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„Man muss sich als Journalist vor zu viel Nähe hüten“

Ende September wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Der Fachjournalist sprach mit Michael Schlieben, politischer Korrespondent bei Zeit Online, über den Wahlkampf in Corona-Zeiten, Politikjournalismus im Allgemeinen und darüber, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrer Amtszeit in die Fußstapfen Helmut Schmidts bei der Zeit treten wird.

Der diesjährige Bundestagswahlkampf wird angesichts der Corona-Pandemie überwiegend digital stattfinden. Was erwartet uns in diesem Wahlkampf?

Die Parteien planen derzeit zweigleisig: Einerseits werden für Präsenzveranstaltungen Hallen gebucht und alle hoffen, dass Veranstaltungen auf den Marktplätzen der Republik möglich sind. Andererseits hat man bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März schon gesehen, dass vieles auch digital stattfinden kann.

Digital hat auch Vorteile: Neulich hat mir ein Wahlkampfplaner der SPD gesagt, dass man Veranstaltungen, wie man sie gerade durchführt, früher nie hätte machen können. So kamen etwa ad hoc 80 Pflegerinnen und Pfleger aus Nordrhein-Westfalen zu einer digitalen Partei-Veranstaltung zusammen, um über berufsspezifische Probleme zu reden. Das war vor zwei, drei Jahren technisch zwar möglich, aber nicht denkbar. Die Hemmschwelle für Wähler und Politisch-Interessierte ist niedriger geworden, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen.

Haben Sie einen Tipp, welche Partei das Rennen machen und den Kanzler bzw. die Kanzlerin stellen wird?

Das ist schwer zu prognostizieren − too close to call. Einerseits ist Annalena Baerbock wahnsinnig stark gestartet und die Wechselbereitschaft in Deutschland ist historisch groß – Umfragen zufolge höher als 1998 oder 2005. Das spricht vor allem gegen die CDU. Andererseits: Je näher der Wahltermin rückt, umso mehr orientieren sich die Wähler wieder hin zu den Regierungsparteien. Das konnte man zuletzt immer wieder beobachten. Insofern ist davon auszugehen, dass die CDU wieder ein bisschen zulegt. Olaf Scholz sollte auch nicht komplett unterschätzt werden. Bisher dümpelt seine Partei bei 15 Prozent, aber die SPD hat noch ein wenig Wachstumspotenzial.

Das Wahlergebnis kann von vielen Sachen abhängen. Eine blöde Äußerung von irgendeinem Minister oder eine andere Affäre können zu gewaltigen Shitstorms führen. Wir leben in einer volatilen Stimmungsgesellschaft und da sind Ausschläge von vier bis fünf Prozent nach unten und oben immer möglich.

Eines ist sicher: Der neue Kanzler bzw. die neue Kanzlerin wird einen anderen Kommunikationsstil haben. So twittern etwa alle Kanzlerkandidaten, im Gegensatz zu Amtsinhaberin Angela Merkel. Mit was ist zu rechnen in Bezug auf die Kommunikation?

Sowohl Annalena Baerbock als auch Olaf Scholz sind nicht die großen Twitterer. Beide haben kürzlich während einer Diskussion betont, dass sie nur wenig Zeit in sozialen Medien verbringen.

Selbstverständlich ist die Kommunikation in der Politik eine andere als zu den Zeiten, als Angela Merkel aufgestiegen ist – also Anfang der Nullerjahre. Generell gibt es im Umfeld der Spitzenkandidaten und der Parteien eine sehr wache und schnelle Onlinekommunikation.

Gerhard Schröder schrieb in seinem Nachruf auf den legendären Spiegel-Journalisten Jürgen Leinemann, dass sich die beiden in den 1980er-Jahren menschlich viel zu nahegekommen seien. Leinemann versuchte, eine journalistische Distanz wieder aufzubauen, und schrieb über Schröder zehn Jahre lang keine Artikel. Auch der ehemalige Chefredakteur des Cicero, Christoph Schwennicke, sprach in einem Artikel von einem „süßen Gift der Schmeicheleien“ von Politikern gegenüber Journalisten. Kennen Sie solche Gefahren?

Ein bisschen schon. Man muss sich aber auch um Nähe zu Politikern bemühen. Ich bin jetzt seit mehr als zehn Jahren Politikjournalist. Teils habe ich mit Politikern quasi zusammen beruflich angefangen. Damals haben die Politiker etwa Jugendorganisationen geführt oder waren neu im Bundestag. Die jungen Politiker von einst kenne und beobachte ich schon lange und finde sie teilweise auch nicht ganz unsympathisch.

Selbstverständlich muss man sich aber als Journalist vor zu viel Nähe hüten. Es ist wichtig, eine gewisse Distanz gegenüber Politikern zu wahren. Beispielsweise duze ich keinen Politiker.

Wie baut man als Journalist Kontakt zu Politikern auf?

Das geschieht über Jahre. Man trifft sich auf Veranstaltungen, wo man sich kennenlernt, oder führt mit ihnen Interviews oder Hintergrundgespräche. Es gibt Spitzenpolitiker, zu denen ich inzwischen einen relativ niedrigschwelligen Kontakt habe – mit denen ich zum Beispiel über Messenger kommuniziere und Antworten erhalte.

Manche Politiker sind auch spröde und nicht so zugänglich. Gerade in der Corona-Zeit ist es nicht leicht, Nähe und Vertrauen aufzubauen. Man ist eben nicht auf einem Parteitag in der Provinz, um ein interessantes Gespräch mit einem Politiker zu führen und sich somit gegenseitig in Erinnerung zu bleiben. Damit ergeben sich auch keine Anschlusstermine in Form eines weiteren Gesprächs oder Interviews.

Stichwort Professionalisierung: Inzwischen haben einige Parteien und Ministerien eigene Newsrooms, wie zum Beispiel das Verkehrsministerium. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Wenn die Ministerien und Parteien ihre Kommunikation nicht professionalisieren würden, wäre es nicht zeitgemäß. Trotzdem nervt es natürlich manchmal, wenn die Pressestellen darauf verweisen, dass ihr Chef vom Dienst heute Morgen schon um neun Uhr eine Pressemitteilung herausgegeben hat und der Minister für ein Statement leider nicht zur Verfügung steht – oder nur für den eigenen Hauskanal. Gute Ministerien und Pressesprecher achten aber schon darauf, dass es weiterhin eine direkte Kommunikation mit den Entscheidungsträgern für die Presse gibt.

Der irische Journalist Derek Scally, der auch für Die Zeit schreibt, empfindet den Journalismus in seiner Wahlheimat Deutschland als deutlich höflicher im Vergleich zu dem, was er aus seiner Heimat Irland kennt. Er sagt: „Überall liest und hört man das Wort ‚dürfen‘ und die Frage ‚Darf man das?‘. Das ist für mich Tugend-Journalismus.“ Er sagt zudem: „Da will der Autor des Textes seinen Lesern zeigen, welche hohen moralischen Werte er doch vertritt.“ Warum ist der Politikjournalismus in Deutschland so höflich?

Höflichkeit ist ja per se nichts Schlechtes. Wenn man sachlich bleibt, sich in die Augen schaut und nicht nur auf Erregung und Konfrontation aus ist, sondern auf Austausch und auf Verstehenwollen, finde ich das besser, als wenn man ideologischen Journalismus verfolgt. Ein Negativ-Beispiel sind die Trump-Jahre, wo es in den USA eigentlich nur darum ging, wer in welchem Lager steht und sich gegenseitig diskreditiert.

Dennoch sollten Journalisten hart nachfragen?

Selbstverständlich. Das passiert ja auch oft, allein schon im ZDF heute journal oder in den ARD-Tagesthemen in den Interviews mit Politikern. Ich war schon auf vielen Pressekonferenzen, wo sehr konfrontative Diskussionen zwischen Politikern und Journalisten stattfanden.

Bei der ZEIT gehört eine gewisse Höflich- und Sachlichkeit wohl tatsächlich zur Tradition. Ich finde aber, dass man den deutschen Journalisten nicht nachsagen kann, dass wir Informationen unter den Tisch fallen lassen.

Was macht einen guten Politikjournalisten aus?

Wichtig ist, objektiv zu sein. Es gibt in den Medien die Tendenz zu einer Art Meinungs- und Lagerjournalismus. Ich lese solche Artikel manchmal auch gerne und ertappe mich dabei, wie ich nicke oder den Kopf schüttle. Man merkt aber den Texten an, dass zum Teil die Meinung vor die Fakten gestellt wird. Dass Inhalte weggelassen oder ein bisschen verkürzt dargestellt werden, um die These noch stärker zu bringen.

Im Allgemeinen: Politik ist komplex, langwierig. Politikjournalisten sollten diese Prozesse gut, gern auch unterhaltsam veranschaulichen können.

Wie finden Sie es, wenn Politikjournalisten Mitglied einer Partei sind?

Guter Journalismus ist überparteilich, deshalb finde ich persönlich, dass Journalisten nicht Mitglied in einer Partie sein oder dies zumindest transparent machen sollten. Wir haben in der Redaktion auch schon öfters darüber diskutiert, ob Journalisten zu Demonstrationen gehen und sich dort einbringen dürfen.

Und? Dürfen Ihre Kollegen bei der Zeit an Demonstrationen teilnehmen?

Ja. Aber wenn einer als Teilnehmer etwa zu einer Fridays-for-Future-Demo geht, sollte er bei uns nicht darüber schreiben.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Wir haben jeden Tag zwei Konferenzen, eine Ressortkonferenz und eine der Gesamtredaktion. Dort besprechen wir, welche Themen gerade wichtig sind. Danach schwärmen wir aus, telefonieren, schreiben. Vor Corona war ich viel im Bundestag unterwegs, auf irgendwelchen Veranstaltungen in Berlin oder als Reporter in Deutschland. Da habe ich zugehört, beobachtet und mit den Leuten gesprochen.

Haben Sie nur täglich die beiden festen Konferenzen? 

Es gibt auch wöchentliche Konferenzen, speziell zur Innenpolitik. Es kommt auch zu Ad-hoc-Konferenzen, wenn irgendein Thema aufploppt – etwa die Aserbaidschan- und Maskenaffäre bei der Union. Dann setzen sich die Kollegen, die Ahnung davon haben, zusammen und überlegen sich Zugänge: Was können wir in den nächsten Tagen darüber schreiben? Bei Zeit Online nennen wir das “Tinsel”“. Das Wort setzt sich aus den Wörtern Themen und Insel zusammen.

Sie schreiben viele politische Analysen. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich habe im Bereich Zeitgeschichte studiert und mit Franz Walter und anderen Forschern tolle Leute kennengelernt. Da habe ich gelernt, wie man Politik deuten und analysieren kann. Später war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter in Göttingen bei der Arbeitsgruppe Parteienforschung und habe dort auch promoviert. Von dieser Zeit profitiere ich noch heute.

Genau kann ich das auch nicht sagen, wie ich beim Verfassen einer politischen Analyse vorgehe. In den Konferenzen schlage ich Themen vor – wie zum Beispiel verpatzte Wahlkämpfe und was man von früheren gescheiterten Kanzlerkandidaten lernen kann. Zu diesem Thema habe ich alte Studien, etwa über den Scharping-Wahlkampf, gelesen. Da fallen mir Quervergleiche ein: Ach stimmt, bei Laschet ist es ja gerade ganz genauso; oder: Das macht er doch wirklich anders als die Loser in der Vergangenheit. In diesem Moment bildet man Thesen oder clustert. So entsteht dann innerhalb von zwei, drei Tagen ein Text.

Sie versuchen also, sich mit Ihren Texten von den anderen abzuheben. Wie gelingt das?

Naja, abheben ist vielleicht zu viel gesagt. Aber bei den Konferenzen versuchen wir uns meist schon einen originellen Zugang zu überlegen oder besprechen, was uns Interessantes aufgefallen ist. Ein Kollege sagt manchmal: Bloß keine „Stino-Texte“! „Stino“ steht für stinknormal.

Es gibt aber manchmal auch Texte, denen man anmerkt, dass da jemand super originell sein will. Das kann auch in die Hose gehen. Wenn am Thema vorbeigeschrieben wurde.

Was würden Sie angehenden Politikjournalisten raten, die am Beginn ihrer Karriere stehen?

Es schadet nicht, sich in der Politik auszukennen. Angehende Politikjournalisten sollten Vorgänge einordnen können, auch wissen, was vor fünf bis zehn Jahren in der Politik passiert ist. Und sie sollten sich mit neuen Formaten vertraut machen. Das ist ein Privileg der Jungen und die können das auch viel besser als etwa meine 60-jährigen Zeit-Kollegen; die werden sicherlich nicht mehr gute TikToker.

Was glauben Sie, wie sich Politikjournalismus in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird?

Der Blick in andere westliche Länder zeigt, dass die Polarisierung stärker wird bzw. stärker geworden ist, wie etwa in den USA. Viele Medien sind dort richtige Meinungsbollwerke. Es gibt zahlreiche ideologische Gruppen, die sich untereinander diskreditieren und bekämpfen.

Deutschland ist da noch ein bisschen zurückhaltender als die USA. Andererseits wäre es naiv zu denken, dass diese Trends nicht auch auf uns eine gewisse Wirkung haben und sich auch in den Medien widerspiegeln.

Ein derzeitiger Trend sind Live-Formate. Noch vor der Bundestagswahl soll der Fernsehsender Bild-TV an den Start gehen. Auch die privaten Fernsehsender wie RTL oder ProSieben setzen verstärkt auf politische Inhalte und Nachrichtenformate, um sich von Anbietern wie Netflix, Amazon Prime und Co. abzugrenzen.

Bei Zeit Online experimentieren wir auch mit Live-Formaten. Zur US-Wahl hatten wir die ganze Nacht einen Live-Video-Podcast. Das war totales Neuland für uns. Von der Leserschaft wurde es sehr gut angenommen.

Generell befinden wir Medien uns gerade in eine super spannenden Phase. Thematisch passiert sehr viel. Es gibt Umbrüche ohne Ende, die Medien entwickeln sich ständig weiter. Und es gibt ein großes Interesse vonseiten der Leser. ZEIT ONLINE hat eine Reichweite wie nie zuvor; anderen Online-Medien geht es ähnlich.

Welche Formate sind bei der Zeit für die Bundestagswahl geplant?

Es wird Live-Formate geben, vieles ist aber noch in Planung und ich kann darüber noch nicht sprechen. Ein Projekt, das bereits bekannt ist, ist unser Panel der 49. Wir lassen 49 Menschen, die repräsentativ für die deutsche Gesellschaft stehen, zu aktuellen Themen diskutieren. Hierzu wird es auch Live-Formate geben.

Abschließend noch eine Frage zu Ihrem Arbeitgeber, der Wochenzeitung Die Zeit. Viele Jahre war der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt Herausgeber und schrieb Beiträge. Können Sie sich eine Zusammenarbeit mit der sich bald im Ruhestand befindenden Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Zeit vorstellen? Oder passt Angela Merkel nicht in deren Profil?

Angela Merkel ist eine interessante Gesprächspartnerin, eine interessante Figur der Zeitgeschichte. Dass sie auch künftig interviewt oder für einen Gastbeitrag angefragt wird, kann ich mir gut vorstellen. Dass sie die nächste Herausgeberin der ZEIT wird, glaube ich eher nicht. Sie hat immer wieder betont, dass sie nach ihrer Kanzlerschaft kein Amt mehr anstrebt. Ich denke, das ist glaubhaft; sie wird jetzt nicht etwa die nächste UN-Generalsekretärin. Bestimmt wird man sie aber ab und zu noch irgendwo sehen – dafür ist sie zu jung und zu wertvoll für die Gesellschaft, als dass sie jetzt komplett verstummen würde.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Michael Schlieben – Fotocredit: Michael Heck für ZEIT ONLINE

 

Michael Schlieben arbeitete vor seiner journalistischen Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Hier verfasste er mehrere Studien, auch seine Doktorarbeit zu politischen Karrieren in der Bundesrepublik entstand in dieser Zeit. Seit 2007 schreibt er für ZEIT ONLINE. Von 2013 bis 2018 war er Ressortleiter Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Seit drei Jahren ist er Politischer Korrespondent.

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