besonders in Überschriften)
Je öfter eine falsche Information wiederholt wird, desto besser bleibt sie hängen. Daraus ergibt sich besonders für die Berichterstattung häufig ein schwieriger Spagat. Denn um eine Falschinformation
korrigieren zu können, müssen wir sie benennen. Wenn sie allerdings schon in der Überschrift (ohne Korrektur) steht, sorgt das im Gehirn jedes Mal für eine Aktivierung der entsprechenden Gedächtnisspur und damit für eine stärkere Erinnerung an die Falschinformation.

Hinzu kommt, dass mittlerweile ein Großteil unseres Nachrichtenkonsums darin besteht, Überschriften zu überfliegen – besonders online. Deshalb sollte der Inhalt der Falschinformation
nicht bereits in der Überschrift auftauchen, Zusammenhänge und Aufklärung bleiben ansonsten auf der Strecke. Statt Überschriften wie »Kellyanne Conway und das Bowling-Green-Massaker, das nicht war« oder »Trump-Unterstützer sagen: ›Bowling-Green-Massaker rechtfertigt Einreiseverbot‹« wäre diese Überschrift also deutlich besser: »Trump-Beraterin verbreitet weitere Falschinformation – dieses Mal zu Bowling Green«.

Später im Artikel – also dort, wo viele Online-Leser gar nicht mehr ankommen – kann die Falschinformation natürlich detaillierter genannt und widerlegt werden. Das würde Menschen
wie Trump, die häufig Falschinformationen verbreiten, etwas den Wind aus den Segeln nehmen und damit vielleicht auch die Frequenz solcher Behauptungen verringern.

2. Warnungen helfen
Ähnlich wie bei explosiven oder giftigen Stoffen können wir auch Aussagen mit einem Warnhinweis versehen. Die sind besonders effektiv, wenn sie direkt zu Beginn genannt werden. Am besten sollte die Falschinformation explizit gemacht werden. Außerdem hilft es, zu erklären, was diese für einen Einfluss auf das Gedächtnis haben können.

Ich kann mir nicht helfen und muss die Frage stellen: Wie sähe eine solche Kennzeichnungspflicht wohl für manches Werbevideo aus? Vielleicht so: »Folgendes Video enthält frei erfundene Behauptungen, die Sie dazu verführen sollen …«

3. Das Prinzip der Bullshit-Asymmetrie
»Der Aufwand, um Bullshit zu widerlegen, ist zehn Mal so hoch wie der Aufwand, um ihn zu produzieren.« So in etwa lautet in einem Satz Brandolinis Gesetz, auch als Prinzip der Bullshit-Asymmetrie bekannt. Nachdem er eine Fernsehdiskussion mit Silvio Berlusconi gesehen hatte, twitterte der italienische Programmierer Alberto Brandolini sein »Gesetz«, das ob seiner Griffigkeit schnell Verbreitung fand. Die bisherigen Forschungsergebnisse zur Frage, wie gut (oder schlecht) sich Falsches in unseren Köpfen korrigieren lässt, stimmen dabei mit Brandolinis These überein. So greift auch ein Artikel in der angesehenen Fachzeitschrift Nature die Bullshit-Asymmetrie auf. Mit anderen Worten: Eine kleine Richtigstellung auf Seite 15, rechts unten oder am Ende einer Unterhaltung, reicht nicht aus, um Fake News aus deinem Kopf zu löschen. Es gilt, ständig dranzubleiben, wenn wir mit Mythen aufräumen wollen, auch wenn du den Backfire-Effekt überwinden willst.

4. Lücken wieder füllen
Ein Tisch auf drei Beinen wackelt. Ähnlich ergeht es unserem Gedächtnis, wenn jemand versucht, einen Mythos zu widerlegen, und dort eine Lücke hinterlässt. Als die Versuchsteilnehmer der oben erwähnten Studie gesagt bekamen, dass weder Farbeimer noch Gasflaschen in der Lagerhalle vorhanden waren, entstand eine Erklärungslücke. Irgendetwas musste schließlich den Brand befeuert haben. Die Studie ging noch weiter, denn tatsächlich wurde einem Teil der Studienteilnehmer ein Lückenfüller angeboten. Sie lasen, dass ein Brandstifter für das Feuer verantwortlich gewesen sei. Ausgestattet mit einem neuen mentalen Tischbein, bezogen sich diese Teilnehmer nun in ihren Antworten weniger häufig auf Gasflaschen und Farbeimer.

Alternative Erklärungen sind nicht immer vorhanden oder lassen sich nicht so einfach beschreiben. Es spricht aber alles dafür, dass du diese, wann immer sie verfügbar sind, erwähnen solltest. Wo aber nur damit anfangen? Vielleicht bei dir selbst und der Unzulänglichkeit deines eigenen Gedächtnisses. Dafür musst du nur an die Gardine zurückdenken, an die du dich fälschlicherweise erinnert hast. Die dir gezeigt hat, wie einfach dein Gedächtnis dich täuscht. Vielleicht musst du nur anerkennen, wie wenig Kontrolle du über Falschinformationen … Moment mal … Gardine?

Hinweis: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren“ von Maren Urner, erschienen im Droemer Verlag (2019).

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Maren Urner studierte Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland, Kanada und den Niederlanden und promovierte am University College London. 2016 gründete sie Perspective Daily mit, das erste werbefreie Online-Magazin für Konstruktiven Journalismus. Seit April 2019 ist sie Dozentin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.

Kommentare
  1. Besserwisser sagt:

    Ein Tisch auf drei Beinen wackelt eindeutig nicht. Er kann schief stehen, aber nicht wackeln, denn es gibt nur eine Ebene, die durch drei vorgegebene Punkte verläuft. Nur ein Tisch mit mehr als drei Beinen kann wackeln.

    Das ist also also eine „Fake News“ und man kann nur hoffen, dass die anderen Aussagen des Textes richtiger sind.

  2. Nilz sagt:

    „Ein Tisch auf drei Beinen wackelt“??? Das ist falsch!
    Ein Tisch mit vier Beinen neigt viel eher zum Wackeln.
    https://www.gostudent.org/de/q/warum-kann-ein-tisch-mit-4-bei_20b86ec4-e23f-473a-8ca1-00e456510f7a

  3. Bähr, Wilfried sagt:

    Aufschlussreich und hilfreich. Aber mit einem Argumentationsfehler, der zu banal ist, um selbst als Fake bezeichnet zu werden: Dreibeinige Tische können nicht wackeln, vierbeinige sehr wohl.

  4. Fritz Mayer sagt:

    Zitat aus ‚4. Lücken wieder füllen‘: „Ein Tisch auf drei Beinen wackelt.“

    Warum sollte ein Tisch auf drei Beinen wackeln? Genau das tut er nämlich nicht, da drei Punkte im Raum eine Ebene definieren. Eventuell ist die Tischplatte nicht waagrecht oder der Tisch fällt um, aber wackeln kann er definitiv nicht.
    Ein Tisch mit vier Beinen jedoch kann sehr wohl wackeln, wenn die Tischbeine unteschiedliche Länge haben.

    Also handelt es sich beim dreibeinigen, wackeligen Tisch um ein schlechtes, aber auch amüsantes Beispiel just im Kapitel über Fake-News.
    😉

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